Kuriose Ziele, verrückte Personalentscheidungen, viel Ärger – Hannover 96 gibt nicht nur sportlich ein schwaches Bild ab. Wir erklären, wie der Bundesliga-Absteiger im Chaos versank.

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Normalerweise könnten die Fans von Hannover 96 voller Vorfreude sein. Samstag steht das Nordderby gegen den Hamburger SV an. Das Stadion in Hannover ist längst ausverkauft. Zwei Mannschaften treffen aufeinander, die vor der Saison beide noch als Aufstiegskandidaten galten.

Bei Hannover 96 sieht die Realität jedoch völlig anders aus: Der Bundesliga-Absteiger geht als Tabellen-12. in den 22. Spieltag. Der Verein ist der 3. Liga somit näher als der 1. Liga.

Heimspiele in Hannover waren fast durchweg ein Desaster. Die Horror-Bilanz im eigenen Stadion: Zehn Spiele, nur ein mickriger Sieg. Keine andere Mannschaft innerhalb der ersten drei Profiligen Deutschlands hat zu Hause so selten gewonnen.

Trotz Platz 12: Vereinsboss Kind träumt von der Bundesliga

Wer nun aber denkt, dass Hannover 96 den Abstiegskampf annimmt, liegt völlig daneben. "Mit dem Abstieg beschäftigen wir uns nicht", sagte Vereinsboss Martin Kind noch im Januar in einem Interview auf der Vereinswebseite.

Stattdessen träumt er weiter von dem Wiederaufstieg: "96 hat mit der HDI Arena und dem Nachwuchsleistungszentrum in der Eilenriede eine Infrastruktur, die erstklassig ist. Damit gehört 96 auch sportlich in die 1. Liga - das zu erreichen, ist spätestens für 2020/21 unser Ziel."

Wie gesagt: spätestens. Das klingt so, als würde Kind im Idealfall noch diese Saison den Aufstieg anstreben. Stellt sich also die Frage: Ist der Vereinsboss mutig oder verkennt er die sportliche Realität?

Zuber: Erst gemobbt, dann zum Sportchef ernannt

Der Verein gibt in der Öffentlichkeit ein fragwürdiges Bild ab. Jüngstes Beispiel war die Veränderung auf der Position des Sportdirektors. Ex-Profi Jan Schlaudraff wurde im Januar freigestellt, der bereits im Verein beschäftigte Gerhard Zuber zu seinem Nachfolger ernannt.

Das Kuriose: Zuber befand sich seit Monaten mit dem Verein in einem Rechtsstreit, weil Hannover 96 ihn loswerden wollte. Man könnte auch sagen, er wurde regelrecht weggemobbt.

Wie die "Sport Bild" berichtet, durfte Zuber im vergangenen Sommer nicht mit in das Trainingslager fahren, war bei den Auswärtsreisen unerwünscht und musste sein Büro auf der Geschäftsstelle räumen. Sogar seine Zugangsdaten zum Hauptcomputer wurden gekappt. Ausgerechnet er soll nun die sportlichen Geschicke des Vereins leiten.

Besonders kurios ist, dass Zuber genau einen Tag vor seiner Ernennung zum Sportchef den Rechtsstreit gegen Hannover 96 gewann. Das Arbeitsgericht hatte entschieden, dass der Arbeitsvertrag von Zuber entfristet gilt.

Der Verein war also gefordert, eine Position im Verein für Zuber zu finden. Offenbar war die Funktion des Sportchefs die naheliegendste.

Ex-Stürmer von Manchester City verpflichtet

Zuber wurde direkt auf dem Transfermarkt aktiv und hat die Mannschaft namhaft verstärkt. Für eine Leihgebühr von 500.000 Euro und ein Gehalt in ähnlicher Größenordnung wurde Stürmer John Guidetti bis zum Sommer verpflichtet. Der Schwede stand in seiner Karriere unter anderem bereits bei Manchester City unter Vertrag.

Für eine Ablöse von weiteren 400.000 Euro wurde zudem der ehemalige RB-Leipzig-Kapitän Dominik Kaiser nach Hannover geholt.

Merkwürdig: Laut Informationen der "Sport Bild" hatte Kind gegenüber Ex-Sportchef Schlaudraff gesagt, dass kein Geld für neue Spieler zur Verfügung steht. Umso überraschender die plötzliche Kehrtwende.

Kind wollte die Mehrheit, Fans protestierten

Überhaupt wird Kind vielfach kritisch gesehen. Besonders umstritten ist sein Engagement gegen die 50+1-Regelung.

Zur Erklärung: Die 50+1-Regel besagt, dass die Profivereine stets die Mehrheit der Stimmenanteile halten müssen – nämlich 50 plus einen. Damit soll verhindert werden, dass Einzelpersonen einen Verein übernehmen.

Es gibt allerdings eine Ausnahme: Fördert ein Rechtsträger einen Verein seit mehr als 20 Jahren im hohen Ausmaß, kann er beim Ligaverband DFL einen Antrag stellen und die Mehrheit des Vereins übernehmen.

Diese Option wollte Kind, der mit Hörgeräten ein Vermögen von rund 650 Millionen Euro angehäuft haben soll, gerne nutzen. Die Fans gingen in den Protest und stellten zeitweise die Unterstützung ihrer Mannschaft ein. Die Folge: Hannover 96 spielte eine katastrophale Saison 2018 / 2019 und stieg aus der Bundesliga ab.

Im vergangenen Juli machte Kind einen Rückzieher und zog den Ausnahmeantrag zurück, sagte aber auch, dass das Thema damit "natürlich nicht vom Tisch" sei. Gut möglich also, dass Hannover 96 auch zukünftig neben dem Platz für viele Schlagzeilen sorgen wird.

Verwendete Quellen:

  • Sport Bild (04/2020): Das Protokoll des Wahnsinns
  • Hannover96.de: Martin Kind im Interview: "Die Mannschaft hat sich stabilisiert"
  • ndr.de: Kind und 96 einigen sich im Streit um 50+1-Regel
  • Vermögenmagazin.de: Martin Kind: Das Vermögen des Unternehmers
  • transfermarkt.de: John Guidetti
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