Auch wenn die Suche nach den Rezepten keinen großen Erfolg bringt – immerhin zeigt "Anne Will" auf, dass Deutschland in Sachen Antisemitismus alarmiert sein sollte. Allein traditionell, aber auch in der Integration. Da mache die Regierung Riesenfehler, wettert ein Experte, und stellt ein vernichtendes Zeugnis aus.

Eine Kritik
von Christian Bartlau, Freier Autor

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Bilder sind stärker als Zahlen. Seit 2014 liegt die Zahl der antisemitischen Straftaten konstant zwischen 1.400 und 1.600, im vergangenen Jahr gingen 95 Prozent auf das Konto von Rechtsradikalen.

Geredet wurde wenig über das Thema. Doch das Video vom Angriff eines 19-Jährigen, wahrscheinlich eines syrischen Asylbewerbers, auf einen Mann mit Kippa, löst plötzlich eine laute Diskussion um Antisemitismus in Deutschland aus – mit einer neuen Note: Welche Rolle spielt die muslimische Judenfeindlichkeit, vor allem unter denen, die ab dem Sommer 2015 als Flüchtlinge ins Land gekommen sind?

"Verliert Deutschland den Kampf gegen den Antisemitismus?", fragte "Anne Will" am Sonntagabend, eine Formulierung, die sie sich bei ihrem Gast Ulf Poschardt ausgeliehen hat, dem Chefredakteur der "Welt", der in seinem Kommentar zum Thema das Fragezeichen weggelassen hat. "Es reicht. Es reicht. Es reicht", beginnt sein Text, die Empörung verbarg er auch im Fernsehen nicht.

Er fühle sich an ein Interview mit Ignatz Bubis erinnert, dem verstorbenen ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden: Ich habe fast nichts erreicht, hatte Bubis kurz vor seinem Tod 1999 verbittert gesagt.

Fast 20 Jahre später stellt Poschardt eine ähnlich düstere Diagnose. Widersprechen wollte in der Runde niemand. Wie ein Rezept aussehen könnte, deuteten die 60 Minuten allerdings auch nur schemenhaft an.

"Ich durfte Juden kennenlernen"

Eine Stunde Sendezeit für ein Thema, das sich "über Generationen zieht, vielleicht über Jahrtausende", wie Shimon Stein sagte, das kann natürlich ohnehin nicht funktionieren.

Der ehemalige Botschafter Israels in Berlin konstatierte, es habe in Deutschland nach 1945 "in Sachen Antisemitismus nie eine Stunde Null" gegeben.

Studien geben ihm recht: Der profilierte Soziologe Wilhelm Heitmeyer, der seit Jahrzehnten zu menschenfeindlichen Einstellungen forscht, findet klassische Judenfeindlichkeit bei zehn Prozent und ähnliche Denkmuster bei rund 20 Prozent der Bevölkerung.

Noch immer sind Vorurteile und Stereotype weiter verbreitet als das Wissen über Juden. Kein Wunder, sagt Shimon Stein, schließlich tauchten Juden in den Schulbüchern meist erst plötzlich um 1933 auf.

Das Wissen um die Geschichte und die konkrete Begegnung mit dem Anderen, dafür wirbt Ahmad Mansour, Autor und Psychologe, der in der Extremismus-Prävention mit Jugendlichen arbeitet.

Selbst ein gebürtiger arabischer Israeli, sei er auch Antisemit gewesen, sagt Mansour. "Aber ich habe die Chance bekommen, Juden kennenzulernen" - anders als die meisten Schüler in Deutschland mit muslimischem Migrationshintergrund. Die würden vom Geschichtsunterricht einfach nicht erreicht.

Stattdessen brauche es Sozialarbeiter, gut ausgebildete Lehrer und Lehrerinnen, die sich mit dem Nahostkonflikt auskennen – und Moscheen, in denen im Freitagsgebet das Existenzrecht Israels als nicht verhandelbar vermittelt werde.

Auf die Frage, ob er eine neue Qualität des Antisemitismus ausmache, antwortete er: Ja, es sei eine andere, eine schärfere Art, die mit den Zuwanderern nach Deutschland komme.

Leitkultur geht immer

Mansour richtet seine Kritik besonders an Volker Kauder (CDU), neben Katja Kipping (Linkspartei) der Vertreter der Politik in der Runde. Der Autor bemängelt, den Menschen, die neu ins Land kommen, werde nie vermittelt, was Deutschland von ihnen erwartet. "Im Wertekurs geht es eher ums Mülltrennen als um Antisemitismus".

Kauder - anders als von Talkshowveteranen gewohnt sehr oft in Abwehrhaltung - beruft sich auf die konkreten Maßnahmen gegen Antisemitismus: Die Berufung des Bundesbeauftragten Felix Klein etwa, oder der Passus im Aufenthaltsrecht, der Abschiebungen erlauben könnte, wenn zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufgerufen wird.

Oder so ähnlich, genau erklären konnte Kauder es nicht. Auch nicht, ob er den tatverdächtigen Mann, der in Berlin auf den Kippa-tragenden Israeli eingeprügelt hatte, denn nun abschieben würde oder nicht – allerdings berief er sich korrekterweise darauf, dass diese Frage nicht die Politik entscheidet, sondern die Justiz.

Die Forderung nach einer Meldepflicht für antisemitische Vorfälle an Schulen könnte laut Kauder zwar ein genaueres Bild von der Realität in Deutschland zeigen – wie sich die Idee praktisch umsetzen lässt, das weiß der CDU-Mann allerdings so genau nun auch wieder nicht.

Leichter gingen dem Unions-Fraktionsvorsitzenden die guten alten Parolen wie "Wer hier leben will, muss unsere Werte teilen" über die Lippen. Natürlich durfte auch der Hinweis auf die "Leitkultur" nicht fehlen, wobei Katja Kipping die dankbare Aufgabe zufiel, die Frage zu stellen, was die Union denn mit den Antisemiten ohne Migrationshintergrund zu tun gedenkt.

"Im Land des Holocaust ist der Antisemitismus kein Import", sagte die Linken-Vorsitzende, auch wenn klar sei, dass viele Flüchtlinge aus Ländern kommen, in deren Bildungssystem der Holocaust nicht behandelt werde und in denen antisemitische Propaganda an der Tagesordnung sei.

"Wir haben auch ohne diese Zuwanderer ein Problem." Damit meint Kipping auch einen "Rechtsruck" in der Gesellschaft, der auch Künstler wie die Rapper Farid Bang und Kollegah und ihre rechts-verschwörerischen Liedtexte salonfähig machten.

Den Skandal um die "Echo"-Verleihung, in der Einleitung noch einer der Aufhänger für die Diskussion, ließ die Runde übrigens fast komplett links liegen – eine Wohltat. Die Debatte wird ohnehin schon von viel zu vielen Menschen ohne Wissen über und Gespür für Popkultur im Allgemeinen und Rap im Speziellen geführt, da braucht es nicht auch noch Volker Kauders Beitrag.

Kauder: Gipfel bringen nicht immer gewünschtes Ergebnis

Allerdings zeigt der Erfolg der neuerdings selbst bei der eigenen Plattenfirma umstrittenen Rapper, dass der Antisemitismus zu Deutschland gehört – als Teil der Mainstream-Kultur ist er ständig präsent.

"Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt illustrierte das mit konkreten Fällen: Wie er sich selbst als Spieler eines jüdisch geprägten Fußballklubs schlimmste Beleidigungen anhören musste – trauriger Alltag in den unteren Ligen, man google nur die Worte "Makkabi" und "Spielabbruch".

Oder wie ein 14-jähriger jüdischen Junge seine Berliner Schule verließ, weil er gemobbt worden war. In einem Einspieler erzählte ein Berliner Lehrer aus dem Alltag seiner Schule, an der 90 Prozent der Schüler und Schülerinnen einen Migrationshintergrund haben. Sein Fazit: "Ich würde mir hier keine Kippa aufsetzen."

Ein großes Versagen der Integrationspolitik, erklärt Ulf Poschardt, eine gewaltige Aufgabe für die Gesellschaft, folgerte Shimon Stein. Der Israeli wunderte sich, warum noch keinen Antisemitismus-Gipfel einberufen wurde – dazu tendiere doch die Bundeskanzlerin stets.

"Wir sehen doch bei der Autoindustrie, dass so ein Gipfel nicht immer zum erwünschten Ergebnis führt", sagt Kauder später dazu, und sorgt damit für verblüffte Lacher im Publikum und bei Anne Will. "Ach kiek mal", sagt die Gastgeberin belustig. "Dann machen sie doch mal einen Gipfel, bei dem am Ende was herauskommt."

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