Seit 2010 steht Schauspielerin Iris Mareike Steen für "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" vor der Kamera. Nun hat sie ihr erstes Musikalbum veröffentlicht. Im Interview erzählt sie, wie die Songs entstanden sind und welche wichtige Rolle ihre verstorbene Mutter dabei gespielt hat.

Ein Interview

Frau Steen, vor wenigen Tagen ist Ihr Album "Grau wird Bunt" erschienen. Beschreiben Sie uns das Album in drei Worten.

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Iris Mareike Steen: Das ist eine fiese Frage (lacht). Aber ganz ehrlich: Ich finde, dass der Albumtitel "Grau wird Bunt" das Album sehr gut mit drei Worten beschreibt.

Neben vielen fröhlicheren Nummern gibt es auch schwere Songs auf dem Album. Zum Beispiel den Track "Traumpaar", der häusliche Gewalt und toxische Beziehungen thematisiert. Wie kam es zu dem Song?

Es ist mir ein Anliegen, auch Inhalte zu thematisieren, die nicht immer angenehm, deswegen aber umso wichtiger sind. Entstanden ist "Traumpaar" als einer der ersten Songs vom Album, zusammen mit meiner Mutter Claudia Steen, Linda Marlen Runge und Robert Kerner. Wenn es nur eine Person gibt, die sich möglicherweise in dem Song wiedererkennt und daraus vielleicht sogar die Kraft nimmt, sich Hilfe zu suchen, dann wäre das sensationell. Ich finde, genau für diesen Effekt ist Musik total gut, weil sie den Menschen an anderer Stelle trifft als ein geschriebener Text, Gedanken oder das Zureden von Freunden. Deswegen ist dieser Song für mich so wichtig.

Der Track ist also nicht autobiografisch zu verstehen …

Absolut nicht. Es ist mir auch sehr wichtig, das immer wieder zu betonen, weil ich das große Glück habe, in einer ganz liebevollen und harmonischen Beziehung zu sein. Aber so geht es leider nicht allen Menschen.

Mit "Traumpaar" sprechen Sie ein Tabuthema an. Finden Themen wie Gewalt, Missbrauch oder Verlust zu wenig in der Musiklandschaft statt?

Ich glaube, die Themen finden durchaus statt. Vielleicht sind es nur keine Themen, die im Mainstream unbedingt stark vertreten sind. Natürlich möchte man aber auch gerne Songs schreiben, die die Menschen gerne hören wollen. Insofern ist da immer dieser schmale Grat zwischen der Frage, was mich persönlich beschäftigt und was die Menschen hören wollen. In den sozialen Medien ist es zum Beispiel ähnlich: Ich möchte mich in Social Media nicht unbedingt präsentieren, wenn ich traurig bin. Vielmehr zeigt man eher die guten Ausschnitte aus seinem Alltag, was natürlich manchmal auch falsch interpretiert werden kann.

Iris Mareike Steen: "Die Musik bietet eine andere Plattform, die eigenen Gefühle mit mehr Facetten zu zeigen"

Inwiefern?

Indem einige Menschen denken, ich sei immer glücklich. Es gibt dann Reaktionen wie "Na du scheinst ja gar keine Probleme zu haben". Am Ende geht es hier aber vielmehr um die Frage, wie viel ich von mir persönlich preisgeben möchte. Ich für meinen Teil habe kein großes Interesse daran, alle Menschen immer daran teilhaben zu lassen, wenn es mir beispielsweise mal schlecht geht. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen Social Media und Musik: Die Musik bietet eine andere Plattform, die eigenen Gefühle mit mehr Facetten zu zeigen.

Eine Person, die beim Songwriting eine große Rolle gespielt hat, ist Ihre Mutter – der Song "Wurzeln & Flügel" ist eine Liebeserklärung an sie. Erzählen Sie uns davon.

Meine Mutter ist im Oktober verstorben. Das war für mich unfassbar schlimm, weil sie der engste Mensch war, den ich hatte. Auch in meiner Musik hat sie eine große Rolle gespielt, wir haben eng zusammengearbeitet und ich hatte mir natürlich gewünscht, dass sie alle Entwicklungen miterleben darf. Kurz nach ihrem Tod war mir also direkt klar, dass es einen Song für sie geben muss. Für mich lag schließlich die Herausforderung darin, den wichtigsten Song des Albums ohne die Person zu schreiben, mit der ich das eigentlich am besten kann. Ich habe mich dann mit Senta-Sofia Delliponti, meiner Spielschwester bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", getroffen und sie gebeten, mit mir diesen Song zu schreiben.

Senta kannte meine Mutter und unser Verhältnis sehr gut und hat sich direkt ans Klavier gesetzt, um eine wunderschöne Melodie zu meinen Worten zu schreiben. Dazu muss man sagen, dass es an sich natürlich nicht schwer ist, einen Song über jemanden zu schreiben, der einem so viel bedeutet. Es lag mir aber am Herzen, all diese Gefühle so zu transportieren, wie meine Mutter es verdient hätte. Senta hat damals direkt verstanden, was ich mit dem Lied ausdrücken will und dass es kein Song werden sollte, der hauptsächlich thematisiert, wie schlecht es mir geht. Vielmehr stand immer die Liebeserklärung an meine Mama im Fokus. Umso glücklicher bin ich mit dem Ergebnis, weil ihr das Lied total gerecht wird..

Wie hat sich Ihr Leben seit dem Tod Ihrer Mutter verändert?

Ich hatte schon immer große Verlustängste. Ich habe leider auch schon viele Menschen in meinem Leben gehen lassen müssen. Aber der Tod meiner Mutter hat eine riesige Lücke hinterlassen. Ich muss aber dazu sagen, dass meine Mutter mir sehr viel mitgegeben hat, was auch nach ihrem Tod spürbar für mich ist. Das hat mir damals viel Kraft gegeben, mit dem Verlust umzugehen. Natürlich hat mir ihr Tod den Boden unter den Füßen weggerissen, aber ich empfinde auch ganz viel Dankbarkeit. Ich hatte unfassbar schöne Jahre mit ihr und auch wenn ich mir noch viele weitere Jahre mit ihr gewünscht hätte, kann ich die Situation nicht ändern. Die Liedzeile "Wenn dich dein Leben nicht gehalten hat, hast du die Haltung geändert" ist ein Satz, den sie selbst gesagt hat – deshalb fühlt es sich fast so an, als hätte sie den Song mitgeschrieben. Insofern versuche ich das, was sie mir gegeben hat, weiterzuleben.

In der Vergangenheit haben Künstler wie Jeanette Biedermann, Yvonne Catterfeld oder Jörn Schlönvoigt gezeigt, dass die Kombi "GZSZ + Musik" ein absolutes Match sein kann. Kann genau das aber auch eine Hürde sein?

Total! Ich habe mir gar nicht anmaßen wollen, auch Musik zu machen. Deswegen war dieser Weg für mich ganz lange gar keine Option. Den finalen Push habe ich erst durch meine ehemalige GZSZ-Kollegin Linda Marlen Runge bekommen. Denn natürlich hatte ich Angst vor Reaktionen wie "Jetzt singt die auch noch". Und natürlich gab es diese Reaktionen auch, aber längst nicht in der Intensität, wie ich es befürchtet hatte. Viele Zweifel entstehen im Kopf – umso dankbarer bin ich, dass ich im musikalischen Bereich mit so viel Liebe empfangen wurde.

Ein paar kritische Stimmen gab es also?

Die gibt es immer. Die gibt es aber in jedem Bereich, egal, was man macht. Dessen muss man sich bewusst sein. Darum geht es zum Beispiel auch in dem Song "Filter". Der Song thematisiert, dass negative Kommentare und Reaktionen Menschen ganz schön aus der Bahn werfen können. Denn es ist doch so: Bei 1.000 positiven Kommentaren ist es dieser eine negative, der teilweise nachhaltiger spürbar ist als die liebevollen Reaktionen. Sich dem richtigen Fokus bewusst zu werden, ist ein wichtiger Schritt, der auch nicht mir immer gelingt (lacht). Aber dennoch versuche ich es immer wieder. Darüber hinaus gilt es aber auch, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass auf der anderen Seite des Smartphones ein richtiger Mensch mit echten Gefühlen sitzt. Ich hoffe manchmal, dass die Menschen, die beleidigend und negativ kommentieren, sich dieser Tatsache nicht so sehr bewusst sind. Denn wären sie sich dessen im Klaren, wäre ihr Verhalten wirklich böse.

Iris Mareike Steen: "Ich weiß, dass ich ohne GZSZ niemals die Möglichkeit mit der Musik gehabt hätte"

Wie würden Sie antworten, wenn man Ihnen die "Entweder oder"-Frage stellen würde: Schauspielerei oder Musik?

Die wurde mir sogar schon ein paar Mal gestellt, bislang habe ich immer versucht, mich da irgendwie rauszuwinden (lacht). Natürlich bin ich unfassbar dankbar, dass ich beide Leidenschaften ausleben darf. Ich weiß, dass ich ohne GZSZ niemals die Möglichkeit mit der Musik gehabt hätte und werde dem Format und allen, die dahinter stehen, für immer dankbar sein, dass mir die Musik zusätzlich ermöglicht wurde. Natürlich kam zuletzt häufiger die Frage, ob ich bei GZSZ aussteige. Ich finde, es wäre wahnsinnig vermessen von mir, GZSZ wegen der Musik zu verlassen und das habe ich auch nicht vor. Ich liebe meinen Job.

Aktuell bringen Sie aber beide Disziplinen unter einen Hut. Wie darf man sich den Spagat vorstellen, den Sie derzeit leisten?

Ich versuche, Tag für Tag Schritt für Schritt zu gehen. Wenn ich sehe, was terminlich alles ansteht, kann das schnell überfordern. Aber die Dankbarkeit und all die Liebe, die ich erfahre, geben mir so viel neue Energie, dass wir hier gewissermaßen von einer Win-Win-Situation sprechen können. Natürlich stehen in Sachen Musik aktuell viele Termine und Shows an, aber es ist unfassbar schön für mich, live und hautnah mitzuerleben, wie das Publikum reagiert. Das ist ein großer Unterschied zu meiner Arbeit bei GZSZ, wo ich das Publikum nicht sehe. Ein direktes Feedback zu bekommen, trägt mich sehr durch diese spannende, aber auch herausfordernde Zeit.

Apropos GZSZ: Sie sind seit 2010 als Lilly Seefeld ein fester Teil der GZSZ-Familie. Dürfen Fans sich Hoffnungen machen, dass Sie zu einem solchen Urgestein wie etwa der Jo Gerner-Darsteller Wolfgang Bahro werden?

Als ich damals den Vertrag unterschrieben habe, bin ich niemals davon ausgegangen, so lange dabei zu sein. So lange ich das, was ich mache, mit Leidenschaft mache und durch diese Leidenschaft die Leistung erbringen kann, die ich erbringen möchte, so lange möchte ich gerne dabeibleiben. Sollte sich daran etwas ändern, muss das Ganze entsprechend hinterfragt werden.

Erkennen Sie sich selbst mit Blick auf Lilly auch wieder oder sind Lilly und Iris zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten?

Ich bin ein Stück weit mit Lilly erwachsen geworden. Mir wurde einmal gesagt, es sei wichtig, den Charakter zu lieben, den man spielt. Denn natürlich war ich zwischenzeitlich auch mal genervt von verschiedenen Aspekten ihrer Rolle. Es gibt aber immer viel Spielraum, einen Charakter zu entwickeln, das macht die Schauspielerei so spannend. Natürlich haben Lilly und ich uns über die Zeit ein wenig angeglichen. Ich liebe zum Beispiel unnützes Wissen und ich feiere es total, dass meine Rolle das auch liebt. So kann ich ganz nebenbei total viel von ihr lernen (lacht). Nach dem Abi wollte ich auch eine Weile Medizin studieren. Inzwischen bin ich froh, es nicht getan zu haben, denn mich überfordern Lillys Texte als Ärztin manchmal bereits. Viele Charakterzüge zwischen Lilly und mir sind schon ähnlich, andere Aktionen würde ich persönlich nicht unbedingt unterstützen, aber ich könnte nicht sagen, dass ich sie unter denselben Umständen nicht ähnlich machen würde.

Dürfen Sie einen kleinen Ausblick geben, wie es für Lilly in der Serie weitergehen wird?

Es gab zuletzt ja jede Menge Drama. Dahingehend kann ich auf jeden Fall sagen, dass sich das Drama etwas legt. Das finde ich persönlich schön. Drama ist immer spannend, es muss aber zwischendurch auch mal Leichtigkeit geben.

Bei Instagram folgen Ihnen knapp 400.000 Menschen – wie gehen Sie mit Hass im Netz um?

Ich rate neuen Kolleginnen und Kollegen häufig, sich nicht alle Kommentare unter Beiträgen durchzulesen. Denn natürlich machen negative Kommentare etwas mit einem. Nichtsdestotrotz versuche ich, den Absendern solcher Nachrichten keine Plattform zu bieten, versuche aber ebenso, mich davor zu schützen. Mit irgendwelchen plakativen Beleidigungen kann ich inzwischen gut umgehen. Dennoch kann ein einzelner Kommentar, je nach Formulierung, einen Menschen aus der Bahn werfen, wenn er beispielsweise ganz bewusst einen wunden Punkt trifft. Ich habe inzwischen gelernt, mit solchen Situationen gesund umzugehen. Man muss sich trotzdem vor Augen führen, welche Macht Menschen haben können, die einfach böse und unwahre Dinge in ihre Tastatur tippen und sich der Tragweite dessen häufig gar nicht bewusst sind.

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