Vergammelte Lebensmittel und Darmkeime in Fabrikküchen: In der neuen Folge von "Team Wallraff" tauchten die Enthüllungsjournalisten undercover in Großküchen für Schulen und Pflegeheimen ab. Was sie dabei herausfanden, ist teilweise erschreckend - aber auch sehr sensationsheischend präsentiert.

So richtig neu und überraschend ist das Thema nicht. Schlechtes Kantinenessen oder desolate Zustände in der Schulspeisung kennen wir bereits. Trotzdem waren die Einblicke in Großküchen, die Schulen, Kitas, Krankenhäuser oder Pflegeheimen mit Mittagessen beliefern, besorgniserregend. "Die Schwächsten der Gesellschaft werden billig abgespeist", sagt Günther Wallraff.

Mit einmonatiger Verspätung lief am Montagabend die neue Folge von "Team Wallraff" auf RTL. Zehn Monate hat das Undercover-"Team Wallraff" recherchiert. Dabei ist es mit versteckter Kamera in Großküchen unterwegs gewesen, die täglich rund 100.000 Gerichte, also 65 Tonnen Essen produzieren. Als Küchenhilfen getarnt haben sich die Journalisten unter die Mitarbeiter gemischt. Günther Wallraff blieb dabei zumeist als Strippenzieher im Hintergrund.

Vergammelte Lebensmittel und Fabrikküche

Gleich im ersten gezeigten Unternehmen entdeckte eine Undercover-Reporterin in den Lagerräumen auffallend viele Lebensmittel mit einem abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdatum. Auf den Paletten lagen zwischen neun Monate altem Bio-Hackfleisch 14 Monate alte Wiener Würstchen. Vor Ort beunruhigte das niemanden so recht.

Obst und Gemüse waren in keinem besseren Zustand. Auf die Frage der Undercover-Reporterin an einen Vorgesetzten, was sie mit einer offensichtlich ungenießbaren Gurke machen sollte, antwortete der Mann: "Wegschneiden. Thema erledigt." Die Mitarbeiter in den gezeigten Großküchen wirken teilnahmslos, so als mache ihnen alles nichts aus. Vielleicht liegt das am Arbeitsplatz? Er ähnelt mehr einer Fabrik als einer Küche: große Hallen, von oben bis unten gefließt, gigantische Kessel und Frittierbecken, Fließbänder und meterhohe Palettentürme. Zwei Mitarbeiter fragte eine Reporterin, ob es öfter vorkäme, dass abgelaufene Lebensmittel für die Gerichte von Schulen verarbeitet werden. "Nicht oft, jeden Tag", lautete die Antwort.

"Team Wallraff" fand heraus, dass ein blühender Handel mit Lebensmitteln stattfindet, die kurz davor sind, abzulaufen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird zum Profitgeber. Vor allem Gefängnisse oder Pflegeheime ordern diese Sonderposten angeblich gern. Sie sparen dabei rund 20 bis 50 Prozent. Der Preis der Mittagessen in Schulen oder Pflegeheimen ist das große Dilemma. Ein Schulessen kostet durchschnittlich drei Euro. Ernährungswissenschaftler vermuten, dass nach Abzug aller Kosten, rund 60 Cent für den Einkauf von Waren bleiben.

Der lange Weg einer Gänsekeule

In einem Experiment verfolgte "Team Wallraff" den Weg einer tiefgefrorenen Gänsekeule. Vom Auftauen bis zum Verspeisen brauchte sie neun Tage. Dann landete sie auf dem Teller der Hungrigen. Kann so ein Fleisch noch schmecken? Ist das noch nahrhaft? Als eine Reporterin ein neun Monate überfälliges Schweinegeschnetzeltes zur Untersuchung ins Labor von Lebensmittelkontrolleur Franz Voll brachte, beantwortete dieser die Fragen wie folgt: "Es schmeckt, als wenn Sie sich einen Bierdeckel braten."

Verkleidet besuchte Günther Wallraff, dessen Berufscredo "man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden" lautet, ein Pflegeheim in Oldenburg. Die Gerichte schmeckten labbrig, zu süß und sahen unappetitlich aus. Auch die Mitarbeiter des Pflegeheimes würden das Essen, das sie während ihrer Arbeitszeit kochen, niemals essen. Das bestätigten sie.

Wallraffs Undercover-Reporterin in der Küche deckte noch viel Schlimmeres auf. Zwar fand sie keine abgelaufenen Lebensmittel, dafür katastrophale hygienische Bedingungen vor. In vor Ort genommenen Proben wurden sogar Darmkeime gefunden.

Fernsehen für Sensationshungrige

Wieder enthüllte "Team Wallraff" empörende und ebenso eklige Bedingungen - leider wirkte das alles auch sensationslustig. Ja, unsere Gesellschaft schwächelt in den gezeigten Bereichen, und es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen. Wünschenswert wäre es aber auch, nicht nur mit dem Zeigefinger darauf zu deuten und mit schockierenden Bildern zu beschämen - sondern Lösungen anzubieten. Immerhin gibt es Schulen und Pflegeheime, die beweisen, dass es möglich ist, gesund und günstig zu kochen.

Bleibt die Frage, warum RTL seine Zuschauer mit der Ausstrahlung von "Team Wallraff" so lang auf die Folter gespannt hat? Kurz vor Beginn der Sendung kursierten im Internet Gerüchte, das Pflegeheim in Oldenburg habe Strafanzeige gegen das "Team Wallraff" eingereicht. Angeblich soll es der Zeigefinger-Journalist zu weit getrieben haben. Bestätigt ist das aber nicht.

Eins dürfte klar sein: Wer in ein Wespennest sticht, muss damit rechnen, dass er gestochen wird. Einen Monat auf die neuen Wallraff-Enthüllungen zu warten, hat das Thema nicht bedeutender gemacht - die Quote aber schon.