60 Jahre ist das Durchschnittsalter der ZDF-Zuschauer. Das erklärt so einiges. Zum Beispiel "Willkommen bei Carmen Nebel". Unser Autor ist 38 und hat sich die 150-minütige Sendung angeschaut. Ein Leidensbericht.

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Bevor irgendwas passiert, wird bei "Willkommen bei Carmen Nebel" im Viervierteltakt geklatscht. Wie immer eigentlich in deutschen Musikshows. Samba, Walzer, Death Metal - egal: Der Deutsche patscht immer auf eins. Komme was wolle.

Da kann das Studiodach einbrechen, das Publikum verlässt den Takt zuletzt. Und da ist die Show erst Sekunden alt. Carmen Nebel betritt die Bühne und sagt: "Guten Abend Deutschland!"

Sie lacht. Das sind noch Sendungen von altem Schrot und Korn. Hier wird nicht der Zuschauer begrüßt, sondern gleich die ganze Nation.

"50 Megahits" gibt es in dieser Show, sagt sie. Ich zucke kurz zusammen. 50? Das klingt wie eine handfeste Drohung. "Einige Kollegen des 'heute journals' werden da schon die Stirn runzeln", kichert Nebel. Offenbar sehen die das genauso. "Aber wie sagt man heute so schön: Wir schaffen das." Das Publikum johlt.

Na prima. Jetzt muss sich Angela Merkel schon von Carmen Nebel verarschen lassen. Das war es dann wohl mit der Kanzlerschaft.

Es kann nur einen geben


Aber weiter im Programm. Der erste musikalische Gast betritt das Studio. Semino Rossi. Er singt "Quando quando quando". Das Publikum klatscht. Selbst über Pausen hinweg. Na klar, wieder im gleichen Takt. Es kann nur einen geben.

Im Publikum halten ältere Damen das Bild des Sängers hoch. Enden so etwa auch irgendwann alle "Take That"-Fans? Carmen Nebel grätscht dazwischen und kündigt Nachschlag des Italo-Argentiniers an. Aber noch nicht jetzt. Glück gehabt.

Wie man in diesem Tempo 50 Hits abfeuern will, ist mir zu diesem Zeitpunkt noch ein Rätsel. Die Lösung: Medleys! Ireene Sheer, Peggy March und Cindy Berger singen Marianne Rosenberg, Boney M und Udo Jürgens.

Wieder unrhythmisches Klatschen. Ein Teil des Publikums steht. Also zumindest die, die es noch problemlos können. Ich klatsche auch - die Fernsehzeitschrift auf meine Stirn.

Die nächste "Powerfrau", so Nebel, betritt die Bühne. Vicky Leandros ist bereits 50 Jahre im Geschäft. Sie singt eine Ballade. Kein Klatschen. Das Hit-Medley war aber auch anstrengend. Da muss man sich erst mal ausruhen.

Obwohl, falscher Alarm: im Refrain werden die Hände wieder zusammengeschlagen. Aber ehrlicherweise muss man zugeben: Die ZDF-Show unterscheidet sich kaum von den ultimativen Chart-Shows auf RTL. Was kein Kompliment ist.

Fehlt eigentlich nur noch ein Kind. Denn die gehen bekanntlich immer. Und tatsächlich steht im nächsten Moment Johannes Willim auf der Bühne. Er ist Memory-Meister.

Logische Schlussfolgerung: Jetzt kommen noch Hundebabys. Das wäre so süß! Stattdessen gibt es ein menschliches Memory mit Zwillingen. Das ist fast genauso gut.

Ich sag nur "Hello again"


Aber was ist denn eigentlich mit den versprochenen Hits? Ah, für die ist Marianne Rosenberg zuständig. Nur Hits hat sie keine dabei. Zunächst - bis das unweigerliche "Er gehört zu mir" folgt. Als Remix.

Der hat das Klatschen schon als Beat auf dem Playback. Das Publikum macht trotzdem mit.

Carmen Nebel steht derweil in einem Pulk aus "Caught In The Act"-Fans. Erinnert sich noch jemand an die? Die niederländische Antwort auf die Backstreet Boys?

Die wollen heute ihr großes Comeback geben. Letztes Konzert der Boyband: hier in Magdeburg vor 18 Jahren. Das heißt im Umkehrschluss: aus der "Bravo" direkt zu Carmen Nebel. Das sollte einem zu denken geben.

Doch statt der niederländischen Boyband erscheint die südafrikanische Einmannliebesmaschine Howard Carpendale. Hatte der nicht seine Karriere beendet? Egal, so ein samtweicher Howie geht immer.

"Uh hu hu hu hu hu … Ich sag nur Hello again". Entschuldigung, ich habe kurz mitgesungen. Das sind aber auch wirklich Hits! Zwei Damen in den besten Jahren kreischen im Publikum. Kann ich verstehen. Ihnen ist es sofort peinlich. Da ist doch Alkohol im Spiel!

Howie bedankt sich trotzdem artig. Er ist eben ein Gentleman.

Ich muss hier schnell weg

Beatrice Egli ist als nächste dran. Ist das nicht die von "Deutschland sucht den Superstar"? Und ist das jetzt ein Aufstieg oder ein Abstieg? Eigentlich auch egal. Sie ist so schnell weg, wie sie gekommen ist.

Semino Rossi singt wieder. "Baila Me" und "Volare". Der Mann fungiert hier wohl als so etwas wie der Südländer vom Dienst. Bei Carmen Nebel reicht das als Exotik-Faktor. Die Show ist sowieso mehr betreute Unterhaltung als sonst etwas.

Abgang Semino Rossi, Auftritt Wenke Myhre. Zumindest klärt sich jetzt, wo die "Wetten, dass..?"-Couch gelandet ist. In dieser Show! Nebel und Myhre sitzen drauf.

Lange hält es sie aber nicht darauf. Myhre steht auf und stimmt das "Gummiboot" an. A capella. Wo sind die Paddel? Ich muss hier schnell weg.

Mittlerweile sind wir bei Hit Nummer 28, sagt Carmen Nebel. Zeit für "Caught In The Act". Fünf Männer in engen Klamotten. Die singen jetzt offensichtlich deutsch. Mit Volksmusikstampfen?


Ich werde aufgeklärt: Das ist der Voxxclub, eine Art Lederhosen-Variante der "Backstreet Boys". Aha.

Die Kamera schwenkt ins Publikum. Ein Kind, ebenfalls in Krachledernen, hält ein Schild hoch: "Tom grüßt den Voxxclub". Memo an mich: Musikalische Früherziehung ist immens wichtig.

Aber Musik ist schließlich nicht alles. Also macht ein Zuschauer direkt im Anschluss seiner Freundin einen Heiratsantrag. Er sagt zu ihr: "Ich weiß, du magst diesen Rummel eigentlich nicht." Die Auserwählte sagt trotzdem "Ja".

Im Nachhinein können die beiden ihren Nachkommen ja immer noch erzählen, dass "Willkommen bei Carmen Nebel" damals die coolste Sendung im Fernsehen war.

Problem: Die Kinder sitzen direkt nebendran. Dumm gelaufen.

Love is everywhere

Zurück zum Programm. Es geht in den Endspurt. Jetzt sind "Caught In The Act" wirklich da. Waren die nicht mal mehr als drei? Sie singen ihren größten Hit. Die Fans kreischen. Love ist gerade everywhere.

Aber die Jahre haben nicht nur Spuren bei der Boyband hinterlassen, auch bei ihren Fans. Der Auftritt ist so schnell vorbei, wie er begonnen hat. Es gibt kein Medley. Leider hatten die drei nur einen Hit.

Damit sich das ändert, präsentieren "Caught In The Act" wenig später neues Material und alte Gassenhauer. Sie singen auf deutsch. Diesmal wirklich. Schlager. Tanzschritte gibt es nur in der Sparversion. Welcher diabolische Musikamanager hat sich das nur ausgedacht?

Passend dazu steht das neue Publikum bereits vor seinen Stühlen. Ist das der Beginn einer großen neuen Liebe? Der Wandel von der umschwärmten Teenieband zur Seniorenkapelle? Vom ZDF-Publikum zur hysterischen Masse?

Das wird die Zukunft zeigen. Beim Voxxclub hat es ja schließlich auch schon funktioniert.



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