Nach einem Angriff auf die Ölfabrik Abkaiuk fällt vorübergehend die Hälfte der saudischen Ölproduktion aus. Noch immer ist unklar, wer den Angriff ausgeführt hat. Politikwissenschaftler Edmund Ratka ist sich sicher: Der Angriff wird Folgen haben.

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Herr Ratka, Analysten gehen davon aus, dass Saudi-Arabien die Schäden an seiner Produktionsstätte in absehbarer Zeit reparieren und den Produktionsausfall teilweise sogar aus eigenen Öl-Lagern ersetzen kann. Hierzulande wird kein deutlicher Anstieg der Benzinpreise erwartet – also alles halb so schlimm für Saudi-Arabien?

Dr. Edmund Ratka: Nein! Auch wenn man die materiellen Schäden reparieren kann – der Angriff hat die starke Verwundbarkeit von Saudi-Arabien für diese Art von Angriffen gezeigt.

Es ist eine neue Dimension, wenn ein Gegner mit solch einer Attacke nahezu die Hälfte der saudi-arabischen Ölproduktion lahmlegen kann.

Es gab schon vorher Drohnenangriffe der Huthis im Jemen auf Saudi-Arabien …

… aber bei Weitem nicht in diesem Rahmen und mit dieser Wirkung. Die Attacke zeigt eine unerwartet große Verwundbarkeit Saudi-Arabiens. Das schwächt das Vertrauen sowohl der eigenen Bevölkerung als auch der internationalen Handelspartner und Investoren.

Waren es auch diesmal die Huthis?

Alle Vermutungen sind noch sehr spekulativ. Auch wenn sich die Huthis zu dem Angriff bekannt haben, muss man wohl eine Verbindung zum Iran vermuten.

Dass es der Iran selbst war, wäre ungewöhnlich, aber es ist schwer abzuschätzen, wie intensiv er beteiligt war. Beispielsweise könnten Waffenkomponenten aus dem Iran gekommen sein, wie es die Saudis vermuten.

Wir wissen, dass der Iran die Huthis mit Knowhow unterstützt. Wir wissen, dass es im Jemen auch Berater der libanesischen Hisbollah gibt, die mit dem Iran verbündet ist. Und es ist nicht einmal ganz ausgeschlossen, dass die Huthis das alleine gemacht haben.

Iran dreht an der Eskalationsschraube

Die Huthis repräsentieren eine Stammesgesellschaft, Drohnen stehen für hochmoderne Militärtechnik – wie passt das zusammen?

Ihre Frage beruht auf dem falschen Bild, das wir von den Huthis haben. Im Jemen gibt es sehr viele hoch entwickelte Waffen aus den Beständen der Amerikaner, die früher die jemenitische Armee gegen Al-Kaida hochgerüstet haben.

Die Huthis haben viele dieser Waffen erbeutet. Wenn sie mit Pfeil und Bogen kämpfen würden, würden sie nicht seit fünf Jahren einen großen Teil des Jemen einschließlich der Hauptstadt kontrollieren.

Donald Trump scheint eher davon auszugehen, dass der Iran den Angriff zumindest organisiert hat. Was könnten ein Angriff wie dieser dem Iran nützen?

Wir haben hier einen Konflikt auf mehreren Ebenen, die miteinander verwoben sind. Zum einen gibt es einen Bürgerkrieg im Jemen. Dort bekriegen sich die Huthis, die vom Iran unterstützt werden, und die jemenitische Regierung, auf deren Seite sich Saudi-Arabien militärisch engagiert.

Zum anderen ringen Saudi-Arabien und der Iran um die Vormacht in der Region. Saudi-Arabien wird dabei unter anderem von den Vereinigten Arabischen Emiraten, aber auch von den USA unterstützt. Der Iran dagegen ist über mit ihm verbündete Milizen in Syrien, Im Libanon, im Irak und eben auch über die Huthis im Jemen präsent.

Hinzu kommt die internationale Auseinandersetzung zwischen Iran und den USA. Die sich seit dem von US-Präsident Trump vorangetriebenen Ausstieg der Amerikaner aus dem Iran-Atomabkommen im vergangenen Jahr noch einmal verschärft hat.

Iran hat also ein Interesse daran, Saudi-Arabien unter Druck zu setzen, das auf all diesen Konfliktebenen sein Gegner ist.

Kann der Angriff wirklich die Koalition USA/Saudi-Arabien wirtschaftlich oder militärisch schwächen?

Vielleicht geht es darum gar nicht. Mir scheint es sich eher um eine Eskalation im Armdrücken zwischen Trump und dem Iran zu handeln.

Der Iran konnte jetzt belegen, dass auch er an der Eskalationsschraube drehen kann. Er hat deutlich gemacht: "Wir können euch empfindlich treffen, ohne in einen richtigen Krieg einzusteigen."

Es ist das Spiel des Iran, der wegen der US-Sanktionspolitik zunehmend in große wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät, die Situation nach und nach zu eskalieren: Es hat mit Angriffen auf ein paar Tanker im Golf von Oman begonnen, dann kam die Festsetzung eines britischen Tankers. (Anm. der Redaktion: Nach unserem Gespräch mit Edmund Ratka setzte der Iran am Montagnachmittag im Persischen Golf erneut einen angeblichen Schmuggler-Tanker fest) Und jetzt folgte der Angriff auf die Ölanlagen.

Es geht nicht nur um den militärisch-wirtschaftlichen Schaden, sondern vor allem darum zu zeigen: "Wir können euch angreifen. Ihr Saudis habt euch bei den USA mit den modernsten Waffen eingedeckt, ihr habt die Patriot-Abwehrraketen – aber ihr könnt euch trotzdem nicht gegen unsere Angriffe verteidigen, unsere Drohnen fliegen unter dem Radar durch."

Der Iran hat sich als größter regionaler Gegenspieler von Saudi-Arabien in eine stärkere Verhandlungsposition gebracht. Er hat gesagt: "Kuckt mal, was alles passieren könnte!"

Die ganze Region ist bedroht

Was könnte passieren, wie könnte die Drohung lauten?

Wir wissen nach wie vor nicht, ob es vielleicht doch die Huthis waren. Aber auch dann würde ich annehmen, dass die Huthis sich vor einer solchen Aktion erst mal mit Teheran absprechen.

Wer auch immer den Schlag letztlich ausgeführt hat – die Drohkulisse, die Iran damit gegenüber seinen Gegnern aufbaut, ist enorm.

Stellen Sie sich vor, eine ähnliche Aktion würde es gegen Dubai geben, gegen die Glitzerfassaden dort! Was wäre das für ein Imageschaden! Was würde mit dem Tourismus passieren?

Mit solchen Angriffen kann man die ganze Region bedrohen. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben in den vergangenen Monaten ihr militärisches Engagement im Jemen zurückgefahren – vielleicht, weil sie schon gemerkt haben, dass es schwierig wird.

Könnte man die Attacke auch als Trumpf im Verhandlungspoker interpretieren – ein Drohnenangriff als verkapptes iranisches Verhandlungsangebot an die Amerikaner?

Das ist vielleicht zu viel gesagt, aber man könnte schon vermuten, dass der Iran Pflöcke eingeschlagen hat, um in Verhandlungen gute Voraussetzungen zu haben.

Sie machen es so wie Trump auch: Das Gegenüber unter maximalem Druck setzen und dann verhandeln. Jetzt haben sie gezeigt, dass auch sie ein paar gute Karten in der Hand haben.

Dass es zu Verhandlungen zwischen Teheran und Washington kommt, bleibt also gut möglich. Trotzdem: Es ist ein riskantes Spiel mit dem Feuer!

Dr. Edmund Ratka ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Referent für die Golfstaaten bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin.