• Emilia Fester ist für die Grünen in den Bundestag eingezogen. Mit 23 Jahren ist sie die jüngste der 735 Abgeordneten.
  • Im Interview mit unserer Redaktion erklärt die Hamburgerin, warum man für die Politik nicht zu jung sein kann und welche Regie-Anweisung sie dem Bundestag geben würde.
Ein Interview

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Frau Fester, wir telefonieren am Montagabend miteinander. Am Sonntag sind Sie zur jüngsten Bundestagsabgeordneten der Legislaturperiode gewählt worden. Wo sind Sie gerade?

Emilia Fester: Ich bin schon am Morgen nach Berlin gefahren, weil wir uns eine Wohnung angeschaut haben. Ich werde eine Junge-Abgeordneten-WG gründen. Zusammen mit Saskia Weishaupt und Marlene Schönberger aus Bayern, die auch neu für die Grüne Jugend in den Bundestag gewählt worden sind. Dann ging es auch schon los mit den ersten Fraktionsterminen. Das ist natürlich sehr aufregend und spannend. Ich bin auch demütig und habe einen Riesenrespekt vor der Aufgabe. Ich bin heute Morgen aufgewacht und habe mir gedacht: Oh, mein Gott!

Andere junge Menschen gehen in Ihrem Alter auf Reisen, feiern, studieren oder machen eine Ausbildung. Sie dagegen sind jetzt Volksvertreterin – das ist schon verrückt, oder?

Natürlich fühlt es sich ein bisschen verrückt an, wenn ich aus meinen Augen schaue. Aber es ist superwichtig, dass junge Menschen in der repräsentativen Demokratie im Parlament sitzen und mitreden. "Fridays for future" haben in den letzten Jahren bewiesen, dass junge Menschen krass politisch sind und entweder von Hoffnung oder von Angst getrieben versuchen, an Entscheidungen mitzuwirken. Ich glaube: Laute Stimmen auf den Straßen reichen nicht mehr, wenn man sich anschaut, was die Große Koalition in den letzten Jahren verbockt hat. Jetzt muss die junge Generation die Hebel in die Hand nehmen.

Trotzdem wird es Menschen geben, die sagen: Mit 23 ist man zu jung für die Politik.

In einer repräsentativen Demokratie kann man nicht zu jung sein, um mitzureden. Ich setze mich auch dafür ein, dass das Wahlalter abgesenkt wird: auf 16 Jahre oder sogar auf null Jahre. Dann könnte man sich melden, wenn man mitwählen will. Wir müssen die Demokratie doch als Abbild unserer Gesellschaft begreifen. Da muss jede Perspektive eine Rolle spielen.

Welches Projekt möchten Sie als erstes angehen?

Wir müssen zuerst einen Koalitionsvertrag auf die Kette kriegen, damit wir ein Klimaschutz-Sofortprogramm auflegen können. Das muss jetzt passieren. Persönlich bin ich Jugendpolitikerin und möchte tatsächlich eine Wahlrechtsreform anschieben, um das Wahlalter zu senken. Ich glaube, dass es dafür auch große Mehrheiten in der Bevölkerung gibt.

Sie haben bisher in Hamburg als Regie-Assistentin gearbeitet. Welche Regie-Anweisung würden Sie dem Bundestag geben?

Schneller!

Warum?

Im Improvisationstheater gibt es die Beobachtung der "Talking Heads". Daran musste ich sehr, sehr oft denken, wenn ich im Wahlkampf Laschet und Scholz gesehen habe. Sie haben diskutiert, haben gesagt, dass sie tolle Ideen haben – aber sie haben nichts davon umgesetzt. Eine Regisseurin oder ein Regisseur würde sagen: Hört mal auf zu sprechen, fangt an!

Das kann aber auch für die Grünen zur Herausforderung werden. 16 Jahre lang hat die Partei von der Opposition aus gesagt, wie sie es besser machen will. Jetzt muss sie beweisen, dass sie das kann.

Wir regieren in einem groben Dutzend von Ländern mit und beweisen ganz gut, dass sich mit uns wirklich Veränderungen einstellen.

"Das Macho-Gehabe von Herrn Lindner tut nichts zur Sache"

Sie sind in einer Situation des Umbruchs in den Bundestag gekommen. Die alten politischen Lager haben keine Mehrheiten mehr. FDP und Grüne werden wahrscheinlich zusammen regieren müssen. Glauben Sie, dass das funktioniert?

Ich finde diese Debattenverschiebung schwierig. Klar, Grüne und FDP müssen sich einigen. Aber eigentlich geht es darum, dass wir uns mit einem großen Koalitionspartner einigen. Mit der SPD gibt es da ganz viele Überschneidungen. Ich bin optimistisch, dass wir gerade bei der sozialen Gerechtigkeit ganz viel schaffen können. Die SPD kann jetzt endlich beweisen, dass sie wirklich eine soziale Seele hat.

Allerdings werden Sie auch die FDP brauchen, um Mehrheiten zu bilden.

Die FDP ist kleiner als wir. Da tut auch das Macho-Gehabe von Herrn Lindner nichts zur Sache. Der muss mit uns Kompromisse finden. Wir werden ihm nicht alles schenken, was er haben möchte.

Sie kommen aus Hamburg – genau wie Ria Schröder, die frühere Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen. Gibt es Berührungspunkte zwischen Ihnen?

Wir kennen uns natürlich aus dem Hamburger Wahlkampf. Ria gehört ja durchaus zum sozialliberalen Flügel der FDP. Deswegen haben wir Überschneidungspunkte, zum Beispiel beim Wahlalter. Aber wir haben natürlich auch die Grenzen zueinander entdeckt. Die FDP lehnt es ab, wenn Klimaschutz staatlich gesteuert wird. Da sind wir uns uneinig. Aber in der Politik geht es ja auch darum, miteinander zu sprechen und Kompromisse zu finden.

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