Ist das Coronavirus doch nicht gefährlicher als die saisonale Grippe und hat dies sogar das Robert-Koch-Institut bestätigt? Ein Artikel mit diesen Aussagen wurde tausendfach auf Facebook geteilt. Er enthält jedoch falsche Berechnungen - das RKI hat nichts dergleichen behauptet.

CORRECTIV.Faktencheck - Fakten für die Demokratie
Eine Kolumne
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Irreführende Vergleiche der Corona-Pandemie mit der saisonalen Grippe tauchen seit Monaten immer wieder auf. Kürzlich wurde beispielsweise von Nutzern in Sozialen Netzwerken behauptet, die WHO habe "versehentlich bestätigt", dass COVID-19 weniger schlimm sei als Influenza – das stimmte jedoch nicht.

Ebenso irreführend ist ein Bericht der österreichischen Webseite Unzensuriert, der tausendfach auf Facebook geteilt wurde. Der Titel lautet: "Robert-Koch-Institut bestätigt: COVID-19 gleich gefährlich wie saisonale Grippe".

Berechnung der Sterblichkeitsrate vergleicht Werte, die nicht vergleichbar sind

Beim Lesen des Artikels fällt jedoch auf: Es wird nicht das RKI zitiert, sondern eine eigene Berechnung zur Sterblichkeitsrate angestellt, die angeblich auf Zahlen des RKI basiert. Die Infektionssterblichkeit (IFR) liege demnach für COVID-19 bei 0,05 Prozent, heißt es.

Ein Faktencheck von CORRECTIV zeigt: Die Berechnung verzerrt die Statistik und vergleicht Daten, die nicht vergleichbar sind. Unzensuriert hat bewusst die "Altersgruppe der Rentner", genauer gesagt der Menschen, die älter sind als 65, aus den Zahlen für Deutschland herausgerechnet. Der so entstandene Wert wurde dann mit einer Sterblichkeitsrate der saisonalen Grippe aus den USA verglichen.

Die Rechnung basiert laut Unzensuriert auf einem Vergleich von Daten aus den RKI-Lageberichten von Ende Juli und dem 20. Oktober 2020. Wie genau die 0,05 Prozent Sterblichkeit bei Menschen unter 65 Jahren berechnet wurden, konnte CORRECTIV nicht nachvollziehen.

Die Infektionssterblichkeit (IFR) ist nicht dasselbe wie der Fall-Verstorbenen-Anteil

In dem Artikel wird außerdem die Infektionssterblichkeit (IFR) mit dem Fall-Verstorbenen-Anteil verwechselt. Eine Aussage zur Infektionssterblichkeitsrate (IFR) von COVID-19 in Deutschland lässt sich aus den Daten des RKI nicht ableiten. Denn die IFR gibt an, welcher Prozentsatz von Infizierten an einer Krankheit stirbt. Dafür müssten alle Infizierten diagnostiziert und bekannt sein. Das ist jedoch nicht der Fall (Stichwort: Dunkelziffer).

Das RKI teilt daher lediglich den Fall-Verstorbenen-Anteil mit – also den Anteil der positiv Getesteten in Deutschland, die gestorben sind. Im Situationsbericht vom 20. Oktober liegt diese Quote bei 2,6 Prozent.

Es gibt verschiedene wissenschaftliche Schätzungen bezüglich der IFR von SARS-CoV-2. Eine im Oktober im Bulletin der WHO veröffentlichte Meta-Studie wertete 61 Studien aus 51 Ländern aus und kam zu dem Ergebnis, dass die IFR zwischen 0 und 1,54 Prozent lag und im Median bei 0,23 Prozent. Wie die WHO im August schrieb, variieren die IFR-Berechnungen je nach Land und den dortigen Rahmenbedingungen stark und reichen von weniger als 0,1 Prozent Sterblichkeit bis über 25 Prozent.

Irreführende Berechnung lässt Risikogruppe älterer Menschen außer Acht

Unzensuriert betrachtet außerdem nur die Menschen unter 65 Jahren. Das RKI unterscheidet in seinen Lageberichten die Bevölkerungsgruppen nicht auf diese Weise. Stattdessen werden die Menschen dort meist in kleineren Altersgruppen zusammengefasst, also zum Beispiel von 60 bis 69 Jahren und von 70 bis 79 Jahren.

Das RKI schrieb im Bericht vom 20. Oktober, die Über-70-Jährigen würden 13 Prozent aller Infizierten ausmachen, aber 85 Prozent der Verstorbenen.

Die Information, dass die Patienten, die an COVID-19 sterben, überwiegend älter sind, findet sich auch im vom RKI veröffentlichten Steckbrief zu SARS-CoV-2. Gerade die Personengruppe bei der Berechnung der Sterblichkeit durch COVID-19 auszuschließen, die am stärksten gefährdet ist, verfälscht diese Berechnung.

Meta-Studie aus den USA wird falsch zitiert

Nachdem Unzensuriert auf diesem Weg eine angebliche Sterblichkeit von COVID-19 von 0,05 Prozent berechnet hat, vergleicht der Artikel diesen Wert mit der IFR der saisonalen Grippe in den USA. Als Beleg dient hier offenbar eine im August 2020 erschienene Meta-Studie (Preprint) – doch diese wird falsch zitiert.

In der Studie wird die IFR der Grippewelle 2018/19 für die USA zwar mit 0,05 Prozent angegeben – allerdings nicht in Bezug auf eine bestimmte Altersgruppe, sondern insgesamt.

Zudem heißt es, die IFR von COVID-19 in den USA schätze man auf bis zu 0,8 Prozent (Seite 17). Sollte die Ausbreitung der Krankheit in Risikogruppen erfolgreich eingeschränkt werden, rechne man mit einer IFR von 0,3 Prozent. "Diese Analyse bestätigt auch, dass COVID-19 weitaus tödlicher ist als die saisonale Grippe", schreiben die Autoren.

Fazit: Das RKI hat nicht bestätigt, dass das Coronavirus und die Grippe gleich gefährlich seien. Bisherige wissenschaftliche Analysen legen nahe, dass die Sterblichkeit von COVID-19 höher liegt als bei der saisonalen Influenza. Die Werte sind jedoch in jedem Land verschieden, es lassen sich keine pauschalen Aussagen treffen.

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