Die Schiedsrichter liegen in den beiden Spitzenspielen vom Wochenende in Leipzig und Leverkusen in den entscheidenden Situationen richtig, benötigen dabei teilweise aber die Unterstützung durch den Video-Assistenten. Einmal mehr geht es dabei auch um das Thema Handspiel.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Gerade einmal zwei Minuten alt war das Topspiel des vierten Spieltags der Fußball-Bundesliga zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern München (1:4), als es erstmals Aufregung gab.

Am linken Strafraumeck der Gäste wollte Dominik Szoboszlai eine Flanke vor das Tor des Deutschen Meisters schlagen, doch dieses Vorhaben scheiterte, weil Thomas Müller den Ball im eigenen Strafraum mit seinem rechten Arm ablenkte.

Die Hausherren reklamierten daraufhin einen Strafstoß, aber Schiedsrichter Deniz Aytekin ließ weiterspielen und signalisierte, dass Müller seinen Arm nach hinten weggezogen habe, um ein Handspiel zu verhindern.

Nach der Partie erklärte der Unparteiische gegenüber dem Aktuellen Sportstudio des ZDF seine Entscheidung. Seit dieser Saison sei bei der Beurteilung von Handspielen wieder "die Absicht in den Vordergrund gerückt", sagte er.

Und weiter: "Bei Thomas Müller war es so, dass er sich nach vorne beugt und versucht, seinen Arm komplett rauszunehmen und das Handspiel komplett zu vermeiden. Da war für mich keinerlei Absicht zu erkennen."

Müller will das Handspiel vermeiden

Das ist eine nachvollziehbare Bewertung. Müller hatte, auf einem Bein stehend, seinen Körper recht merkwürdig verrenkt, um den Ball aufzuhalten. Den erst etwas abgespreizten Arm zog er, als die Kugel auf ihn zuflog, noch rechtzeitig näher an den Körper und nach hinten.

Durch den Ballkontakt wurde der Arm hinter den Rücken geschleudert, was auf eine fehlende Spannung hindeutet und damit ebenfalls gegen ein absichtliches Handspiel spricht.

Der günstig postierte Aytekin hatte den Vorgang wahrgenommen, und sein daraus resultierendes Urteil stand zumindest nicht in einem krassen Gegensatz zu den Fernsehbildern. Daher gab es für den Video-Assistenten auch keinen Anlass, nach der Überprüfung der Szene zu einem Review zu raten.

Man mag Müller vielleicht unterstellen, dass er sich durch seine akrobatische Körperhaltung so breit wie möglich machen wollte. Aber sein Bemühen, den Arm aus der Flugbahn des Balles zu nehmen, war offenkundig – und das sprach gegen eine Strafbarkeit des Handspiels.

Kein Spielraum für den Referee bei Kampls Handspiel

Gerade einmal sieben Minuten später kam es erneut zu einem Handspiel im Strafraum – diesmal jedoch auf der anderen Seite und mit einer anderen Entscheidung.

Nach einem Kopfball von Serge Gnabry kam der Leipziger Kevin Kampl im Laufduell mit Leon Goretzka vor dem Münchner an den Ball, wobei er allerdings den linken Oberarm zur Kugel führte und sie damit spielte.

Es lag also ein Handspiel vor. Referee Aytekin nahm das jedoch so wenig wahr wie die Gäste, von denen sich niemand beschwerte. Video-Assistent Benjamin Brand sah jedoch genau hin und riet dem Schiedsrichter zum Gang in die Review Area. Anschließend gab es einen Strafstoß für den FC Bayern.

"Er spielt den Ball mit dem Oberarm, da war eine ganz klare aktive Bewegung zu erkennen auf den Bildern. Und da bleibt mir dann keinerlei Spielraum mehr", begründete Deniz Aytekin im Sportstudio seinen Entschluss, der erneut korrekt war.

Bellinghams Tor zählt zu Recht nicht

In der teilweise hitzigen Partie zwischen Bayer 04 Leverkusen und Borussia Dortmund (3:4) gab es für VAR Guido Winkmann ebenfalls viel zu tun. So zum Beispiel nach 39 Minuten, als Jude Bellingham für den BVB beim Stand von 1:1 ins Tor der Hausherren traf.

In der Angriffsphase, die zum Tor führte, hatte es allerdings ein Beinstellen des Dortmunders Mahmoud Dahoud gegen Moussa Diaby gegeben. Schiedsrichter Daniel Siebert hatte dieses Foul jedoch nicht geahndet. Deshalb kam es zu einem On-Field-Review, danach erklärte der Unparteiische den Treffer zu Recht für ungültig.

Dass zwischen dem Foulspiel und der Torerzielung 21 Sekunden vergangen waren, änderte daran nichts.

Denn solange der Ball während dieser Zeit am oder im Strafraum gespielt wird, läuft die Angriffsphase weiter. Auch ein zwischenzeitlicher Ballkontakt wie jener von Odilon Kossounou beendet sie nicht, wenn der Ball dabei nicht kontrolliert und auch nicht ohne Bedrängnis geklärt wird.

Angesichts eines solch großen zeitlichen Abstands zwischen Vergehen und Tor mag man sich vielleicht fragen, ob zwischen beidem wirklich ein Zusammenhang besteht. Aber für den Video-Assistenten ist nun mal das VAR-Protokoll entscheidend, und das wurde hier korrekt angewendet.

Beim Schlag gegen Reus hat der Schiedsrichter keine Wahl

Nach 74 Minuten gab es einen weiteren Eingriff aus der Kölner Videozentrale, diesmal zugunsten des BVB. Zuvor war es im Strafraum der Gastgeber zu einem Zweikampf zwischen Odilon Kossounou und Marco Reus gekommen, bei dem der Leverkusener den Ball abschirmen und zum Abstoß ins Toraus rollen lassen wollte.

Als er dabei versuchte, Reus mit dem Arm ein wenig abzudrängen, traf er ihn mit dem Handrücken im Gesicht, was dem Dortmunder Kapitän eine blutende Nase bescherte. Das konnte Schiedsrichter Siebert jedoch nicht erkennen, weil er von hinten auf den Vorgang schaute.

VAR Winkmann überprüfte die Szene und riet dem Referee dann erneut zum Review. Nach dem Betrachten der TV-Bilder blieb Siebert keine andere Wahl, als auf Elfmeter für Borussia Dortmund zu entscheiden. Kossounou dürfte zwar nicht beabsichtigt haben, Reus im Gesicht zu treffen, aber Absicht muss bei einem Foulspiel auch nicht vorliegen.

Und die Hand wurde hier nicht als Werkzeug im Kampf um den Ball benutzt, sondern unnötig und in unerlaubter Weise gegen einen Kontrahenten eingesetzt. Daniel Siebert untermauerte das zusätzlich, indem er Kossounou für sein rücksichtsloses Vorgehen verwarnte.

Meunier löst eine Rudelbildung aus und hat Glück

Die Konsequenzen, die der Unparteiische aus der Rudelbildung nach einer Stunde zog, kann man dagegen kritisch bewerten.

Nach einem grenzwertigen Foulspiel des bereits verwarnten Dortmunders Thomas Meunier gegen Robert Andrich zeigte Siebert im Anschluss an die folgenden Tumulte sowohl dem Leverkusener Florian Wirtz als auch Erling Haaland die Gelbe Karte.

Meunier kam dagegen ungeschoren davon, obwohl er sich nach seinem harten Einsteigen noch ein Stirn-an-Stirn-Duell mit Wirtz geliefert hatte.

Haaland wiederum war eigentlich nichts vorzuwerfen, was eine Verwarnung unausweichlich gemacht hätte. Zumindest war er, verglichen mit Meunier, geradezu reserviert. Gelb-Rot für den Belgier wäre also die bessere Entscheidung gewesen. Diese aber mochte Daniel Siebert nicht treffen.

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