Die Coronavirus-Pandemie zeigt, dass Deutschland seine Führungsrolle als Apotheke der Welt unnötig verspielt hat. Jahrelang wurde die Pharmabranche politisch verteufelt, bis sie das Land verlassen hat. Nun leiden wir darunter und müssen um lebenswichtige Medikamente aus Indien betteln. Es wird Zeit, unsere Pharmaindustrie wieder auszubauen.

Wolfram Weimer
Eine Kolumne
von Wolfram Weimer, Journalist, Publizist, Kolumnist

Deutschland galt für Jahrzehnte als Apotheke der Welt. Die klügsten Forscher fanden sich in deutschen Instituten, von Robert Koch bis Paul Ehrlich sammelten sie Nobelpreise, die unumstritten weltbeste Pharmaindustrie wurde hierzulande aufgebaut. Deutsche erbrachten mit ihrer Forschung und Arzneimittelproduktion historische Durchbrüche für die Medizin und die Menschheit. Merck, Behringer, Schering, Bayer und Hoechst wurden Weltmarktführer. Deutschland versorgte Kranke in aller Welt mit allen denkbaren Heilmitteln, von Aspirin bis Penicillin.

Pharmabetriebe wandern nach Indien oder China ab

Doch seit einigen Jahren verlagern sich immer größere Teile der weltweiten Arzneimittelproduktion nach Indien und China, die Forschung zieht es in die USA. So stieg die Zahl der Pharmaunternehmen in China von 2010 bis 2018 um jahresdurchschnittlich 1,3 Prozent auf fast 3.500. In Europa dagegen sank ihre Zahl seit 2010 jedes Jahr um durchschnittlich 0,8 Prozent. Stück für Stück büßte Deutschland seine Weltmarktführerschaft ein. Die Zahl der deutschen Grundstoffproduzenten sank im Zeitraum 2010 bis 2018 um jahresdurchschnittlich 1,3 Prozent auf 64.

Erst wurden die Produktionskosten hierzulande teuer, dann schnürte eine übertriebene Regulatorik den Forschergeist ein. Und schließlich leistete sich die deutsche Gesellschaft eine politische Anti-Pharma-Stimmung, in der die Branche Stück für Stück geschwächt wurde. Viele Politiker, die mit billiger Meinungsmache punkten wollten, lästerten über die angeblich so ruchlose Pharmalobby. Im rot-grünen Milieu diente die Pharmabranche neben den Banken als billiger Sündenbock für ideologischen Furor. Es entstand ein Klima des Negativen.

Falsche Arzneimittelpolitik hat Pharmaindustrie vertrieben

Immer neue Zulassungsauflagen, Festbeträge, Zwangsrabatte, Arzneimittelhöchstbeträge oder Zuzahlungsbefreiungen erschwerten es vor allem kleinen und mittleren Unternehmen, in Produktverbesserungen zu investieren. Seit Jahren wird der Forschungsstandort geschwächt, weil viele Genforschungsprojekte gar nicht mehr erlaubt wurden. Auch bei den Datenschutzregeln für Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln leistet sich Deutschland die höchsten Hürden der Welt. Kein Wunder also, dass die Forschung und Produktion von Wirkstoffen und Fertigarzneimitteln aus Deutschland in liberalere Länder abwandert.

Eine falsche Arzneimittelpolitik stellt nur noch den billigsten Preis in den Mittelpunkt. Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken, der Pharmagroßhandel und – in allererster Linie – die Patienten beklagen schon seit Jahren Lieferengpässe für viele Medikamente. Dass im vergangenen Sommer 2216 teils lebenswichtige Arzneimittel durchgehend nicht lieferbar waren, blieb ein Skandal ohne Aufregung der Öffentlichkeit.

Inzwischen müssen wir betteln und bangen, um aus Indien oder China lebenswichtige Medikamente überhaupt noch zu bekommen. Die indische Regierung hat im März den Export von 26 pharmazeutischen Inhaltsstoffen und den daraus hergestellten Arzneimitteln eingeschränkt, darunter das Schmerzmittel Paracetamol sowie mehrere Antibiotika. In Deutschland sind Engpässe entstanden - was für eine schmerzliche Blamage.

Doch die Coronakrise öffnet den Deutschen die Augen, wohin eine Anti-Pharmaindustrie-Politik uns führt. Da wir die Produktion aus Deutschland vertrieben haben, verlieren wir auch die Kontrolle über die Warenströme, die Lieferketten und gehen für unsere Kranken unnötige Risiken ein.

Coronakrise zeigt: Wir müssen die Pharmaindustrie wieder stärken

Wenn es eine erste positive Lehre aus dem Corona-Desaster gibt, dann dass wir schleunigst unsere Pharmaindustrie wieder stärken sollten. 580 pharmazeutische Unternehmen haben wir noch in Deutschland. Viele Mittelständler sind darunter. Die Branche steht für hochqualifizierte Mitarbeiter, beträchtliche Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie die Herstellung von lebenswichtigen Produkten.

Noch sind wir bei der klinischen Forschung nach den USA die Nummer 2 in der Welt. Noch arbeiten hierzulande über 130.000 Personen in der Pharmaindustrie. Kein Industriezweig investiert mehr in Forschung und Entwicklung. Volle 14 Prozent ihres Umsatzes wenden sie aus eigenen Erzeugnissen für interne F&E-Projekte auf. Doch der Wettbewerb um die Märkte der Zukunft wird härter, besonders in der Biotechnologie.

Nach Corona gilt mehr denn je: Deutschland sollte einer der wichtigsten Biotech-Standorte weltweit bleiben. Ideologische Fehler und falsche Reformen haben Deutschland in Life Sciences, Gentechnik und Biotech unnötig zurück geworfen. Nun muss die Politik Deutschland wieder zu einem versorgungssicheren Medtech-Land machen. Zu einem souveränen Weltmarktführer, am besten zur Apotheke der Welt im 21. Jahrhundert.