Woody Allen hat unser Bild von New York geprägt wie wenige Künstler. Dann kamen Vorwürfe der sexuellen Gewalt. Jetzt wird er 85 Jahre alt - und hat als alter weißer Mann so viele Kritiker, wie der "Stadtneurotiker" einst Fans hatte.

Meine Meinung
von Iris Alanyali

Einer der berühmtesten Regisseure der Welt wird am 1. Dezember 85 Jahre alt. Aber darf man Woody Allen zum Geburtstag gratulieren? Natürlich darf man das.

Die Frage ist vielmehr, ob man Lust dazu hat. Nach all dem, was über den Mann bekannt geworden ist. 1992 fand seine Partnerin Mia Farrow bei ihm Nacktfotos ihrer damals 21-jährigen Adoptivtochter Soon-Yi. Ungefähr zur selben Zeit soll er seine siebenjährige Adoptivtochter Dylan belästigt haben.

Wenn die Missbrauchsvorwürfe stimmen, ist das Vergehen unentschuldbar. Wenn sie nicht stimmen, ist die Anschuldigung selbst ein ungeheuerliches Vergehen.

Aus der Affäre mit Soon-Yi Previn ist eine jetzt 23 Jahre währende Ehe geworden. Die Missbrauchsvorwürfe wurden 1993 fallen gelassen, vor allem, um das Kind zu schützen. Als 28-jährige wiederholte Dylan Farrow 2013 die Vorwürfe. Woody Allen bestreitet sie bis heute vehement, ihm zufolge gingen sie auf einen Rachefeldzug Mia Farrows während ihres Sorgerechtsstreits zurück.

Sein Leben haben die Skandale nicht zerstört. Allen dreht weiter Filme, er schreibt immer noch Bücher. Aber Schauspieler haben ihre Gagen der #metoo-Bewegung gespendet, Amazon hat die Zusammenarbeit aufgekündigt. Und die Autobiografie "Ganz nebenbei", die im März erschien, wurde gegen öffentliche Proteste veröffentlicht und keineswegs mit der kultischen Verehrung aufgenommen, die man einst seinen satirischen Texten, den Kurzgeschichten und Essays entgegenbrachte.

Und Artikel wie dieser, die für gewöhnlich mit einem sympathischen Zitat des Geburtstagskindes beginnen, oder einer launigen Anekdote aus der erfolgreichen Karriere, beginnen jetzt mit den hässlichen Details aus dem Privatleben des Stars.

Kritik vom eigenen Sohn

Wenn prominente ältere Männer in Ungnade fallen, bietet sich oft die Familiengeburtstags-Analogie an: Der lustige Onkel kann der beliebte Mittelpunkt jeder Party sein, bis irgendwann die Nichten (oder Neffen) alt genug sind, um den Zusammenkünften fernbleiben zu wollen.

Ein und derselbe, scheinbar vertraute Mensch kann zwei Seiten haben. Aber der Vergleich erhellt auch, dass es nicht immer zum Äußersten kommen muss, um eine Tat verurteilenswert zu machen. Ein großer Altersunterschied macht aus einem angeblich harmlosen Tätscheln eine ekelerregende Übergriffigkeit, ein ungleiches Machtverhältnis relativiert das angebliche gegenseitige Einverständnis.

Selbst wenn der Öffentlichkeit egal sein kann, mit wem Woody Allen eine Beziehung eingeht, und selbst wenn man sich im Missbrauchsfall auf die Position des neutralen Unbeteiligten beruft, so hat Woody Allens Weigerung, das Unbehagen an seinem Tun zu respektieren, ihm heftige öffentliche Kritik eingebracht – unter anderem von seinem Sohn Ronan Farrow, der als Investigativjournalist im Fall um die Missbrauchsvorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein berühmt geworden ist.

Er kritisierte den Umgang der "Old-school-Medien" mit den Vorwürfen seiner Schwester heftig, sie würden einem "mächtigen Mann" deutlich mehr Raum geben als einer "jungen Frau" und hätten "ein Klima der Straffreiheit und des Schweigens geschaffen", schrieb Ronan Farrow 2016 im Magazin "The Hollywood Reporter".

Woody Allen: "Das Herz will, was es will"

Bereits kurz nachdem die Beziehung zu Soon-Yi Previn öffentlich wurde, gab Allen dem "Time Magazine" ein inzwischen berüchtigtes Interview. Ob er wenigstens nachvollziehen könne, dass eine Beziehung zur 35 Jahre jüngeren Adoptivtochter der Lebensgefährtin auf Außenstehende befremdlich wirke? Selbst wenn Allen und Farrow während ihrer rund zwölf Jahre langen Beziehung nie zusammenlebten? Selbst wenn er sich nie als Vaterfigur sah? Allens Antworten gipfeln in einem schulternzuckenden Kommentar: "Das Herz will, was es will."

In der Autobiografie erzählt er von Roman Polanskis "sexy Ehefrau" (auch dieser Regisseur wird der sexuellen Gewalt gegen Minderjährige beschuldigt) und schwärmt von Soon-Yis "Potential" als jungem Mädchen, "bereit, vorzüglich zu reifen", wenn jemand ihr - anders als Mutter Mia Farrow - nur "ein bisschen Interesse", "ein wenig Liebe" zeigen würde.

"Tone-deaf" nennen die Amerikaner dieses Verhalten, was wörtlich unmusikalisch bedeutet, sich hier aber eher mit "stimmungstaub" übersetzen lässt, immun gegen ein verändertes gesellschaftliches Klima.

Ein Zwerg mit dünner Lippe und dicker Brille macht Karriere

Woody Allen wuchs in Brooklyn auf und begann bereits während der Highschool, Witze zu verfassen und sie an Zeitungskolumnisten zu verkaufen. So erfolgreich, dass er bald einen Agenten hatte, für Late-Night-Talker im Fernsehen schrieb und mehr Geld verdiente als seine Eltern, wie er später erwähnte.

Der Schritt zum Stand-up-Comedian war ein kurzer. Und Woody Allen in den sechziger Jahren ein Star auf New Yorks Comedybühnen, eine absolute Neuheit: Kein großspuriger Macker im Anzug, sondern ein scheinbar unsicherer, um Worte ringender Zwerg mit dicker Brille und dünnen Lippen - er habe den Intellektuellen als komische Figur neu erfunden, schrieben die Zeitungen.

Zum Repertoire gehörten auch Witze über seine Exfrau. Woody Allen hatte mit 20 geheiratet, die Ehe drei Jahre gehalten. In seinem Bühnenprogramm tauchte Harlene Rosen regelmäßig als "die gefürchtete Frau Allen" auf, mit Bemerkungen zu ihren großen Füßen oder schrecklichen Kochkünsten.

Als die Zeitungen nach der Scheidung 1959 einmal berichteten, sie sei nachts überfallen und verletzt worden, bemerkte er öffentlich, so wie er seine Ex kenne, könne es sich nicht um einen Verkehrsverstoß handeln. Ein Witz, den Woody Allen in den Siebzigern in einer Talkshow bereitwillig wiederholte. Moderator Dick Cavett und das Publikum lachen herzlich.

Angst, Liebeskummer und Mutters gekochtes Huhn

Woody Allen hat oft betont, dass er keineswegs der Intellektuelle sei, den er in seinen New-York-Filmen präsentiert. In seiner Schulzeit war er ein begehrter Baseballspieler und talentierter Leichtathlet, der ausschließlich Comics las und Unterhaltungsfilme liebte. Mit dem Bücherlesen habe er erst als Student angefangen, um Kommilitoninnen ins Bett zu bekommen, schreibt er in seiner Autobiographie.

Aber er schreibt auch, dass es trotz der unglücklichen Ehe seiner Eltern und einem angespannten Verhältnis zur Mutter keinen guten Grund in seiner Kindheit gebe, der ihn zu dem nervösen, ängstlichen, misanthropischen und klaustrophobischen "emotionalem Wrack" gemacht habe, das er sei.

Außer vielleicht dieses Ereignis: Mit ungefähr fünf Jahren sei er sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst geworden – "und damit war ich nicht einverstanden." Je älter er wurde, desto klarer sei ihm die daraus resultierende Nichtigkeit des Lebens geworden.

Warum leiden, wenn man sein Leben einfach beenden und sich nie mehr "Angst, Liebeskummer und Mutters gekochtem Huhn aussetzen" müsste? Es sind Bonmots wie diese, von denen Allens Werk nur so strotzt und die ihn zu einem prägenden Komiker des 20. Jahrhunderts gemacht haben.

Er sehe sich vor allem als Autor, hat Allen im Sommer dem Schauspieler Alec Baldwin in dessen Podcast "Here’s the Thing" erklärt. Mit dem Filmemachen habe er nur angefangen, weil er das Gefühl hatte, nur er könne seine Texte angemessen auf die Leinwand übertragen.

Seine größte Liebe ist Manhattan

Über 50 Filme hat Woody Allen gedreht, von den frühen, slapstickhaften Satiren wie "Bananas" 1971 bis hin zur romantischen Komödie "Rifkin’s Festival", deren Kinoverbreitung noch aussteht. Aber im Zentrum seines Werkes stehen die Filme in Manhattan. Unser Bild von New York hat er mit ihnen mindestens so stark geprägt wie die klassischen Großstadtfotografen das getan haben – Woody Allen hat ihre Wolkenkratzer-Silhouetten für uns mit Leben gefüllt.

Wenn es eine große, unbedingte, egozentrische Liebe gibt, die man Woody Allen problemlos verzeihen kann, eine Liebe, die fruchtbar war, ohne je geschmacklos zu werden, dann ist es die zu Manhattan. Auch wenn die Haltungen derer, die seine Upper East Side, seine schönen bohemienhaften Altbauwohnungen, bevölkern, uns nicht mehr ganz in die heutige Zeit passen wollen.

Der Stadtneurotiker

Da ist zum Beispiel der erste dieser Filme, der im Original nach der weiblichen Hauptrolle "Annie Hall" heißt und dessen deutscher Titel zum Woody-Allen-Label wurde: "Der Stadtneurotiker" von 1977.

Allen spielt den ängstegeplagten jüdischen Komiker Alvy, der den Erfolg und vor allem das Scheitern seiner Beziehung zu Annie (Diane Keaton) analysiert. Der Film ist ein Meisterwerk, aber all die klugen, witzigen, selbstironischen Beobachtungen sind die Alvys, die Perspektive ist die von Alvy, und der Blick auf Annie und Alvys anderen gescheiterten Beziehungen ist ein dezidiert männlicher.

Auch sein größer Erfolg, "Hannah und ihre Schwestern" (1986), erzählt zwar von Hannah (Mia Farrow) und ihren Schwestern, aber wovon er auch erzählt, ist die Affäre, die Hannahs Ehemann (Woody Allen) mit Hannahs Schwester beginnt.

Der zeitgenössischen Rezeption des Films hat es nicht geholfen, dass die Skandale um Soon-Yi und Dylan, dass der erbitterte Sorgerechtsstreit, den Allen mit Mia Farrow um die gemeinsamen Kinder führte, während der Dreharbeiten zu "Hannah" begann.

Lauter schöne junge Frauen - "und ich war der Kerl"

Gefragt, mit welchen Schauspielern er besonders gerne zusammengearbeitet hätte, beginnt Woody Allen im Interview mit Baldwin eine lange Liste mit Emma Stone, Naomi Watts, Scarlett Johansson. Das seien lauter Frauen, fällt ihm dann selbst auf: "Weil in so vielen meiner Filme die Frauen im Mittelpunkt stehen, und ich war der Kerl".

Regelmäßig wird Woody Allen unterstellt, in seinen Filmen seine Fantasien auszuleben. Allerdings scheinen sich Leben und Werk in vieler Hinsicht durchaus zu decken: Weggefährten haben schon immer über Allens Erfolg bei Frauen gestaunt.

Und der ältere Intellektuelle in existentieller Krise, der durch die Zuneigung einer schönen jungen Frau auflebt, ist ein wiederkehrendes Thema seiner Filme, auch wenn er nicht mehr selbst darin auftritt. In der Komödie "Irrational Man" von 2015 spielt Joaquin Phoenix die männliche Hauptrolle.

Lieber zuhause als in den Herzen des Publikums

Woody Allens Selbstbild als Mann wurde von den fünfziger, sechziger Jahren geprägt. Die Kultur dieser Zeit hat es ihm auch erlaubt, ihr Männlichkeitsbild und seine Neurosen mit Hilfe seines komischen Talents zu einer übersteigerten Version seiner selbst zu kombinieren, zu einer erfolgreichen Kunstfigur.

Vielleicht aber ist deren Zeit vorbei. Der "Stadtneurotiker" hat seinen Platz in der Filmgeschichte verdient – vom echten Woody Allen wird erwartet, mit der Gegenwart genau so scharfsinnig umgehen zu können, wie er einst die Probleme der vom Leben überforderten Großstadtintellektuellen beschrieb.

Seine Autobiografie habe er rein aus dem Gedächtnis geschrieben, hat Woody Allen erzählt, ohne Recherche. Lebenserinnerungen im wahrsten Sinne des Wortes also: Sein Leben, wie er es erinnern möchte. Das Herz will, was es will.

Woody Allen beendet das Buch mit folgendem Satz: "Lieber als in den Herzen und Köpfen des Publikums lebe ich in meiner Wohnung."

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