Warum viel quatschen, wenn man gleich knutschen kann? In der neuen Dating-Show "Kiss Bang Love" küsst eine Frau zwölf Männer. Trotzdem bewahrt das das Format nicht vor jeder Menge Peinlichkeiten.

Schon dieser Titel! "Kiss Bang Love". Als Zuschauer wäre man gerne dabei gewesen, wie bei ProSieben dieses neues Dating-Format intern vorgestellt wurde:

"Ich hab da eine Idee. Eine Alte knutscht zwölf Typen. Einfach so. Und wir halten voll drauf. Die ganze Zeit. Und am Ende steigen sie in den Whirlpool."

"Ist ja voll Porno!"

"Brauchen wir nur noch einen Namen für die Show."

"Kiss Bang Love!"

"Aber heißt 'Bang' nicht auch …?"

"Genau, das ist ja das Geile!"

"Gekauft!"

Das Ergebnis ist genauso schmierig, wie man es sich bei dem eindeutigen Titel sowieso vorgestellt hätte. Und die konsequente Entwicklung aus den aktuellen Dating-Shows, in denen wahlweise Rosen verteilt oder sich nackt auf einer einsamen Insel gelangweilt wird. Bereits im Vorspann gibt es schwitzende Körper, die sich in Zeitlupe streicheln, bildschirmfüllende Lippen und eine Sprecherin faselt etwas von "Wissenschaft", "Botenstoffen" und "Experiment". Schlagworte, um zu verschleiern, worin es in dieser Show wirklich geht: Exhibitionismus.

Berlin Friedrichshain ist ausgestorben

Pia, 26, Innenarchitekturstudentin aus München, ist die erste Kandidatin des neuen Formats. Sie sieht so aus, wie sich wohl ProSieben den Idealtypus seiner Zuschauer vorstellt. Jung, hübsch, gebildet und vor allem: hip. Sie fährt ein Damenrad aus den Siebzigern, trägt lustige Wollmützen und tätowiert ist sie auch noch.

So wie die zwölf Männer, die im weitestgehenden Sinne Klone von Joko Winterscheidt sind. Also Jungs mit langem Deckhaar und hochgekrempelten Hosen. Es muss am Drehtag der Show sehr einsam in Berlin-Friedrichshain gewesen sein.

Das "Prinzip" der Show ist simpel. In der ersten Runde wird geknutscht. Pia steht auf einer runden Bühne, die Augen verbunden, die Kamera fährt in 360 Grad um sie herum. Ganz wie in der klassischen Hollywood-Romanze. Einfach küssen ist schließlich öde, es gilt alles in Großaufnahme zu sehen.

Nacheinander kommen die Männer zu ihr. Natürlich ebenfalls mit verbundenen Augen. Sechs bleiben nach dieser Runde übrig und dürfen Pia noch einmal küssen. Diesmal von Angesicht zu Angesicht. Aus ihnen wählt sie wiederum zwei für ein richtiges Date aus. Stichwort "Whirlpool".

Bevor es losgeht, gibt es aber noch die üblichen Rechtfertigungen. Irgendwie muss man Mama schließlich beibringen, dass man im Begriff ist, vor der Weltöffentlichkeit zwölf Männer auf die Mandeln zu fühlen. Bei Pia klingt das so: "Ich bin nervös, weil das ja auch eine Sache ist, die ich gerne mache." Und: "Ich finde, dass so ein Kuss das Entscheidende ist." Stimmt. Wer braucht schon gemeinsame Interessen, lange Gespräche oder tiefe Verbundenheit. Gleich knutschen ist auch okay.

"Wir Menschen sind wie Tiere"

Der erste Kandidat hinterlässt bei Pia einen bleibenden Eindruck. Sie ist hin und weg. Ihre Freundinnen übrigens auch, die Backstage sitzen und jeden Kuss so kommentieren, wie man es sich nach zu viel Konsum von "Sex and the City" vorstellt.

Aber interessanter sind natürlich die Kerle, die auf ganzer Linie versagen. Costas, Klischee-Macho, erklärt vorher selbstbewusst: "Wir Menschen sind wie Tiere. Wir riechen Angst, wir riechen Unsicherheit. Wir riechen sehr vieles. Deswegen glaube ich, kann man mein Standing sehr gut wahrnehmen, auch wenn man mich nicht sieht."

Das kann man wirklich. Aber wohl nicht so, wie es sich Costas vorgestellt hat. Er streckt die Zunge heraus wie ein Hund beim Napf ausschlecken. Pia sagt: "Nee, sorry!", und stößt ihn weg. Costas ist trotzdem mit sich zufrieden, es gäbe bei dieser Show schließlich kein "gut" und "böse". Nein, aber ein "gut" und "scheiße".

Wenn Unbekannte übereinander herfallen

Als nächster ist Hörgeräteakustiker Franz dran. Ein Typ mit Vollbart und Rennrad an der Wohnzimmerwand, der laut eigener Aussage "nicht so der Wilde" ist oder "beim ersten Kennenlernen in der Öffentlichkeit herumknutscht". Logisch, dass er in einer Show mitmacht, in der Unbekannte übereinander herfallen. Er bleibt unscheinbar.

Nicht so Philipp: Pia und er sind sich in München schon über den Weg gelaufen. Die Freundinnen haben ihn ausgewählt. Natürlich fährt er mit über 30 Skateboard und arbeitet in einem Burrito-Laden. Der Kuss selbst wird von Freundinnen, ProSieben-Team (die auch alle aussehen wie aus dem Hipster-Baukasten) und Pia kommentiert. Technik, Handhaltung, Intensität. Da kommen echte Gefühle auf. Glücklicherweise erspart uns der Sender den Rest und spult im schnellen Vorlauf durch das Geschehen.

Und während die Männer so vorbeigleiten, wird man einen Gedanken nicht los: Ist den Teilnehmenden eigentlich klar, wie viele Bakterien in diesen Minuten hier von einem zum anderen wandern? Denn im Gegensatz zur Optik, auf die penibel geachtet wird nach jedem Kuss (jedes Mal kommt ein Styling-Team, um Pia zurecht zu zupfen), sieht man niemanden, der sich zumindest mal den Mund ausspült. Oder einfach einen Liter Bleiche hinunterstürzt.

Die Kusslatte im TV liegt niedrig

So geht das immer so weiter, bis nur noch sechs Männer übrig bleiben. Dummerweise verfällt die Sendung ab da ins übliche Dating-Einerlei. Denn spätestens wenn die Augenbinden fallen, entstehen die bekannten peinlichen Dialoge. Das ändert nichts daran, dass weiterhin geknutscht werden muss.

Als dann nur noch zwei Kandidaten übrig sind und mit Pia auf ein Einzeldate in Amsterdam gehen, ist "Kiss Bang Love" nichts weiteres als "Die Bachelorette" für die Tinder-Generation. Es werden Selfies geschossen, durch die Stadt geschlendert und natürlich, endlich im Whirlpool gefummelt.

Dass es am Ende ausgerechnet Philipp trifft, den Pia eh schon kannte, widerspricht zwar vollkommen dem Showkonzept, den Sender scheint das aber wenig zu interessieren. Er ignoriert das Offensichtliche und erklärt das "Experiment" für gelungen: "Pia hat ihre Big Love gefunden, und zwar aus einem einzigen Blind Kiss." Für die Show gilt das leider nicht.