Bei Borussia Dortmund bahne sich mal wieder eine Transferposse an, heißt es überall. Aber das ist kein Material für ein Transferdrama – der BVB hat eine gute Verhandlungsposition: Schon seit Monaten ist bekannt, dass sich Manchester United um Jadon Sancho bemüht.

Eine Kolumne
von Christopher Giogios
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors / der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Mario Götze, Robert Lewandowski, Pierre-Emerick Aubameyang, Ousmane Dembélé – die Liste der unfriedlichen Abgänge beim BVB ist nicht gerade kurz. Viele befürchten nun, dass sich auch Jadon Sancho in diese Aufzählung einreihen könnte. Schon seit Monaten ist bekannt, dass sich Manchester United um den britischen Youngster bemüht. Das anfängliche Interesse soll inzwischen sogar zu einer Einigung zwischen dem 20-Jährigen und den "Red Devils" geführt haben, die Sancho – davon darf man ausgehen – ein fürstliches Gehalt einbringen wird. Aus BVB-Sicht: so weit, so schlecht.

Kein "Corona-Rabatt" für Manchester United

Allerdings halten die Dortmunder nach wie vor alle Zügel in der Hand. Denn: Sanchos Vertrag läuft bis zum Sommer 2022. Das wirkt sich nicht nur positiv auf die Ablöseforderung aus, sondern gibt dem BVB auch die Möglichkeit, auf einen Verkauf in diesem Jahr zu verzichten.

So ist es auch kein Wunder, dass Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc sehr bestimmt verlauten lassen, für United keinen "Corona-Rabatt" gewähren zu wollen. Es bleibt also bei dem Preisschild in Höhe von etwa 120 Millionen Euro. Überdies sollen die Dortmunder sogar in die Offensive gegangen sein und dem englischen Rekordmeister eine Frist bis zum 10. August gesetzt haben: dann beginnt das Trainingslager der Schwarz-Gelben in Bad Ragaz.

Trotz Corona: der BVB ist auf die Ablösesumme nicht angewiesen

Das Vorgehen der Dortmunder macht deutlich, dass man um die eigene starke Verhandlungsposition weiß. Trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie ist man nicht um jeden Preis auf die Sancho-Millionen angewiesen. Zudem kann man davon ausgehen, dass auch im Sommer 2021 der Marktwert des Flügelspielers nicht in den Keller fallen wird.

Insoweit gehen auch die Vergleiche mit der Verpflichtung von Leroy Sané fehl, für den der FC Bayern 45 Millionen Euro bezahlt haben soll. Denn Sané kommt gerade von einer schwerwiegenden Verletzung zurück und wird der Mannschaft wohl nicht sofort helfen können.

Sancho-Tore und -Assists statt Millionen

In Anbetracht der (noch) recht entspannten finanziellen Situation der Borussia hat man also sportlich wesentlich mehr davon, noch ein Jahr mit einem Ausnahmespieler wie Sancho im Kader um die Deutsche Meisterschaft zu kämpfen.

Die Situation ist vergleichbar mit dem Wechsel von Robert Lewandowski zum FC Bayern im Sommer 2015: ein Jahr zuvor drängte der Pole auf einen Wechsel nach München, der BVB hingegen verzichtete sogar komplett auf eine Ablösesumme und profitierte lieber ein weiteres Jahr von seinen Toren, um ihn schließlich ablösefrei ziehen zu lassen.

Das einzige Risiko ist Sancho selbst

Damit ist aber auch das Risiko klar, welches die Dortmunder eingehen. Was bei dem Vorzeigeprofi Lewandowski nie zur Debatte stand, könnte sich bei Sancho zu einem Problem entwickeln: Ist der junge Engländer professionell genug, um noch ein weiteres Jahr Topleistungen abzurufen, obwohl er eigentlich lieber in der Premier League für Manchester kicken würde? Das ist schwer zu sagen. Der BVB lässt hierzu verlauten, dass Sancho die Situation akzeptiert habe. Gleichzeitig fiel der Youngster in der Vergangenheit auch immer wieder durch Undiszipliniertheiten auf und kassierte von Trainer Lucien Favre schon einmal den ein oder anderen Verweis auf die Bank.

Insgesamt scheint es aber momentan nicht danach auszusehen, dass dem BVB ein Drama à la Ousmane Dembélé bevorsteht. Dass Sancho einen Wechsel auf die Insel erzwingen wird, ist unwahrscheinlich.

BVB könnte auch als Gewinner rausgehen

Sollte United nicht doch noch einknicken und die 120 Millionen Euro überweisen, wird der BVB in Sachen Sancho also als Gewinner aus dem Sommer gehen: man hat eine weitere Saison eines der größten Offensivtalente der Welt in seinen Reihen und darf gespannt sein, wie er sich auf der rechten Seite mit dem belgischen Neuzugang Thomas Meunier ergänzen wird. Auch die Verpflichtung seines Landsmannes Jude Bellingham könnte sich positiv auf die Stimmung von Sancho auswirken. Nächstes Jahr wird man dann neu verhandeln und sicherlich eine immer noch üppige Ablösesumme einstreichen, sollte es nicht zu einer gravierenden Verletzung kommen. Dem BVB steht also ausnahmsweise keine dramatische Transferepisode bevor.

Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors / der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

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