Satanistisch klingt schon schlimm genug. Satanistische rituelle Gewalt klingt aber noch ein bisschen schlimmer. Ist sie vermutlich auch, beziehungsweise wäre sie. Wenn es sie denn so flächendeckend gäbe wie behauptet. Doch daran hegt Jan Böhmermann in der jüngsten Ausgabe des "ZDF Magazin Royale" erhebliche Zweifel. Keine Zweifel hat Böhmermann allerdings an der Zweifelhaftigkeit einer Psychotherapeutin, die als Expertin für rituelle Gewalt gilt. Oder nun galt.

Eine Kritik
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"Es geht heute in der Sendung um geheime Rituale, um Gehirnwäsche", beginnt Moderator Jan Böhmermann am Freitagabend die jüngste Ausgabe des "ZDF Magazin Royale" und nein, er meint damit nicht das nahende Oktoberfest mit seinen Bieranstich-Traditionen und dem anschließenden Massenbesäufnis.

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Böhmermann mag es diesmal ein bisschen nischiger und kündigt seinen Gang in die Themennische vorher ausführlich an: "Wir hier beim 'ZDF Magazin Royale' stehen ja unter riesigem Druck und daran sind, ehrlich gesagt, Sie schuld", wendet sich Böhmermann an die Zuschauer und erklärt weiter: "Sie haben sich nämlich daran gewöhnt, dass wir hier Ihnen wöchentlich Topstorys und Power-Recherchen auf Wallraff-Niveau liefern."

"ZDF Magazin Royale" über rituelle Gewalt durch satanistische Zirkel

"Ich will mich thematisch auch mal ein bisschen erholen. Ich brauch mal was Entspanntes, was Leichtes zur Abwechslung", erklärt der Moderator und verrät dann, was er damit meint: "Darum sprechen wir heute im 'ZDF Magazin Royale' über rituelle Gewalt durch satanistische Geheimzirkel." Das klingt tatsächlich nicht nach einem Thema, von dem die große Mehrheit betroffen ist.

Und wenn Böhmermann danach kokettiert, mindestens einmal im Monat Grund für eine Unterlassungsklage oder den Rücktritt einer Bundesinnenministerin provozieren zu müssen, dann klingt das zwar reichlich ironisch, dürfte aber sicher auch einen wahren Kern haben. Dazu aber später mehr, denn am Freitagabend geht es um einen wahren Kern ganz anderer Art: "Rituelle Gewalt durch geheime satanistische Zirkel oder andere mystische Gruppen."

Auch wenn es so klingt, will Böhmermann hier nicht erklären, wie, wo und mit wem satanische Messen ablaufen und wie man da nicht hineingerät – im Gegenteil. Böhmermanns Ziel ist ein anderes: Er will mit satirischen Mitteln aufklären über angebliche satanische Gewaltrituale und über Menschen, die diese Mythen verbreiten.

Mind Control durch Geheimzeichen?

Dafür zitiert er erst einmal Quellen, die von solchen Gewaltritualen berichten: "Es muss ja was dran sein, sonst würden ja nicht seriöse Medien wie 'taz', 'Zeit' oder der WDR darüber berichten", erklärt Böhmermann und blendet Nachrichten aus besagten Medien über rituelle Gewalt aus den vergangenen drei Jahren ein.

Außerdem zitiert der Satiriker ein Video aus dem Jahr 2019, laut Böhmermann "finanziert vom damaligen Bundesfamilienministerium". In diesem Video wird davon berichtet, Täter würden in ihren Opfern Abspaltungen von Persönlichkeiten erzwingen. Diese Persönlichkeitsanteile würden für bestimmte Zwecke trainiert und benutzt. "Täterinnen und Täter schaffen mit Gewalt eine innere Struktur, die steuerbar ist und oft kommerziell sexuell ausgenutzt wird. Vom Geschehenen haben die Kinder und später die Erwachsenen im Alltag keine bewusste Erinnerung mehr."

Durch geheime Zeichen würden die Täter dann die Kontrolle über ihre Opfer aktivieren. Ein solches Zeichen, so erklärt es eine gewisse Michaela Huber in einem Video, sei die in der Metal-Szene beliebte Mano-Cornuta-Geste, die sogenannte Pommesgabel. Und genau hier beginnt der Part, in dem Böhmermann die Geschichte der rituellen, satanistischen Gewalt und deren sogenannten Mind-Control-Praktiken in Zweifel zieht.

Rituelle Gewalt durch Satanisten?

"Wenn in Deutschland schwerste organisierte Gewaltverbrechen und geheime Rituale durch Satanistenzirkel existieren, dann sollte ja die Polizei was davon wissen", beginnt Böhmermann und präsentiert die Ergebnisse seiner Nachfrage beim Bundeskriminalamt und allen Landeskriminalämtern: nichts. Auch andere Quellen, bei denen Böhmermann nachfragt, können die Existenz solcher Gewaltrituale nicht bestätigen.

Böhmermanns Fazit: "Diese geheimen satanistischen Gewaltrituale mit Mind Control sind also entweder so geheim, dass wirklich der echte Teufel dahinter steckt. Oder wollen uns hier vielleicht ein paar ExpertInnen ein X für ein U vormachen?" Und damit ist Böhmermann bei der Hauptperson dieses Abends angekommen: Michaela Huber. Laut Böhmermann: "Die Top-Expertin für satanistische Kulte, diplomierte Psychotherapeutin und seit 30 Jahren Spezialistin auf dem Gebiet rituelle Gewalt durch Satanisten oder andere mystische Geheimgruppen."

Böhmermann zitiert aus Hubers Buch über multiple Persönlichkeiten, zählt auf, wen Huber als Expertin berät und guckt sich Michaela Huber näher an: "Wir haben einen kleinen Deep Dive gemacht in die mystische Welt von Michaela Huber und unser erster Eindruck: Es ist sehr wichtig, dass möglichst viele Leute möglichst viele schöne Produkte von Michaela Huber kaufen", erklärt Böhmermann.

Falsche Erinnerungen in der Traumatherapie

Michaela Huber sei aber nicht alleine, so Böhmermann: "Es gibt eine regelrechte TherapeutInnenszene, die Menschen einredet, dass sie Opfer von Teufelsanbetern geworden sind. Dass sie rituelle satanistische Gewalt erfahren haben und diese TherapeutInnen glauben das wahrscheinlich sogar selber", erklärt Böhmermann und zitiert dabei eine Geschichte des "Spiegel" aus dem Frühjahr dieses Jahres.

Und damit wären wir nicht nur am Ende von Böhmermanns Aufarbeitung ritueller Gewalt angekommen, sondern auch beim eingangs vorgetragenen Wunsch nach "Leichtem". Natürlich hat die Geschichte von ritueller Gewalt erst einmal nichts Leichtes, vor allem nicht für die Opfer, denen diese Falscherinnerungen in der Therapie eingeredet wurden. Aber sie hat in der Recherche etwas Leichtes für Böhmermann, denn die Mär von der rituellen Gewalt und die Vorwürfe sind nicht neu.

Es gab schon lange und immer wieder Zweifel an der Behauptung einer verbreiteten rituellen Gewalt, insbesondere in satanistischen Zusammenhängen. Zuletzt berichtete der "Spiegel" über einen Fall "falscher Erinnerungen" in einer Traumatherapie und Michaela Huber wurde bereits 2020 für den Goldenen Aluhut nominiert. Böhmermann und sein Team haben hier also kein Thema neu entdeckt, sondern es mit eigenen Recherchen ausgebaut. Das war zwar wahrscheinlich auch nicht leicht, aber immerhin ein bisschen leichter.

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