Olaf Scholz will nach dem Rücktritt von Andrea Nahles nicht SPD-Chef werden. Und CDU-Politiker Norbert Röttgen beweist beim Thema Klimaschutz Selbstkritik: Ähnlich ereignisreich wie der Tag ging es am Sonntagabend auch bei "Anne Will" weiter.

Fabian Busch
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von Fabian Busch, Freier Autor

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Was ist das Thema bei "Anne Will"?

Eigentlich sollte es an diesem Abend darum gehen, ob die Große Koalition nach den Europawahlen mehr für den Klimaschutz unternehmen wird.

Doch die Ereignisse des Tages haben das Programm bei Anne Will am Sonntag zumindest zum Teil über den Haufen geworfen. Bevor das Klima an der Reihe ist, geht es auch noch um den Paukenschlag des Sonntags: den Rücktritt von Andrea Nahles als Partei- und Fraktionsvorsitzende der SPD.

Wer sind die Gäste?

Olaf Scholz: Der SPD-Bundesfinanzminister zeigt sich "total betroffen" vom Rückzug von Andrea Nahles. Und er stellt gleich zu Beginn der Sendung überraschend deutlich klar: Er will nicht ihr Nachfolger als Parteichef werden - er fände so einen Schritt sogar "unangemessen", wenn er gleichzeitig Minister bleibt: "Zeitlich geht das gar nicht", ist Scholz überzeugt – obwohl Sigmar Gabriel den Parteivorsitz und ein Ministeramt seinerzeit sehr wohl kombiniert hatte.

Norbert Röttgen: Der CDU-Politiker sagt über die Zukunft der schwer angeschlagenen Großen Koalition: "Ich bin der Meinung, dass es weitergehen sollte - aber nicht so, wie es bisher war." Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschuss fordert von den Parteien des Bündnisses genau das, was bisher schon häufig vergeblich gefordert wurde: gemeinsamen Regierungswillen.

Luisa Neubauer: Die 23-jährige Geografie-Studentin gehört zu den Köpfen der "Fridays-for-Future"-Bewegung. Auch wenn sie Mitglied der Grünen ist, die von einem Ende der Großen Koalition und Neuwahlen wahrscheinlich profitieren würden: Ihr ist wichtiger, dass jetzt schnell ein Klimaschutzgesetz kommt. Das hätten die Europawahlen gezeigt, sagt Neubauer - und kritisiert: "Und was passiert? Wir sitzen eine Woche später in einer Talkshow und sprechen über Personalien."

Cerstin Gammelin: Ein unglaubwürdiges Grundrentenkonzept, ein langweiliger Wahlkampf, eine Europa-Spitzenkandidatin Katarina Barley, die nicht durchgedrungen ist: Aus diesen Gründen findet die Berlin-Korrespondentin der "Süddeutschen Zeitung", dass in der SPD nicht nur Andrea Nahles Fehler gemacht habe. "Wo bleibt der Rest der Verantwortung?", fragt Gammelin.

Claudia Kade: Die Ressortleiterin Politik der Tageszeitung "Die Welt" lässt kein gutes Haar am Zustand der SPD. Was den Umgang mit dem Spitzenpersonal angeht, seien die Sozialdemokraten "die brutalste Partei, die wir in Deutschland haben", findet Kade: "Will man eigentlich noch eine Stimme abgeben für einen Verein, der so miserabel miteinander umgeht?"

Was war das Rede-Duell des Abends?

Als die Runde zum Klimaschutz übergeht, bringt die junge Aktivistin Luisa Neubauer die Politiker in Bedrängnis. "Wir sind nicht auf der Höhe der Zeit", sagt der ehemalige Bundesumweltminister Röttgen über die Klimapolitik der Union.

Doch auch soviel Selbstkritik besänftigt Neubauer nicht. "Scheinheilig" nennt sie die Ankündigung, dass die Bundesregierung nun in das Thema einsteigen werde. "Wir wissen, dass Ihre Minister da seit Monaten blockieren", kritisiert sie mit Blick auf die CDU-Vertreter im Kabinett.

Interessant ist, dass die Politiker sich kaum in eine Diskussion mit ihr wagen - fast als würden sie die Jugend nicht noch weiter verprellen wollen.

Was war der Moment des Abends?

Neubauer schont auch den Sozialdemokraten Scholz nicht - und drängt ihn zu einer mutigen Ankündigung: Noch in diesem Jahr werde die Große Koalition ein Klimaschutzgesetz auf den Weg bringen, sagt der Bundesfinanzminister: "Ich verspreche es." Sogar zu einer CO2-Steuer erklärt Scholz: "Ich finde, dass wir so etwas entwickeln müssen."

Bei seinem Koalitionspartner dürfte eine solche Ankündigung für helle Aufregung sorgen - dort ist eine solche CO2-Steuer wenig beliebt. Nicht umsonst fragt deshalb auch die Welt-Journalistin Claudia Kade: "Wie können Sie denn ein Versprechen geben, das die Unionsseite mit einschließt?"

Wie hat sich Anne Will geschlagen?

Dieses Mal hat die Moderatorin die Runde im Griff und zeigt sich gut vorbereitet. Besonders bei den Politikern fragt sie kritisch nach, wenn ihr deren Antworten nicht reichen.

Im Umgang mit Klima-Aktivistin Neubauer ist allerdings Journalistin Gammelin mutiger: Sie will von der Studentin wissen, ob die Fridays-for-Future-Bewegung nicht auch die Diskussion mit den Menschen suchen müsste, die in der klimaschädlichen Kohleindustrie ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Was ist das Ergebnis?

Scholz will nicht SPD-Parteichef werden und verspricht ein schnelles Klimaschutzgesetz: An konkreten Aussagen und Versprechen mangelt es in dieser Runde nicht. Die Stunde vergeht schnell - auch ohne harte Wortgefechte und aggressive Diskussionen.

Vielleicht hätte es sich allerdings gelohnt, neben dem wichtigen Schutz des Weltklimas auch noch genauer auf das Klima innerhalb der Parteien einzugehen. Schließlich zeigt der kompromisslose Rückzug von Andrea Nahles, dass es in den Volksparteien inzwischen wirklich geradezu brutal zugeht.

Wie können Parteien und Medien dazu beitragen, dass Politiker mit sich selbst in Zukunft vielleicht ein Stück rücksichtsvoller umgehen? Diese Frage hätte die Runde ebenfalls klären sollen.

Teaserbild: © NDR/Wolfgang Borrs