• Die Konservativen in Großbritannien haben über ihre neue Vorsitzende abgestimmt.
  • Die ehemalige Außenministerin Liz Truss hat gewonnen und wird neue Premierministerin.
  • Truss hatte mit 81.326 Stimmen gegen ihren Konkurrenten in der Stichwahl Rishi Sunak gewonnen, der 60.399 Stimmen auf sich vereinen konnte.
Ein Porträt
Dieser Text enthält neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Lukas Weyell sowie ggf. von Expertinnen oder Experten. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Es ist gar nicht lange her, da wurde Mary Elizabeth Truss, genannt "Liz" zum Mittelpunkt eines Skandals. Die damals bereits verheiratete Nachwuchs-Politikerin war gerade ins Parlament gewählt worden und hatte mit einem Kollegen, dem britischen Abgeordneten Mark Field angebandelt.

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Das Verhältnis löste innerhalb der konservativen Partei ordentlich Wirbel aus. 2005 konnte so etwas jemanden noch die politische Zukunft kosten, insbesondere bei den konservativen Tories. Nicht jedoch Liz Truss.

Für sie wurde die Affäre lediglich zu einer Fußnote und war bald wieder vergessen. Am 5. September 2022 um 12:30 Uhr Ortszeit wurde sie offiziell zur Vorsitzenden der Conservative and Unionist Party, kurz Tories, gewählt und ist damit designierte Nachfolgerin von Boris Johnson im Amt des Premierministers.

Für den Wahlkampf hatte Truss sich als harte Rechtskonservative innerhalb ihrer Partei positioniert, um gegen ihre Konkurrenten – allen voran Ex-Finanzminister Rishi Sunak – an Profil zu gewinnen. Sunak, der als Gegenkandidat in der finalen Abstimmungsrunde gegen Truss angetreten war, zeigte sich als liberaler, weltoffener Mann des Volkes, vertrat einen sanfteren Kurs gegenüber der EU und liebäugelte auch mit einer nachhaltigeren, umweltfreundlicheren Politik. Truss hatte gegenhalten wollen, als Außenministerin zuletzt harte Kante bewiesen und dabei auch Grenzen überschritten.

Bei einer Partei-Veranstaltung in Norwich erklärte sie unter Beifall und Gelächter, dass sie sich nicht sicher sei, ob der französische Präsident Emmanuel Macron nun Freund oder Feind der Briten sei. Das letzte Urteil sei noch nicht gesprochen und sie wolle ihn an seinen Taten messen.

Das klingt harmlos, ist aber ein astreiner Affront. Der Nato-Verbündete und Alliierte in zwei Weltkriegen, wichtiger Handelspartner und G7-Partner Frankreich sollte natürlich Verbündeter sein und der Präsident selbstverständlich als Freund aufgefasst werden.

Frankreichs Präsident erklärte als Reaktion, dass Großbritannien ungeachtet der gerade Regierenden als Freund der Nation gesehen werde. Es ist schon bezeichnend für die politischen Verhältnisse auf der Insel, dass diese Reaktion nötig war.

Ein zweiter Johnson oder doch die eiserne Lady?

Die Neigung zu unüberlegten Äußerungen und die eingangs beschriebene Affäre stellen eine Gemeinsamkeit zwischen Truss und ihrem Vorgänger Johnson dar. In der Londoner "Times" wurde Truss als "gefährlich impulsiv und halsstarrig" beschrieben. Boris Johnsons ehemaliger Chefberater Dominic Cummings sagte über Truss, sie sei eine "menschliche Handgranate".

Ein ehemaliger Wegbereiter erklärte dem "Spiegel" zufolge: "Wenn sich beide in etwas verbissen haben, ist der einzige Unterschied zwischen Liz und einem Rottweiler, dass der Rottweiler irgendwann wieder loslässt." Es ist wirklich schwer, schmeichelhafte oder zumindest vorteilhafte Beschreibungen über Truss zu finden.

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Je nach Blickwinkel kann man ihre enorme Wendigkeit bewundern, mit der sie alte Überzeugungen über Board wirft, um im nächsten Moment mit derselben Inbrunst eine ganz andere Linie zu verteidigen. Lange galt sie als liberal, bis es für sie eben vorteilhafter war, konservativ zu sein.

Seit ihrem Antritt als Außenministerin im vergangenen Jahr inszeniert sie sich gerne als Wiedergeburt der Eisernen Lady, Margaret Thatcher. Diese hatte damals als erste weibliche Regierungschefin Europas beweisen müssen, dass sie ihren männlichen Vorgängern und Kollegen in Härte und Durchsetzungsfähigkeit ebenbürtig war.

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Das hatte harte und einschneidende Konsequenzen für das Vereinigte Königreich. Auf Thatchers Konto ging die Privatisierungswelle in den 1980er-Jahren, auch der Falkland-Krieg 1982 fiel in ihre Amtszeit. Kaum eine Regierungschefin polarisierte so sehr wie Thatcher.

Ob Truss mit ähnlich harter Hand regieren wird, ist fraglich. Zwar kündigte sie an, gegen alle Widerstände die Steuern senken zu wollen und die Staatsschulden zu tilgen, viel Zeit bleibt ihr dafür aber nicht. 2025 wird wieder gewählt, und in den Umfragen liegt die sozialdemokratische Labour-Partei vorne.

Verwendete Quellen:

  • Spiegel.de: Die Draufgängerin
  • derstandard.de: Mit Liz Truss folgt wohl eine "menschliche Handgranate" auf Boris Johnson
  • Guardian.com: Live-Ticker zur Abstimmung
  • Politico.eu: Aktuelle Umfragen zum Wahlverhalten in Großbritannien
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