• Der WDR feiert dieses Jahr den 50. Geburtstag der "Sendung mit der Maus". Deren Erfinder Armin Maiwald ist bis heute ein fester Bestandteil der Sendung.
  • Im Interview verrät der 81-Jährige, was sich in den letzten 50 Jahren geändert hat - und was ihn an den sozialen Medien stört.

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Eine orangefarbene Maus, die ihren Bauch aufklappen und ihre Beine verlängern kann, und ein blauer Elefant, der nur halb so groß ist. Was absurd klingt, ist seit 50 Jahren ein Erfolgskonzept: "Die Sendung mit der Maus" flimmerte 1971 zum ersten Mal über die Fernsehbildschirme und erfreut seitdem mit ihren Lach- und Sachgeschichten nicht nur Kinder, sondern auch erstaunlich viele Erwachsene.

Armin Maiwald hat die Maus einst mit erfunden, die Sendung konzipiert und ist bis heute ein fester Bestandteil davon. Viel hat sich in den letzten 50 Jahren verändert, wie man auch in den Sondersendungen des WDR anlässlich des Mausgeburtstags sieht.

Im Interview verrät Maiwald, warum er nicht viel von Social Media hält und "Die Sendung mit der Maus" kein Homeschooling sein soll.

Wie oft schauen Sie sonntags "Die Sendung mit der Maus"?

Armin Maiwald: Am Sonntag muss ich meistens passen, aber montags schaue ich mir die Folge dann immer in der Mediathek an. Alleine für Gespräche wie dieses ist es wichtig, auf dem Laufenden zu sein, was gerade gesendet wird. Außerdem kann ich so am besten beobachten, wie und in welche Richtung sich das Format verändert.

Wie haben sich denn die Sehgewohnheiten und Ansprüche der Kinder verändert?

Die Sehgewohnheiten aller haben sich geändert – nicht nur die der Kinder. Heute schneiden wir Geschichten sehr viel schneller. Wir waren auch zu Anfangszeiten der Maus für damalige Verhältnisse sehr schnell geschnitten. Wer sich aber heute eine alte Folge ansieht, wird sie für sehr gemächlich halten.

Sicherlich haben sich auch die Fragen der Kinder verändert.

Vor 40 oder 50 Jahren wäre noch niemand auf die Idee gekommen, die Frage zu stellen: "Woher weiß das Handy, dass ich auf dem Domplatz bin?" Durch die Entwicklung der Gesellschaft und neue Technologien entstehen auch neue Themen. Trotzdem gibt es bis heute Fragen, die immer gleich bleiben, wie zum Beispiel "Warum ist der Himmel blau?" oder "Warum ist Wasser durchsichtig?". Das ist ganz logisch: Jedes neugeborene Kind entdeckt die Welt für sich und stellt daher solche elementaren Fragen.

Armin Maiwald: "In den 70ern wollten wir 'Die Sendung mit der Ratte' machen"

Die Maus hat aber auch viele erwachsene Zuschauer. Haben Sie schon mal überlegt, eine Wissenssendung wie "Die Sendung mit der Maus" für Erwachsene zu machen?

Es gab in den 70er-Jahren die Überlegung, eine Sendung für Größere zu machen. Sie sollte "Die Sendung mit der Ratte" heißen, weil das ja quasi auch eine größere Maus ist. Nach den Anfangsüberlegungen ist das aber leider nichts geworden und ich weiß auch nicht, ob der Sender mitgezogen hätte.

Gab es für Sie mal eine Phase, in der Sie gerne eine Auszeit von der Sendung gehabt hätten?

Nein. Es ist für mich heute immer noch so spannend wie am ersten Tag. Es gibt für mich das Gefühl einfach nicht, dass ich das alles schon gesehen habe und kenne. Außerdem hat sich die Maus zu einem Fulltime-Job entwickelt, die kann man nicht nur nebenher machen. Was man am Ende im Fernsehen sieht, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Recherche braucht eine Menge Zeit – sie dauert viel länger als der eigentliche Dreh. Man kann nicht einfach Fakten hintereinander hängen, das ist viel zu trocken für die Zuschauer. Wir müssen jedes Mal einen Weg finden, die Geschichte für den Zuschauer spannend zu machen.

Was ist Ihr Lieblingsmoment im Entstehungsprozess eines Beitrags?

"Ah, so geht das!" - wenn ich bei einer Recherche diese Gedanken habe, dann ist es am spannendsten. Diesen Augenblick versuche ich mir zu bewahren und später in die Geschichte einfließen zu lassen. Oft ist es genau der Punkt, von dem aus man eine Geschichte angehen und erzählen muss. Ein Beispiel: Wenn ich einen Apfel gegen eine Wand klatsche, sehe ich, wie er kaputtgeht. Ich kann das Geschehene so hinnehmen. Wer aber genauer hinsieht, stellt fest, dass zwei unterschiedliche Materialien aufeinanderprallen. Das weichere der beiden gibt nach. So kann man sich dem atomaren Aufbau der Materie nähern.

Kann "Die Sendung mit der Maus" mit ihren Wissensinhalten auch beim Homeschooling unterstützen?

Wir machen keine Schulgeschichten, denn die Schule ist etwas Systematisches, um zu lernen. Dort baut jede Stunde auf die vorherige auf. Wir können uns aber nicht darauf verlassen, dass ein Zuschauer letzte Woche schon eingeschalten hat. Uns muss ein Zuschauer, der uns nächsten Sonntag zum ersten Mal einschaltet, genauso willkommen sein wie die Stammzuschauer, die schon 30 oder 40 Sendungen gesehen haben. Wir müssen in jeder Sendung bei Null anfangen, etwa so wie im Kino. Der Vorhang geht auf und niemand weiß nichts.

Die Maus widmet sich immer wieder komplizierten Themen, wie jetzt auch Corona.

Da haben wir eine Menge getan! Ralph [Caspers; Anm.d.Red.] hat sich anfangs jeden Tag mit Corona auseinandergesetzt und wir haben zum Beispiel Beiträge zu Aerosolwolken und Masken gemacht. Die Zuschauer finden auch in der Maus-App und auf den anderen Kanälen viele Stücke dazu. Manchmal ist so ein überpräsentes Thema nervig, aber wir müssen und wollen uns damit beschäftigen.

Gab es mal ein Thema, bei dem Sie abgewunken haben und es nicht umsetzen wollten?

Nein. Selbst, wenn ein Thema nicht zu passen scheint oder man großen Respekt davor hat, kann ich nur raten, sich unvoreingenommen zu nähern. Bevor man sofort sagt, man möchte etwas nicht machen, sollte man nachschauen, was sich überhaupt dahinter verbirgt. Also eigentlich das alte Credo: Es gibt keine blöden Themen und keine blöden Fragen, man darf sich nur nicht blöd anstellen, sie zu recherchieren.

Nun haben wir viel über die Sachgeschichten gesprochen, aber es gibt ja auch noch die Lachgeschichten. Warum ist die Verbindung unentbehrlich?

In den Sachgeschichten erfährt man etwas über die Welt, Lachgeschichten dagegen geben Zeit zum Entspannen, Mitsingen oder Lachen. Die Maus-Spots sollen gleichzeitig Trenner und Verbinder sein. Die Maus war von Anfang an als stummer Moderator konzipiert. Das ist ein Widersinn in sich, weil ein Moderator eigentlich die ganze Zeit redet. Ich denke, sie wird auch immer stumm bleiben, damit man in dieser Zeit nicht weiter berieselt wird, sondern kurz entspannen kann.

"Ich halte die sozialen Medien großteils für Zeitverschwendung"

Was halten Sie von all den neuen Kanälen wie Instagram, TikTok oder YouTube, auf denen Kinder sich zwar informieren können, aber oft auch nur ihre Zeit vertreiben?

Das ist eine merkwürdige Geschichte, muss ich sagen. Wer sein ganzes Leben mit Instagram oder irgendwelchen solchen sogenannten sozialen Netzwerken verbringt, der verpasst auch einen Großteil des wirklichen Lebens. Ich halte die sozialen Medien großteils für Zeitverschwendung. Schon bei E-Mails erwartet jeder, dass man sofort antwortet. Das ist bei den sozialen Medien noch schlimmer. Oft sieht man in einer Kneipe drei junge Leute zusammensitzen. Jeder schaut auf sein Handy, statt ein Gespräch zu führen. Ob das auf Dauer gesamtgesellschaftlich gut, gesund und vernünftig ist, auch im Sinne der eigenen Entwicklung, das wage ich zu bezweifeln. Aber die sozialen Netzwerke sind nun mal nicht mehr wegzudenken und es hängen natürlich auch große industrielle Interessen dahinter.

Denken Sie, diese Plattformen haben auch einen positiven Nutzen, wenn man beispielsweise Wissensthemen darauf platziert?

Natürlich kann man die sozialen Medien auch sinnvoll nutzen, auch die Maus-Inhalte sind auf den meisten vorhanden. Viele Werkzeuge kann man auf mehrere Arten verwenden. Man kann mit einem Hammer einen Nagel einschlagen und man kann mit einem Hammer jemandem den Kopf einschlagen. Beides mit dem gleichen Werkzeug. Insofern sind auch diese ganzen Kanäle sowohl Segen als auch Fluch.

Das heißt, Sie sind privat nicht auf Facebook oder Instagram unterwegs?

Ich schaue sie mir ab und zu an. Wenn ich dann mal in so eine Geschichte reinschaue und ich lese die Kommentare, die da hinten dran als Rattenschwanz hängen, kann ich nur sagen: "Um Gottes willen, damit möchte ich meine Zeit nicht verbringen."

Warum?

Die Kommentare sind meistens grottenschlecht – von der Rechtschreibung ganz zu schweigen. Wenn irgendwo ein kleiner Fehler drin ist, wird gleich in einer heftigen Art ein Weltuntergang daraus gemacht. Wir entwickeln uns hier zu einer Besserwisser-Gesellschaft, wobei man es aber nicht besser weiß, sondern nur so tut. Jeder gibt blind seinen wütenden Kommentar dazu ab.

Packt Sie der Ärger, wenn Sie so etwas lesen?

Ich habe mir abgewöhnt, mich zu ärgern. Es erstaunt mich nicht mehr wirklich. Ich muss die Leute halt so nehmen, wie sie sind. Und leider habe ich das Gefühl, die Menschheit ist nicht lernfähig. Sonst würden viele Dinge nicht mehr möglich sein. Ich möchte auf keinen Fall die Redefreiheit oder die Versammlungsfreiheit angreifen, aber in welcher Form sich oft geäußert oder demonstriert wird, ist einfach grenzwertig.

Wie gehen Sie denn mit Fehlern um?

Wir bemühen uns, so wenige Fehler wie möglich zu machen. Wenn uns aber trotzdem einer unterläuft, korrigieren wir ihn selbstverständlich. Wenn möglich, machen wir das in einer spaßigen Form. Ich habe einmal in einem Kommentar das Gleiche und das Selbe verwechselt. Prompt hatte ich eine Menge verärgerter Zuschriften. "Wie kann man so einen Idioten Fernsehen machen lassen, der nicht mal die einfachsten Regeln der deutschen Sprache beherrscht", hieß es. Wir haben dann ein Video gemacht, in dem wir uns zu zweit in eine Hose gestellt und somit dieselbe Hose getragen haben. Dann haben wir uns identische Jeans angezogen und hatten die gleiche Hose an. Als letzten Satz haben wir gesagt: "Wir versprechen, es nie wieder zu tun. Bis zum nächsten Fehler." Wir sind nur Menschen und von Fehlern geht die Welt nicht unter.

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