Die Corona-Pandemie hat viele Unternehmen stark in Mitleidenschaft gezogen. Es kam zu Auftragseinbrüchen und Umsatzrückgängen. Viele Firmen meldeten Kurzarbeit an, die Unternehmen fordern Staatshilfen, die Automobilbranche staatlich finanzierte Kaufprämien. Gleichzeitig aber schütten Konzerne Milliarden an Dividenden aus. Wie kann das sein?

Mehr Wirtschaftsthemen finden Sie hier

Laut einer Studie des 1942 gegründeten internationalen Verbunds verschiedener Hilfs- und Entwicklungsorganisationen Oxfam haben in den letzten zehn Jahren ein Großteil der im S&P 500 Index gelisteten Unternehmen insgesamt neun Billionen US-Dollar ausgeschüttet.

Das entspricht über 90 Prozent ihrer Gewinne, bei manchen Firmen sogar über 100 Prozent, wofür sie Kredite aufnehmen oder auf Rücklagen zurückgreifen mussten.

Bereits vor Corona ging dies zu Lasten von Nachhaltigkeit und Investitionen in die Zukunft. 2020 schütten einige Firmen Dividenden aus, während sie gleichzeitig um staatliche Hilfen ansuchen.

Spitzenreiter bei der Dividenden-Auszahlung

Insbesondere große US-Konzerne wie Apple, Amazon, Alphabet und Walmart liegen bei Ausschüttungen und Rückkäufen vorne. In diesem Jahr könnten sie in der Gesamtheit sogar mehr ausschütten als sie verdienen.

Rechnet man die Dividenden der 25 weltweit profitabelsten Unternehmen zusammen, so könnte sich ein Betrag von insgesamt 378 Millionen Dollar ergeben. Dies entspräche 124 Prozent ihrer Gewinne des laufenden Jahres.

Deutsche Unternehmen: "dreist und maßlos"

Laut Oxfam-Studie zeichnen sich insbesondere einige deutsche Unternehmen "durch Dreistigkeit und Maßlosigkeit aus": Bei BMW wurden 1,6 Milliarden Euro an Dividenden ausgezahlt. Gleichzeitig wurde Kurzarbeit eingeführt. Außerdem macht sich BMW für eine staatliche Kaufprämie stark.

BASF zahlte im letzten halben Jahr Dividenden in Höhe von 3,4 Milliarden Euro und hat in Großbritannien Staatshilfe in Milliardenhöhe aus einem Nothilfefonds der britischen Regierung angenommen. Bayer hat 670 Millionen Euro aus einem britischen Nothilfefonds bekommen, will aber dennoch drei Milliarden Euro an die Aktionäre auszahlen.

Auch VW, Daimler, Continental, Siemens, Bayer und die Münchner Rück halten laut Tagesschau offenbar trotz Kurzarbeit an ihren Dividenden-Zahlungen fest.

Es geht auch anders: Unternehmen, die ihre Dividende streichen

Die Lufthansa hat bereits im März die Dividende für das Jahr 2020 gestrichen - bevor sie um Staatshilfe angefragt hat. Die Europäische Zentralbank EZB appellierte an die Banken, bis Herbst auf Gewinnausschüttungen zu verzichten.

Deutsche Bank sowie Commerzbank kommen der Aufforderung nach. Die Dividenden für dieses Jahr gestrichen haben gemäß Tagesschau auch MTU, Hugo Boss, Fraport, Deutz und Puma, die ihre Mitarbeiter ebenfalls in Kurzarbeit schickten.

Der österreichische Softwareanbieter S&T streicht laut Focus nicht nur die Dividende, sondern der Vorstand verzichtet auf 20 Prozent seines Gehalts. In Schweden schließen sich Kurzarbeitergeld und Dividendenausschüttung aus, ebenso in Frankreich und Dänemark.

Kurzarbeit und Staatshilfen

Die deutsche Wirtschaft argumentiert, dass Kurzarbeit keine Staatshilfe sei, da die Gelder für Kurzarbeit aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung stammen.

Lediglich die Firmen, die einen Staatskredit erhalten, sollen keine Dividenden auszahlen. So der Sportartikelhersteller Adidas, hier flossen 2,4 Milliarden Euro von der staatlichen KfW-Bank, oder der Autozulieferer Leonie, der eine Staatsgarantie für einen millionenschweren Rettungskredit erhalten hat.

Konzerne fühlen sich nur den Aktionären verpflichtet

Oxfam hält das Verhalten der Konzerne für ein grundsätzliches Problem: "Die Konzernmanager fühlen sich zuallererst ihren Aktionären verpflichtet, und diese fordern Ausschüttungen ein", so Barbara Sennholz-Weinhardt, Referentin bei Oxfam, und sieht nicht zuletzt die EU in der Pflicht: "Die EU muss Unternehmen gesetzlich auf das Gemeinwohl verpflichten, um zu verhindern, dass diese weiterhin nur den Interessen der Kapitalanleger dienen."

Die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen über den rein wirtschaftlichen Profit hinaus ist nicht neu. 1970 publizierte der US-Ökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman im "New York Times Magazine" seine These: "Die soziale Verantwortung eines Unternehmens ist es, seine Gewinne zu maximieren".

Die Argumentation Friedmans ist durchaus plausibel: Ohne Profite kann keine Firma überleben, kann nicht investieren, Arbeitsplätze schaffen oder Steuern zahlen. Doch wohin fließen Profite tatsächlich?

Unternehmen sind mitverantwortlich, dass der Staat sie retten muss

Das letzte Jahrzehnt war das profitabelste in der Wirtschaftsgeschichte, insbesondere die Jahre von 2016 bis 2019. Die 500 umsatzstärksten Firmen konnten ihre Gewinne um über 150 Prozent steigern.

"Dennoch sind die Gewinne, die sie vor der Krise gemacht haben, fast ausschließlich einer kleinen Gruppe vornehmlich reicher Anteilseigner zugutegekommen - statt das Geld für bessere Jobs und klimafreundliche Technologien zu investieren", so die Oxfam-Studie.

"Mehrere Unternehmen haben nicht nur ihre gesamten Gewinne an die Aktionäre ausgeschüttet, sondern sich dafür auch noch verschuldet oder Reserven aufgelöst."

Die Unternehmen haben also genau das nicht getan, was für jeden Kaufmann selbstverständlich ist: Gewinne zu reinvestieren und Rücklagen zu bilden, was zur Stabilität eines Unternehmens und zur Konkurrenzfähigkeit für die Zukunft beiträgt, und es überdies ermöglicht, Krisenzeiten zu überbrücken.

Forderung nach einem wirtschaftlichen Systemwechsel

Durch das Missverhältnis von staatlichen Hilfsmaßnahmen und Gewinnauszahlung wird die Gesellschaft noch ungleicher und ungerechter. Daher werden in der Oxfam-Studie drei Forderungen laut: Die Unternehmensgewinne sollen gerecht verteilt werden, indem die EU eine Obergrenze für Ausschüttungen an Aktionäre einführt, und bei Vergütungen das Verhältnis von Managern und Beschäftigten auf maximal 20:1 reduziert.

Weiterhin soll es eine EU-weite Verpflichtung geben, Gewinne auch in den sozial-ökologischen Umbau der Geschäftsmodelle zu investieren, bevor Gewinnausschüttungen erfolgen. Weiterhin sollen die Unternehmen auf das Gemeinwohl verpflichtet werden.

Verwendete Quellen:

  • Pressemitteilung Oxfam Deutschland: Oxfam-Bericht: Konzerne päppeln Aktionäre, statt in die Zukunft zu investieren
  • Der Tagesspiegel: Trotz Wirtschaftskrise und Staatshilfen - Konzerne schütten hohe Summen an Aktionäre aus
  • ARD Tagesschau.de: Dividenden in Corona-Krise - Gewinnausschüttung trotz Staatshilfe?
  • Focus Online: Welche Firmen die Dividende streichen & Hauptversammlung verschieben
  • New York Times Magazine: The Social Responsibility of Business Is to Increase Its Profits
Interessiert Sie, wie unsere Redaktion arbeitet? In unserer Rubrik "Einblick" finden Sie unter anderem Informationen dazu, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte kommen.
Bildergalerie starten

Zähe Verhandlungen: Das sind die Fronten beim EU-Sondergipfel

Der EU-Sondergipfel zum Corona-Hilfspaket wurde erneut verlängert. Die Fronten zwischen den Ländern sind teilweise verhärtet. Die Staats- und Regierungschefs reagieren gereizt. Frankreichs Präsident Macron hat mit Merkels Unterstützung auf den Tisch gehauen. Es geht ums Geld - und noch mehr. Diese Gruppen stehen sich gegenüber.