Die Krankenhäuser füllen sich, die Ärzte und Pfleger verlässt die Kraft. Bei "Hart aber fair" schildert ein Arzt seinen schweren Alltag - und unglaubliche Begegnungen mit Patienten, die sich nicht beatmen lassen wollen. Ein Söder-Vertrauter prescht in Sachen Impfpflicht vor.

Fotos zur Ansicht, unbearbeitet, Christian Bartlau
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Eine Kritik
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1.887 neue COVID-19-Patienten auf den Intensivstationen - allein in der vergangenen Woche: Das sind die dramatischen Zahlen, mit denen die vierte Corona-Welle in den deutschen Krankenhäusern aufschlägt. Bei "Hart aber fair" beleuchten Frank Plasberg und seine Gäste am Montagabend einige Geschichten hinter den Statistiken – und stoßen dabei auf reumütige Impfmuffel, unbelehrbare Corona-Leugner und schwer frustrierte Pflegekräfte.

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Das ist das Thema bei "Hart aber fair"

"Noch ein Corona-Winter: Halten die Krankenhäuser das durch?", lautet das Thema. Klingt nach einer technischen Frage, die mit einer Kennziffer beantwortet werden kann, die irgendwo stehen muss neben Inzidenz, Impfquote, Bettenbelegung.

Aber Plasberg will tiefer gehen, nicht nur die Fakten ergründen, sondern ganz menschliche Fragen beantworten: Darf man wütend sein auf Ungeimpfte? Darf man Menschen zwingen, sich zu impfen? Und darf ein Arzt sich hohe Todeszahlen wünschen, damit die Menschen endlich den Ernst der Lage verstehen?

Das sind die Gäste

"Die Patienten werden immer jünger", erzählt Cihan Çelik, Oberarzt der Corona-Station am Klinikum Darmstadt. Immer wieder sehe er Menschen schwer erkranken, obwohl sie es nicht müssten – wenn sie geimpft wären. "Das frustriert."

"Ärger" und "Wut" verspürt Annette Kurschus, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, bei Gesprächen mit Pflegekräften und Seelsorger. Einige hätten Schuldgefühle: "Sie sagen: Wir können den Menschen nicht gerecht werden."

CSU-Generalsekretär Markus Blume sieht wie sein Chef Markus Söder die Zeit für eine Impfpflicht gekommen. Aber: Impfen helfe erst perspektivisch. "Jetzt brauchen wir eine Vollbremsung".

Joachim Stamp (FDP), Familienministerin in Nordrhein-Westfalen, hat noch im Sommer einen "Freedom Day" am Tag der Deutschen Einheit gefordert. Damals habe er die Impfbereitschaft überschätzt, sagt er heute. "Das ist ein Vorwurf, den wir uns als Politik machen müssen".

Für die Journalistin Kristina Dunz vom Redaktionsnetzwerk Deutschland haben sowohl die alte Regierung als auch die designierte Ampel "versagt" und viel zu viel Zeit verschwendet: "Die Groko hat sich im Wahlkampf erschöpft, und die Ampel hat die pandemische Notlage auslaufen lassen – ein falsches Signal".

Über die Gründe für den Lockdown in Österreich spricht ORF-Journalistin Simone Stribl. Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz habe die Pandemie schon im Sommer für überwunden erklärt, Virologen wurden ignoriert, bis alle Notmaßnahmen zu spät kamen: "Bis letzte Woche hieß es noch, es werde keinen Lockdown geben."

Das ist der Moment des Abends bei "Hart aber fair"

"Vielleicht muss es diesmal so richtig knallen (…) Bergisch-Gladbach statt Bergamo". Mit diesem bitter-zynischen Tweet hat sich ein anonymer Intensivmediziner vor einer Woche Luft gemacht. Eigentlich müsste zur Abschreckung aber auch schon die Reportage reichen, die ein "Hart aber fair"-Team in der Station von Cihan Çelik gedreht hat, keine zehn Minuten lang, trotzdem reich an denkwürdigen Zitaten.

"Davor würde eine Impfung schützen", sagt eine Ärztin da über einen 52-Jährigen ohne Vorerkrankungen, dessen Lunge versagt hat. "Ich habe gedacht, es ist nur eine Grippe", sagt der 32-Jährige Nuri Ozan unter schwerem Schnaufen. "Wir kommen nicht hinterher. Die Krisensitzungen häufen sich", sagt Stationsleiter Cihan Çelik.

In der Sendung schildert Çelik seinen Alltag in aller Nüchternheit, er verliest die Statistik des Tages, zehn Neuankömmlinge, acht davon ungeimpft, das Durchschnittsalter weit unter 40: "Von den großen Statistiken lassen sich manche ja gar nicht mehr beeindrucken." Und manche nicht einmal von ihrer eigenen misslichen Lage: Çelik erzählt, wie er mit Patienten streiten muss, die ihm nicht abnehmen, dass sie dringend beatmet werden müssen.

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Das ist das Rede-Duell des Abends

In seiner inneren Ruhe liegt ganz offensichtlich Cihan Çeliks Kraft, und die bekommen an diesem Abend Markus Blume und Markus Söder zu spüren. Frank Plasberg ist so gemein und spielt noch einmal das Interview des bayrischen Ministerpräsidenten ein, in dem Söder behauptet, die Virologen hätten die vierte Welle bis zuletzt unterschätzt. "Das muss man sich trauen, Herr Blume", sagt Plasberg, und Blume traut sich, die Schuld auf jene abzuwälzen, die im Sommer Lockerungen von Söder und der CSU forderten.

"Ich glaube schon, dass die Partei unter Druck stand", entgegnet Çelik. "Aber die Wissenschaft war immer eindeutig (…). Von daher hätte es Söder wissen müssen."

So hat sich Frank Plasberg geschlagen

Nur einmal gehen an diesem Abend die Showmaster-Gäule mit Frank Plasberg durch. Von Anfang an setzt der Gastgeber einen eher nachdenklichen Ton, stets schwingt der Ernst der Lage auf den Krankenstationen mit.

Als FDP-Mann Joachim Stamp sich aber minutenlang in verschachtelten Sätzen um ein klares Statement zur Impfpflicht herumdrückt, rückt Plasberg Stamp im wahrsten Sinne des Wortes auf die Pelle, im gebotenen Sicherheitsabstand natürlich, um die Frage nochmal zu stellen, "Sie haben mich ja offensichtlich nicht verstanden".

Hat der Familienminister natürlich, er hat nur Zeit geschunden, um sich eine unverfängliche Formulierung zurechtzulegen: "Ich kann mir das persönlich gut vorstellen, aber es wird in allen Parteien kontrovers diskutiert werden".

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Das ist das Ergebnis bei "Hart aber fair"

Sag, wie hältst Du's mit der Impfpflicht? Das wird die Gretchenfrage der nächsten Wochen, Markus Söder und sein grüner Amtskollege Winfried Kretschmann haben sie für sich beantwortet, und zwar in einem gemeinsamen Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine". In Kurzform: Eine Impfpflicht spalte nicht die Gesellschaft, sondern befriede sie – und nebenbei werde die ewige Lockdown-Spirale durchbrochen.

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Im Studio ist die Pflicht klar mehrheitsfähig, für EKD-Ratsvorsitzende Kurschus sogar "christliche Pflicht". Cihan Çelik fremdelt zwar mit dem Zwang, den er als "Kapitulation des guten Arguments" bezeichnet, aber: "Medizinisch gesehen führt wohl kein Weg dran vorbei."

Wie es laufen kann, zeigt der Blick zu den Nachbarn: In Österreich haben alle Parteien 20 Monate lang, bis letzte Woche, eine Impfpflicht ausgeschlossen, erzählt ORF-Journalistin Simone Stribl. "Und ab Freitag um 10 Uhr war alles anders." Blickt man auf die Zahlen – und die Geschichten dahinter – sollte es niemanden wundern, wenn es in Deutschland auch auf einmal ganz schnell geht.

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