Beim FC Bayern hängt der Haussegen schief, daran konnte auch der Sieg in der Champions League nichts ändern. Für Sportdirektor Hasan Salihamidzic gibt es schon zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison jede Menge Arbeit - und noch weiß niemand, ob "Brazzo" ("Bürschchen") damit auch umgehen kann.

Hasan Salihamidzic war klar, dass er in neuer Rolle nicht unbedingt die handelsüblichen 100 Tage Welpenschutz genießen wird, die Arbeitnehmern und Führungsfiguren in der Wirtschaft im Normalfall gewährt werden.

Dafür ist der FC Bayern München zu groß, zu spektakulär, zu sehr mit Folklore und Renommee überfrachtet. Und Salihamidzic kennt das Profigeschäft im Allgemeinen und den FC Bayern im Besonderen sehr gut.

Von Miesbach bis Malaysia erstreckt sich die Strahlkraft der Roten, die Repräsentation ist eine der Kernaufgaben für einen Sportdirektor des FC Bayern.

Das Bild in der Öffentlichkeit zu formen, Dinge zu moderieren, nach innen wie nach außen. So oder so steht der Sportdirektor ganz automatisch jeden Tag im Rampenlicht, zumal bei den Bayern.

Das sollte man zumindest annehmen.

Franzose benimmt sich bei Sieg gegen Anderlecht wirklich daneben.


Aber Hasan Salihamidzic hält sich seit seiner ebenso überraschenden wie umstrittenen Amtseinführung gerne dezent im Hintergrund auf. Und wenn er dann doch mal vor die Mikrofone gezerrt wird, sag er: nichts.

So wie im Vorlauf des Champions-League-Spiels der Bayern gegen Anderlecht. Vor den "Sky"-Kameras sollte Salihamidzic Stellung zu ein paar durchaus brisanten Themen nehmen. Auf fünf konkrete Fragen antwortete der Bosnier aber fünf Mal ausweichend und an der Frage vorbei.

Und am Ende blieben noch mehr Fragen zurück: Warum stellen die Bayern einen ihrer obersten Sprecher hin, wenn der ohnehin nichts sagen will?

Will Salihamidzic nicht reden oder soll er nicht? Und vor allem, das hat der merkwürdige erste Abend in der Königsklasse nochmals befeuert: Wie gedenkt Salihamidzic mit einer durchaus gefährlichen Lage beim Rekordmeister umzugehen?

Mädchen für alles rund ums Team

Dass der neue Sportdirektor so schnell und so vielen Themen unterschiedlicher Couleur bearbeiten muss, war kaum zu erwarten.

Aber bereits wenige Tage nach dem Start in die neue Saison umweht die Säbener Straße eine Unruhe, die man so kaum noch kennt von den Super-Bayern. Salihamidzic‘ Jobprofil geht weg von den gängigen Beschreibungen der Sportdirektorenposten.

Der ehemalige Spieler und Bayern-Ikone soll nah dran sein an der Mannschaft, Themen wie Kaderplanung oder die strategische Ausrichtung des Klubs sind eher Randthemen.

In erster Linie ist Salihamidzic ein Mädchen für alles, was rund um die Mannschaft passiert. Vorgänger Matthias Sammer war da anders, forscher, aufbrausender, der ewige Mahner. So sollte Salihamidzic von Anfang an nicht sein.

"Er ist nicht unser Pressesprecher, sondern er muss innerhalb des Klubs aufräumen und nicht ständig Schlagzeilen liefern. Er macht einen ausgezeichneten Job", sagte Uli Hoeneß vor einigen Wochen.

Der Präsident stellt sich schützend vor seinen Sportdirektor - und wenn es unangenehme Dinge zu moderieren gilt, dann bleibt das offenbar ein Fall für die Granden Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge.

In der brisanten Causa Lewandowski hat Salihamidzic kein Wort geäußert, Hoeneß und Rummenigge aber sehr wohl und sehr unterschiedlich das Wort ergriffen.

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Wirken nach innen

Die entscheidende Komponenten von Salihamidzic‘ Arbeit ist die interne. Dort soll die Aufarbeitung stattfinden. Der Konflikt um Thomas Müller, das Lewandowski-Interview, der angeschlagen wirkende Trainer Carlo Ancelotti und nun auch noch der Mini-Ausraster von Franck Ribéry.

Den hat Salihamidzic sofort und öffentlichkeitswirksam zu kitten versucht. Die Annäherung an den fuchsigen Franzosen geriet aber eher zu einem zweifelhaften Aufeinandertreffen für Salihamidzic.

Der ist verstärkt darum bemüht, Vertrauen zu seinen Spielern aufzubauen. Salihamidzic ist ja eine ähnlich gelagerte Personalie wie die des neuen Co-Trainer Willy Sagnol.

Beide waren Publikumslieblinge, sie sind loyal, eher ruhige Typen und sie haben Stallgeruch. Aber während Sagnol wenigstens knapp zwei Jahre schon als Trainer einer Profimannschaft unterwegs war, kam der ehemalige Markenbotschafter der Bayern Salihamidzic quasi über Nacht zu einem völlig neuen Betätigungsgebiet.

Und das dürfte ihn in den kommenden Tagen und Wochen mehr fordern als ihm lieb sein konnte.

Der Wohlfühl-Brazzo muss helfen

In den nächsten zweieinhalb Wochen stehen fünf Spiele auf dem Programm, da geht es bis zur Länderspielpause Schlag auf Schlag.

In den wenigen Momenten zwischen den Spielen muss Salihamidzic die Risse kitten, die sich offenbaren. "Die Stimmung ist überragend", meinte Niklas Süle nach dem Sieg gegen Anderlecht.

Das war entweder als Scherz gemeint oder aber Süle hat in letzter Zeit nicht besonders gut auf die Zwischentöne geachtet.

Arjen Robben "hatte keinen Spaß auf dem Platz", vielleicht auch, weil er mal wieder geflissentlich vom einen oder anderen Mannschaftskollegen übersehen wurde.

Ganz sicher aber, weil einige dieser Kollegen eine lasche Arbeitseinstellung an den Tag legten. Nach Riberys Trikotwurf - der Franzose ist ja für ein paar Sperenzchen und Späße immer mal zu haben - wurde eisig geschwiegen auf der Bank.

Es gab mal Zeiten, da wurden Aktionen wie diese noch mit einem Lachen quittiert.

Hasan Salihamidzic muss jetzt der Wohlfühl-Brazzo sein, der eine zaudernde Gemeinschaft wieder zu einer Mannschaft macht. Der Trainer hat diesen Missstand offenbar nicht erkannt, anders lassen sich Ancelottis Aussagen vom Dienstagabend kaum interpretieren.

Dafür haben die Bayern ihn ins Amt gehievt. Ob er das kann, wird sich erst noch zeigen müssen. Bisher scheint der Zugang zu den Spielern noch nicht so recht gefunden.

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