In verschiedenen Artikeln und in Sozialen Netzwerken wird derzeit die These vertreten, die Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen könnten ein falscher Alarm sein: Die Tests hätten einfach positiv auf andere Coronaviren der Tiere reagiert. Kreuzreaktionen der PCR-Tests mit Coronaviren von Nutztieren sind nach Aussagen von Experten jedoch ausgeschlossen.

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Eine Kolumne
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"Kann es sein, dass die vielen SARS-CoV-2-PCR-Positiven auf Schlachthöfen eine Folge von Kreuzreaktionen auf die in der Veterinärmedizin üblichen Corona-Impfungen sind?" Diese Suggestivfrage stellte der Arzt Wolfgang Wodarg am 18. Juni auf seiner Webseite. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass es hunderte Corona-Infektionen im Schlachtbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück gab.

Wodarg ist nicht der einzige, der diese Spekulation in den Raum stellte. Die Idee dahinter: Bei den Mitarbeitern werde gar nicht SARS-CoV-2 nachgewiesen – stattdessen reagiere der Test positiv auf andere Coronaviren, die bei Nutztieren wie Rindern, Schweinen oder Hühnern vorkommen.

Über diese angeblichen Kreuzreaktionen gibt es auch ein YouTube-Video, einen Artikel aus Österreich und einen des Blogs "Achse des Guten". Zudem kursierte ein Sharepic auf Facebook und WhatsApp.

CORRECTIV.Faktencheck hat recherchiert: Coronaviren von Nutztieren sind nach übereinstimmender Aussage von Experten genetisch zu verschieden, als dass der PCR-Test auf SARS-CoV-2 positiv auf sie reagieren könnte.

Dieses Bild über die Corona-Ausbrüche in Schlachtbetrieben wurde auf Facebook und WhatsApp geteilt.

Es stimmt, dass es viele Coronaviren gibt, die bei verschiedenen Tierarten vorkommen, und dass diese auch teilweise dagegen geimpft werden. Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte die Sprecherin des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI), Elke Reinking, per E-Mail mit, in Deutschland würden Rinder, Geflügel und Katzen gegen bestimmte Coronaviren-Arten geimpft. Das FLI ist das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit.

Bisher gibt es sieben bekannte Coronaviren, die Menschen infizieren, darunter das erste SARS-Virus (SARS-CoV oder SARS1), das MERS-Virus und das aktuelle SARS-CoV-2. Vier weitere Coronaviren lösen bei Menschen Erkältungen aus; sie heißen 229E, NL63, OC43 und HKU1.

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Coronaviren von Nutztieren befallen keine Menschen

"Die bei Nutztieren vorkommenden Coronaviren sind genetisch weit entfernt von den beim Menschen zu schweren Erkrankungen führenden Coronaviren", erklärt Reinking. Daher sei eine Übertragung auf Menschen sehr unwahrscheinlich.

Beim PCR-Test auf SARS-CoV-2 werden mit Abstrichen Proben direkt aus den Atemwegen eines Menschen entnommen. Laut Niels Lemmermann vom Institut für Virologie der Universitätsmedizin Mainz wäre es für einen positiven Nachweis von tierischen Coronaviren beim Menschen nötig, dass sie damit akut im Nasen- oder Rachenraum infiziert sind. Das sei sehr unwahrscheinlich, da diese Viren keine passenden Rezeptoren hätten, um Menschen zu infizieren. Geimpfte Tiere seien zudem gar nicht infektiös – und kranke Tiere wären in der Regel nicht auf Schlachthöfen anzutreffen, da sie nicht transportfähig seien.

PCR-Test reagiert nicht positiv auf Coronaviren von Rindern oder Schweinen

Die Frage, ob der PCR-Test für SARS-CoV-2 auch auf Coronaviren von Nutztieren reagieren könnte, verneint Lemmermann: Die von der WHO empfohlenen sogenannten Primer (die bei einem PCR-Test genutzt werden, um SARS-CoV-2 nachzuweisen) würden spezifisch an das Genom dieses Virus binden.

Nur bei einzelnen nah verwandten Fledermausviren könne es Kreuzreaktionen geben, da diese sich genetisch nur zu wenigen Prozent unterscheiden würden. "Dies ist aber anders bei den bekannten pathogenen tierischen Coronaviren und den entsprechenden Impfviren von Kuh, Schwein Katze, Hund und Geflügel. Diese haben deutlich größere Unterschiede in den Nukleotidsequenzen [der genauen Abfolge der Bestandteile des Virus-Erbguts, Anm. d. Red.], so dass die WHO Primer/Sonden nicht an diese binden und daher die entsprechenden Viren auch nicht nachweisen können."

Gleiches schrieb uns FLI-Sprecherin Reinking: "Die vorhandenen PCR-Tests erkennen SARS-CoV-2 sehr zuverlässig und spezifisch. Sie zeigen keine Kreuzreaktionen mit anderen Coronaviren der Nutz- und Haustiere." Und Susanne Glasmacher, Sprecherin des RKI, erklärte per E-Mail: "Bei PCR-Tests bei Menschen werden Erbgut-Regionen nachgewiesen, die nur bei SARS-CoV-2-Viren vorkommen, nicht bei anderen Coronaviren des Menschen oder bei Tieren. Daher kann es nicht zu falsch-positiven Befunden infolge der Impfung von Tieren gegen Coronaviren kommen."

Was ist mit Coronaviren aus Impfstoffen?

Auch auf die Frage, ob PCR-Tests Coronaviren aus Impfstoffen nachweisen könnten, hat Niels Lemmermann von der Universitätsmedizin Mainz eine klare Antwort: Ein solcher Nachweis sei nicht möglich, da die Impfungen entweder abgeschwächte Viren oder Proteine beinhalten würden.

In ersterem Fall sei das Genom der Viren schon wenige Tage nach der Impfung nicht mehr im Tier nachweisbar. Und Proteine könnten durch einen PCR-Test rein technisch nicht nachgewiesen werden, so Lemmermann.

SARS-CoV-2 ist eng verwandt mit Fledermausviren

Woher kommt die Spekulation, der PCR-Test könnte Kreuzreaktionen zeigen? Eine mögliche Quelle ist eine Aussage des Virologen Christian Drosten vor Wochen in seinem NDR-Podcast, die leicht missverstanden werden kann: Er sagte, ein Test auf ein anderes Erkältungs-Coronavirus könnte Kreuzreaktionen mit einem Rinder-Coronavirus zeigen. Denn diese beiden seien eng verwandt. Mutmaßlich bezieht sich Drosten dabei auf das Erkältungs-Coronavirus OC43, bei dem laut einem Artikel im Journal Virus Taxonomy von 2012 vermutet wird, dass es erstmals von Rindern auf Menschen übertragen wurde.

Mit dem Test auf SARS-CoV-2 hat das freilich nichts zu tun. Drosten sagte im selben Podcast auch, dass Kreuzreaktionen der PCR-Test von seinem Team in umfassenden Experimenten untersucht worden seien. Sie seien nur möglich mit genetisch sehr eng verwandte Viren: Dem ersten SARS-Virus des Menschen, das 2003 entdeckt wurde – und einigen Fledermaus-Coronaviren. In der Praxis und bei aktuellen Nachweisen von SARS-CoV-2 hätten diese Kreuzreaktionen aber keinerlei Bewandtnis, erklärte Drosten. Denn weder das erste SARS-Virus, noch die Fledermausviren kämen aktuell beim Menschen vor.

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