Rund 10 Millionen Menschen verdienen in Deutschland trotz Arbeit zu wenig, um sorgenfrei zu leben. Bei "Hart aber fair" musste sich eine Alleinerziehende stellvertretend demütigende Ratschläge anhören. Arbeitsminister Hubertus Heil pocht auf mehr Mindestlohn. Arm trotz Arbeit: Alleinerziehende kriegt bei "Hart aber fair" dreiste Tipps.

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Eine Kritik
von Christian Bartlau

4 Uhr aufstehen, 5 Uhr die Tochter wecken, 6 Uhr die Tochter in die Betreuung bringen, 1 Stunde zur Arbeit fahren, für 10,64 Euro die Stunde schuften, 16.30 Uhr die Tochter abholen. Und jeden Monat hoffen, dass alle Rechnungen bezahlt werden können.

So sieht das Leben der Alleinerziehenden Djamila Kordus aus. Stellvertretend für Millionen anderen Menschen erzählt sie bei "Hart aber fair" ihre Geschichte – und erntet außer wohlfeilem Lob vor allem dreiste Ratschläge. Eine Lösung des Problems scheint nicht in Sicht, auch wenn Arbeitsminister Hubertus Heil immerhin eine Linderung verspricht.

Das ist das Thema

Mit einem Werbespot aus den 60ern erinnert Frank Plasberg an das Idealbild der guten, alten Marktwirtschaft: Papa bringt als Alleinverdiener genug Geld nach Hause für VW Käfer, Urlaub am Gardasee und das Studium der Kinder, die es noch besser haben sollen.

Nicht nur die Emanzipation hat dafür gesorgt, dass dieses Modell nicht mehr funktioniert – immer öfter verdienen Kinder weniger als ihre Eltern, die Hälfte der Deutschen sogar so wenig, dass sie keine Rücklagen bilden können. "Arm trotz Arbeit - wird sozialer Aufstieg zum leeren Versprechen?", fragt Frank Plasberg deshalb seine Runde.

Das sind die Gäste bei "Hart aber fair"

Hubertus Heil hält als Arbeitsminister quasi einen Erbhof der SPD, die den Niedriglohnsektor durch Hartz IV erst stark gemacht hat. Nun will Heil denen helfen, "die den Laden am Laufen halten": "Wir müssen den Mindestlohn armutsfest machen und mehr Tarifbindung erreichen."

"Wir müssen den Kuchen größer machen", so lautet das Rezept von Arndt Kirchhoff, Familienunternehmer aus der Autobranche und als Multifunktionär Lobbyist in diversen Wirtschaftsbünden. Erst wenn die Abgaben sinken, könnten die Löhne steigen.

Journalistin Julia Friedrichs, die sich eingehend mit Armut befasst hat, hält dagegen: "Der Kuchen ist größer geworden, aber ungleich verteilt."

In der "Höhle der Löwen" wurde Lencke Wischhusen bekannt, die FDP-Politikerin bezeichnet die Situation als "Totalversagen der Sozialdemokratie": "Die Sozialabgaben sind ausufernd, […] wir dürfen nicht niedrige Einkommen so besteuern."

Niedriglöhnerin Djamila Kordus ist mit ihrer Lage unglücklich - nicht zu arbeiten, komme aber auch nicht in Frage: "Ich bin ein Vorbild für mein Kind."

Das ist der Moment des Abends

Wer sich anstrengt, wird es zu Wohlstand bringen. Das war das große Versprechen der sozialen Marktwirtschaft. Es gilt nicht mehr, viele Wissenschaftler haben das nachgewiesen, etwa der Soziologe Oliver Nachtwey in seiner Studie "Abstiegsgesellschaft": Früher habe die "Fahrstuhlgesellschaft" den Wohlstand aller angehoben, heute finden sich die meisten Menschen auf einer Rolltreppe nach unten wieder.

Julia Friedrichs greift zum Bild eines "Monopoly"-Spiels: "Das wichtigste ist, dass die Spielregeln fair sind. Sonst macht das Spiel keinen Spaß mehr." Wenn aber ein Spieler auf dem Los-Feld jede Runde 10.000 Euro kassiere und andere nur 100, wenn einer gleich zweimal würfeln darf, dann nutze auch jede Anstrengung nichts. In Deutschland laufe es für sehr viele Menschen genau so: "Obwohl sie sich abstrampeln, können sie kein Vermögen aufbauen. Wir müssen zu dem Schluss kommen, dass das Spiel nicht fair ist."

Das ist das Rede-Duell des Abends bei "Hart aber fair"

12 Euro Mindestlohn, das fordert Arbeitsminister Hubertus Heil. Frank Plasberg hat ausgerechnet, was Djamila Kordus dann netto mehr in der Tasche hätte: 133 Euro im Monat. "Ein Urlaub wär drin!", frohlockt Plasberg, der wohl nicht genau hingehört hat, was Kordus vorher über ständig steigende Fixkosten erzählt hat. "Naja, nicht wirklich", entgegnet die Lagerarbeiterin schmallippig, aber freundlich.

Was noch weniger hilft als 133 Euro mehr im Monat: Karrieretipps von Leuten, die mit goldenen Löffeln im Mund geboren wurden. Besonders Arndt Kirchhoff tut sich hervor – und einiges dafür, dass das Wort "Bonze" nicht in Vergessenheit gerät.

"Ich muss mich für Berufsfelder entscheiden, wo Chancen vorhanden sind", sagt Kirchhoff einer ausgebildeten Einzelhandelskauffrau, die in ihrem Bereich keinen Job mehr findet. Warum geht sie nicht einfach zu einem Betrieb der Kirchhoff-Gruppe, fragt Lencke Wischhusen: "Im Mittelstand verdient man viel besser, auch als Lagerist."

Zu einer Firma wechseln, in der sie mehr Geld bekommt – auf die Idee ist Kordus sicher noch nicht gekommen. Und die Stunde Fahrtzeit zu ihrem Job absolviert sie, weil sie so gern um 6 Uhr früh in der Berliner S-Bahn sitzt.

Der nächste sehr gute Ratschlag: "Berufliche Weiterbildung". Mal einen Laptop kaufen, in die eigene Karriere investieren, sowas schwebt Wischhusen vor. Kordus, die weiter tapfer lächelt, holt die FDP-Frau auf den Boden der Tatsachen zurück: "Manchmal bin ich so müde und kaputt von der Arbeit, dass ich zu Hause kaum die Augen aufhalten kann."

So hat sich Frank Plasberg geschlagen

Fast rührend, wie Wischhusen und Kirchhoff immer wieder daran scheitern, auch nur einen Hauch von Empathie für die Situation von normalen Menschen aufzubringen. Wischhusen versucht sogar, ihre Herkunft "aus einem Haushalt, wo der Vater Alleinverdiener ist" als Trumpf zu benutzen: "Meine Mama bekommt nach der Scheidung Grundrente."

Bei allem Hang zur Wurschtigkeit: Frank Plasberg verfügt über einen untrüglichen Bullshit-Detektor. "Darf man sagen, dass Sie aus einer Unternehmerfamilie stammen und ihre Mutter nicht auf die Grundrente angewiesen ist?" Man hätte sogar noch dazu sagen müssen, dass Wischhusen ihre Karriere in der väterlichen Firma begonnen hat, bis sie mit 33 ihre Anteile verkaufte – von so einer Frau hört man doch gern, dass man sich einfach mal anstrengen muss.

Das ist das Ergebnis

Die wichtigste Erkenntnis des Tages zitiert Frank Plasberg aus einem Artikel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Geldmangel ist der häufigste Grund, nicht zu sparen." Nein, das ist keine Satire.

Fakt ist: Zu viele Menschen verdienen zu wenig, "die große Achillesferse" unserer Gesellschaft nennt das Julia Friedrichs – weil sie keinen Puffer haben, der vor den Rückschlägen des Lebens schützt, vor einer Pandemie zum Beispiel. Die Zahl der "Multijobber", die mehr als einen Job haben, hat sich seit 2003 verdoppelt.

Warum die Reallöhne seit 20 Jahren stagnieren, obwohl die Wirtschaft boomt und zumindest Arndt Kirchhoffs Kuchen immer größer wird? Der Unternehmer verrät es nur im Subtext: Seine Lage habe sich wirtschaftlich verbessert, weil die Belegschaft tolle Arbeit geliefert habe. "Übrigens im Ausland effizienter als hier, deswegen diskutieren wir mit der Politik, was man anders machen muss."

Wer die Übersetzung braucht: In Ungarn und Polen produziert es sich billiger, nicht nur, aber auch wegen der Löhne. Und wenn die Lohnkosten in Deutschland steigen, wird "verlagert".

Aber zum Glück für Kirchhoff gehen in Deutschland noch Menschen wie Djamila Kordus gern zur Arbeit trotz 10,64 Euro Lohn, "und das finde ich prima", sagt er, und selbstverständlich findet der Vizepräsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände das prima, weil der Erfolg ganzer Branchen auf diesen ausbeuterischen Löhnen basiert. Das beweist der Erfolg des Mindestlohns: Wie Plasberg anmerkt, sind alle Unkenrufe über den vermeintlichen Sargnagel deutschen Wirtschaft verhallt – weil die Unternehmen vorher einfach riesigen Profit aus niedrigen Löhnen geschlagen haben.

Dass es Menschen wie Djamila Kordus schlecht geht, damit es Arndt Kirchhoff gut geht, darauf könnte man kommen nach dieser denkwürdigen Sendung, der Kirchhoff und Wischhusen in der berühmt-berüchtigten Schlussrunde noch die, nun ja, Krone aufsetzen. Was sie für 12 Euro die Stunde denn gerne einen Tag arbeiten würden, fragt Frank Plasberg. "Den Job von Frau Kordus machen", sagt Kirchhoff. "Ich hätte Lust, mal so richtig zu putzen", sagt Wischhusen. Wer's glaubt.

Merkel: "Frauen müssen endlich so viel verdienen können wie Männer"

Vor dem Weltfrauentag am 8. März hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) weitere Anstrengungen auf dem Weg zur Gleichstellung angemahnt. "Ein Blick in die Führungsetagen der Wirtschaft, aber auch der Politik, zeigt uns, dass wir jedenfalls noch nicht am Ziel sind", sagte Merkel am Samstag. "Talente und Blickwinkel beider Geschlechter" seien allerdings von enormer Bedeutung - "gerade jetzt während der weltweiten Pandemie". Deshalb sei "Parität in allen Bereichen der Gesellschaft" nötig, forderte die Kanzlerin. "Dazu gehört auch: Frauen müssen endlich so viel verdienen können wie Männer." © ProSiebenSat.1