Totgesagte leben länger, das hat FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle mehr als einmal bewiesen. Er war innerhalb seiner Partei schon abgeschrieben und wurde 2009 doch Bundeswirtschaftsminister. Er wurde in diesem Amt zunächst belächelt, doch überzeugte mit Format und Expertise. Er musste das Ministeramt dem jungen FDP-Chef Philipp Rösler überlassen und avancierte zum Fraktionschef. Als liberales Urgestein und Retter in der Not wurde er zum Spitzenkandidaten der FDP für die Bundestagswahl 2013 gewählt und kurz darauf Auslöser einer Sexismus-Debatte. Auch diesmal taucht er wieder auf - ein Porträt.

Langsam scheint Gras über die Sache gewachsen zu sein. Gemeint ist die überhitzte Sexismus-Debatte im Frühjahr. Da hat Rainer Brüderle einfach nichts gesagt. Etwas blass lief er durch Berlin, aber zu den Vorwürfen einer Sternreporterin wollte er sich nicht äußern. Offenbar hatte er angetrunken ein Jahr zuvor Anzügliches zu der Reporterin gesagt. Nein, auch entschuldigen wollte er sich nicht.

Inzwischen wird wieder über politische Inhalte gesprochen und über den Wahlkampf zur Bundestagswahl im Herbst. Beim FDP-Parteitag in Nürnberg, als die FDP ihr Wahlprogramm verabschiedet hat, hat sich Rainer Brüderle dort als furioser Kämpfer präsentiert, als Einpeitscher, der seine Gegner mit Leidenschaft verbal attackiert. Vielleicht war er bei der Wahl seiner Worte ein wenig vorsichtiger geworden, dennoch schimpfte er über die Grünen, die er "Jakobiner" nennt, und Steinbrück, den "Zauberlehrling". Endlich ist Brüderle wieder in seinem Element, dachte man unwillkürlich.

Wirtschaftsexperte der FDP

Rückblick: Rainer Brüderle wurde am 22. Juni 1945 in Berlin geboren und wuchs in Landau in der Pfalz auf. Sein Vater betrieb ein kleines Textilgeschäft, die Verhältnisse waren einfach. Nach dem Abitur 1966 studierte Brüderle in Mainz Volkswirtschaft, Jura, Publizistik und Politik. Er schloss das Studium 1971 als Diplom-Volkswirt ab und arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik der Uni Mainz. 1973 trat Brüderle der FDP bei.

1975 wurde Brüderle Direktor des Amtes für Wirtschaft und Verkehrsförderung der Stadt Mainz. 1980 heiratete er Angelika Adamzik, die Ehe blieb kinderlos. Als Wirtschaftsdezernent von Mainz wirkte er von 1981 bis 1987. 1983 wurde Brüderle FDP-Landesvorsitzender, ein Amt, das er bis 2011 bekleidete, und Mitglied im FDP-Bundesvorstand.

Elf Jahre lang, 1987 bis 1998, war Brüderle Wirtschaftsminister von Rheinland-Pfalz und Mitglied des Landtags, von 1988 an auch Stellvertretender Ministerpräsident. In der Partei stieg Brüderle 1995 zum stellvertretenden FDP-Chef auf, das Amt gab der lebensfrohe Pfälzer 2011 auf. 1998 wandte sich Brüderle der Bundespolitik zu und zog in den Bundestag ein. Das erhoffte Wirtschaftsministerium blieb ihm zunächst versperrt, da Rot-Grün an die Macht kam. Doch mit der für ihn typischen Zähigkeit, mit Fleiß und den richtigen Kontakten kämpfte er weiter, elf Jahre lang.

Rainer Brüderle: mit Kompetenz gegen Spötter

Erst 2009 ging sein Wunsch in Erfüllung: Er wurde Wirtschaftsminister. Zunächst verspottete man ihn als "Leichtmatrosen", "Windmaschine" und "Plaudertasche", wohl wegen seiner Frohnatur und weil man ihm den Wirtschaftsminister nicht so recht zutraute. Doch davon ließ sich Brüderle nicht irritieren. Er zeigte Kompetenz, verweigerte Opel eine Milliardenhilfe und wurde dafür gefeiert.

Allerdings musste er bereits 2011 das Ministeramt an den jungen, aufstrebenden FDP-Chef Philipp Rösler abgeben. Brüderle übernahm stattdessen die Führung der FDP-Fraktion im Bundestag. Das liberale Urgestein hatte sich auf Umwegen gegen die junge FDP-Garde durchgesetzt. Und Brüderle gelang es fortan sogar, in der FDP Aufbruchsstimmung zu erzeugen.

Seither ist er so was wie der Fels in der Brandung: "Ich bin für FDP pur - ohne Zusatzstoffe", sagte er, und pocht auf Marktwirtschaft, Wettbewerb und einen Staat, der nur den Ordnungsrahmen vorgibt. Er beteuert, dass die FDP nicht für "Manchester-Liberalismus" stehe.

FDP-Wahlkampfthemen: Mittelstand und Bürgergeld

Brüderle, der gern auch als "Mister Mittelstand" gelobt wird, setzt sich für Europa und eine stabile Währung ein, zudem plädiert er für den Abbau der Staatsschulden. Die FDP öffnet sich zwar vorsichtig der Idee von Mindestlöhnen, wohl auch um ein wenig sozialer zu erscheinen. Brüderle lehnt jedoch den "Öko-Sozialismus" der politischen Konkurrenz strikt ab. Die FDP will lieber ein "Bürgergeld" einführen und die volle Gleichstellung von eingetragenen Homo-Partnerschaften mit der Ehe durchsetzen.

Die FDP ist strikt gegen die von SPD und Grünen vorgeschlagenen Steuererhöhungen. Das Ehegattensplitting soll auf jeden Fall erhalten bleiben, der Solidaritätszuschlag abgebaut werden. Die Stromsteuer soll sinken und die Förderung von Ökostrom radikal überarbeitet werden.