Intrigen, interne Ermittlungen, dann auch noch ein unangenehmer Überraschungsgast: Die Dortmunder Ermittler Rosa Herzog und Peter Faber haben Dreck am Stecken und scheinen von Feinden umzingelt. Ein Krimi, der Vertrautheit mit der Dortmunder "Tatort"-Welt voraussetzt.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Iris Alanyali dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Irgendetwas braut sich im Dortmunder Kriminalkommissariat zusammen. Erst tauchte Irina Klasnić (Alessija Lause) aus dem Irgendwo als neue Leiterin auf, obwohl sich Kommissarin Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) gute Chancen auf den Posten ausgerechnet hatte. Zuletzt unterschlug Kriminaltechniker Sebastian Haller (Tilman Strauß) Beweise, um Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) zu schaden.

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Jetzt bekommt Rechtsmedizinerin Greta Leitner (Sybille J. Schedwill) einen deutlich jüngeren Kollegen an die Seite gestellt, angeblich nur zur Unterstützung. Und dann befiehlt die neue Chefin Faber und Herzog, einen tödlichen Autounfall mit Fahrerflucht aufzuklären – eine Aufgabe eigentlich unter dem Niveau der beiden Kriminalhauptkommissare.

"Die stellt uns aufs Abstellgleis!" schimpft Herzog. Und am Unfallort grinst Haller Faber breit an: "Ihre Chefin will Sie loswerden, ich will Sie loswerden, und der Polizeichef lässt die Korken knallen, wenn uns das gelingt."

Der Kommissar steht unter Mordverdacht

Es kommt noch schlimmer – und ganz anders, als es der Anfang dieses "Tatort" vermuten lässt. Zwar stellt sich heraus, dass das tote Unfallopfer eine Ex-Freundin des Galeristen Lorik Duka (Kasem Hoxha) war, dem Verbindungen zum albanischen Duka-Klan nachgesagt werden. Aber "Abstellgleis" ist kein Klan-Krimi über die Dortmunder Unterwelt.

Eher ein Klan-Krimi über das Dortmunder Kriminalkommissariat. Dort hat offenbar jeder Dreck am Stecken, werden Intrigen und Bündnisse geschmiedet und Loyalitäten ausgetestet.

Mit dem Abstellgleis lag Rosa Herzog nicht falsch allerdings unterschätzt sie, wie ernst die Lage wird. Nicht nur für sie, vor allem für Peter Faber. So ernst, dass er seinen Parka auszieht und sich in einem Anzug verkleidet: Der Kommissar steht unter Mordverdacht und taucht unter. Und zwar nicht wegen des toten Unfallopfers.

Ermittler auf parallelen Gleisen

Geschrieben hat die Folge Stammautor Jürgen Werner, und der zieht beim horizontalen Erzählen dieses Mal alle Register – man kann sich seine Dortmunder "Tatort"-Welt ein bisschen wie einen Güterbahnhof vorstellen, mit Schienen aus allen Richtungen.

Die Ermittler fahren friedlich auf parallelen Gleisen nebeneinander her, manchmal ist die eine schneller, dann der andere. Gelegentliche Überholmanöver fallen mal mehr, mal weniger freundlich oder gefährlich aus.

Manchmal tauchen Hindernisse auf, wird herumrangiert, werden neue Weichen gestellt – und manchmal fährt plötzlich ein fast vergessener Zug ins Bild: In "Abstellgleis" taucht Daniel Kossik (Stefan Konarske) auf.

Der war mal Kommissar unter Faber, hat aber weder seine gescheiterte Beziehung zur Kollegin Nora Dalay (Aylin Tezel) noch seinen Chef gut verkraftet (einen "Psycho" nannte er Faber) und sich ans Landeskriminalamt (LKA) nach Düsseldorf versetzen lassen. Jetzt bittet Ira Klasnić das LKA um Ermittlungshilfe – und es würde niemanden wundern, wenn sie ausdrücklich um Kossik gebeten hätte.

Über den Plot von "Abstellgleis" kann man nicht viel erzählen

Dann mischt sich noch ein Neuer in die Ermittlungen ein: Otto Pösken (Malick Bauer) bietet etwas zu freundlich seine Mithilfe an – ein Polizist, der immer genau zur rechten Zeit am rechten Tatort zu sein scheint und sich vor allem verdächtig freundlich an Rosa Herzog ranmacht.

Irgendwann beobachtet jeder jeden, sogar zwischen Faber und Herzog kommt Argwohn auf. Das sieht ganz nach der alten Kriegstaktik aus, die Gegner zu schwächen, indem man zwischen ihnen Misstrauen sät. Aber wer zieht hier die Strippen?

Es dürfte aufgefallen sein, dass wir hier wenig konkret werden und uns in Metaphern flüchten. Aber man kann über den Plot von "Abstellgleis" einfach nicht viel erzählen.

Zum einen würde man den Schock-Effekt verderben, der sich nach einer dramatischen Wendung am Anfang einstellt: ein überraschendes Ereignis, das dafür sorgt, dass man perplex an der Geschichte dranbleibt, so verwirrend sie vielleicht scheint. Zum anderen bleibt vieles ungewiss: Die Geschichte von "Abstellgleis" ist mit dem Ende von "Abstellgleis" noch nicht am Ende.

Keine Erklärungen, keine Erinnerungshilfen

Jürgen Werners kunstvolle Variante des Kommissar-unter-Verdacht-Krimis unter der effizienten Regie von Torsten C. Fischer funktioniert, aber sie setzt Vertrautheit mit und Loyalität zu dem Dortmunder Team voraus.

Nicht nur, weil eingeschworene Fans angesichts einiger logischer Plot-Mängel ein Auge zudrücken dürften, sondern auch, weil hier ohne Krücken erzählt wird: Egal ob Zeitsprünge oder Schlüsselmomente – was passieren muss, um die Geschichte voranzutreiben, passiert einfach, vor den Augen des Publikums oder eben auch nicht. Was schon passiert ist, wird vorausgesetzt, ohne Erklärung oder Erinnerungshilfen. Ein Schnitt, ein Blick, weiter geht's.

Und horizontal weiter gehen wird es garantiert. "Abstellgleis" ist voller Andeutungen, dass Faber und Herzog auch in Zukunft unter genauer und wenig wohlwollender Beobachtung stehen werden. Was die beiden für ein wohlwollendes Fernsehpublikum natürlich nur interessanter macht.