Der Schiedsrichter des Spitzenspiels zwischen Bayern und Dortmund bedauert öffentlich zwei Fehler zum Nachteil des BVB. Insbesondere ein verweigerter Strafstoß fällt ins Gewicht. In Leipzig trifft der Referee unterdessen trotz klarer Bilder eine falsche Entscheidung.

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter
Eine Kolumne
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Menschen machen Fehler – bei den Schiedsrichtern im Fußball ist das nicht anders, auch wenn sie in besonders spielrelevanten Situationen die Hilfe von Video-Assistenten in Anspruch nehmen können. Wenn sie ab und zu erklären, wie und warum ein Fehler entstanden ist, dann ist das gut. Denn Transparenz kann die Akzeptanz und das Verständnis deutlich verbessern.

Am Tag nach dem Spitzenspiel des 31. Spieltags der Fußball-Bundesliga zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund (3:1) äußerte sich der Unparteiische Daniel Siebert im Interview gegenüber dem "Kicker" – und erläuterte dabei das Zustandekommen zweier Versäumnisse.

Der BVB hätte einen Strafstoß bekommen müssen

Zum einen räumte er ein, dass es nach knapp einer Stunde beim Stand von 2:1 für die Gastgeber nach einem Zweikampf im Münchner Strafraum zwischen Bayern-Verteidiger Benjamin Pavard und dem Dortmunder Jude Bellingham einen Strafstoß für den BVB hätte geben müssen. Pavard habe seinem Gegner "mit seinem rechten Bein den Ball vom Fuß grätschen" wollen, doch das sei misslungen: "Er spielt den Ball nicht, sein Bein stellt stattdessen im Laufweg von Bellingham ein Hindernis dar." Regeltechnisch liegt für Siebert damit ein Foul vor. Dass Pavard kurz danach doch noch den Ball berührt habe, sei unerheblich.

Dass er im Spiel zu einer anderen Einschätzung kam, erklärt Siebert so: "Auf dem Feld verdeckte mir Pavard mit seiner Grätsche den Blick auf den entscheidenden Kontakt im Fußbereich." Die Fernsehbilder zeigten jedoch, dass ein Vergehen vorgelegen habe: "Vor allem in der Kameraeinstellung 'Hintertor hoch' ist der strafbare Kontakt von Pavard an Bellingham deutlich erkennbar."

Auch wenn es der Fifa-Schiedsrichter nicht explizit sagt, macht dieser letzte Satz klar: VAR Marco Fritz hätte eingreifen und Siebert zu einem On-Field-Review raten müssen, weil der Unparteiische ein strafstoßwürdiges Vergehen im Strafraum nicht erkannt hatte. Fritz war aber anscheinend nach der Auswertung der Bilder der Meinung, dass es kein glasklarer Fehler war, nicht auf Elfmeter erkannt zu haben.

Pavard kam zu Unrecht ohne Gelbe Karte davon

Die andere falsche Entscheidung, die Siebert gegenüber dem "Kicker" thematisiert, hatte er zehn Minuten zuvor getroffen. "Das war der größte Fehler in diesem Spiel, und über meine Bewertung dieser Szene ärgere ich mich sehr", sagt er. Gemeint ist ein Foulspiel von Pavard an Julian Brandt, bei dem der Unparteiische signalisiert hatte: Ball gespielt. Diese Situation schildert Siebert so: "Brandt enteilt in hohem Tempo Richtung Münchner Tor und Pavard setzt von seitlich-hinten recht kontrolliert zur Grätsche an, um den Ball zu spielen. Er trifft aber nur Brandts Knöchel, es war also ein klares Foul, das zusätzlich zwingend mit Gelb zu ahnden gewesen wäre."

Auf dem Rasen hatte der Referee die Dinge anders beurteilt: "Weil der Ball genau in der Richtung weiterrollte, als hätte Pavard tatsächlich den Ball gespielt, hatte ich im Spiel leider eine falsche Wahrnehmung." Er sei "froh, dass Brandt weiterspielen konnte und sich offenbar nicht ernsthaft verletzt hat".

Manche Beobachter fragten sich, ob es nicht gar eine Rote Karte hätte geben müssen. Doch für Fouls mit den Stollen am Knöchel oder darunter sieht die Regelauslegung für die Schiedsrichter in den meisten Fällen lediglich eine Gelbe Karte vor, weil ein solches Vergehen regeltechnisch nur als rücksichtslos bewertet wird. Volltreffer mit der "offenen Sohle" oberhalb des Knöchels dagegen sollen bei hoher Intensität aufgrund der größeren Verletzungsgefahr als brutal eingestuft werden und einen Feldverweis zur Folge haben.

Es ist Daniel Siebert hoch anzurechnen, dass er ohne Umschweife einräumt, sich geirrt zu haben, und nachvollziehbar macht, wie er auf dem Feld zu seinen Urteilen kam. Der 37-Jährige, der bei der Europameisterschaft 2021 überzeugte und unlängst auch ein Viertelfinalspiel der Champions League pfiff, ist nach dem Ende der internationalen Karriere von Felix Brych auf Fifa- und Uefa-Ebene die neue Nummer eins unter den deutschen Unparteiischen.

Im Spitzenspiel in München aber sah er bisweilen etwas unglücklich aus, nicht nur wegen der beiden Fehler. Wobei er in weiteren kniffligen Situationen – wie bei den nicht strafbaren Handspielen von Raphael Guerreiro und Emre Can sowie beim Einsatz des BVB-Torwarts Marwin Hitz gegen Lucas Hernández, alle im Dortmunder Strafraum – richtig oder zumindest vertretbar handelte, als er jeweils nicht auf Elfmeter entschied.

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Mukiele fast im Kung-Fu-Stil gegen Gießelmann

Sieberts Kollege Daniel Schlager sorgte unterdessen in der Partie zwischen RB Leipzig und dem 1. FC Union Berlin (1:2) nach knapp einer Stunde für einiges Erstaunen. Bei einem Angriff der Berliner – Leipzig lag zu diesem Zeitpunkt mit 1:0 in Führung – blockte Nordi Mukiele im eigenen Torraum den Ball bei einem Torschuss von Niko Gießelmann mit dem rechten Bein ab, bevor sein linkes Bein nach vorne schnellte und er seinen Gegenspieler fast im Kung-Fu-Stil mit dem Fuß am Knie traf.

Schlager ließ jedoch weiterspielen. In der Realgeschwindigkeit war es auf dem Feld auch schwierig, den Kontakt einzuordnen, zumal Mukiele zuerst den Ball getroffen hatte – oder besser gesagt: von ihm getroffen wurde. Die Fernsehbilder hielten den Tritt gegen das Knie von Gießelmann allerdings aus mehreren Perspektiven fest. Sie zeigten ein eindeutiges Foulspiel im Strafraum. Daran ändert sich auch nichts, wenn man Mukiele zugutehält, unabsichtlich gehandelt zu haben.

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Schlagers Entscheidung ein kleines Rätsel - und falsch

Video-Assistent Johann Pfeifer empfahl dem Unparteiischen deshalb richtigerweise ein On-Field-Review. Schlager schaute sich die Szene fast anderthalb Minuten lang am Monitor an, immer und immer wieder war der Treffer zu sehen. Schließlich entschied er sich aber gegen einen Elfmeter – und das ließ nicht nur die Berliner stutzen.

Nach der derzeitigen Regelauslegung gibt es zwar Situationen, in denen ein Treffer gegen den Gegner nach dem Spielen des Balles nicht als Foul zu bewerten ist, sondern als Unfall. Dafür gelten allerdings klare Kriterien: Ein Tritt auf den Fuß beispielsweise, der beim vertikalen Abstellen des Fußes auf den Boden versehentlich passiert und schon deshalb kaum zu verhindern ist, weil sich der gegnerische Fuß beim Spielen des Balles noch gar nicht dort befand, ist nicht strafbar. Wer aber zuerst den Ball spielt und dann – erst recht in einer eigenen, also zusätzlichen Aktion – den Gegner horizontal mit beinahe gestrecktem Bein und einiger Intensität oberhalb des Knöchels trifft, handelt regelwidrig.

Es hätte deshalb einen Strafstoß für Union geben müssen und wenigstens eine Gelbe Karte gegen Mukiele, denn als nicht zu ahndender Unfall lässt sich die Aktion des Leipzigers beim besten Willen nicht bewerten. Es ist ein kleines Rätsel, warum Daniel Schlager trotz der eindeutigen Bilder, die ihm der Video-Assistent vorführte, anders entschied. Und es war schlicht falsch, das muss man so deutlich sagen. Dennoch war die Entscheidung am Ende kein wirklich großes Thema mehr, weil Union das Spiel noch gewann.

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