Das Unterwäsche-Shooting, die obligatorische Zwangsfrisierung und zuletzt die Lokalmeisterschaften im Ungelenklauf – "Germany’s next Topmodel" feuert auch in dieser Staffel wieder mit allem, was der Wahnsinn hergibt. In Folge 9 im Angebot: ein Spaß-Shooting ohne Spaß, ein Passant ohne Oberbekleidung und eine Pose ohne Herkunft.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Spaß, so sagt ein deutsches Wörterbuch, sei ein "Vergnügen, das man an einem bestimmten Tun hat." Nun ist Heidi Klum absolut unverdächtig, allzu viel Zeit mit Wörterbüchern zu verbringen. Ey, keine Gehässigkeiten an dieser Stelle bitte! Und streiten Sie es gar nicht erst ab, wir wissen genau, was Sie gedacht haben! Nein, als Model muss man schlicht eher von A nach B laufen und dabei hübsch lächeln. Da kommt einfach niemand und sagt: "Wie lautet das Plusquamperfekt, Indikativ, erste Person Singular von 'Spaß haben'?" Passiert einfach nicht.

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Trotzdem hätte der Klum in Folge neun ein Blick ins Wörterbuch nicht geschadet, denn so hätte sie ein paar Missverständnissen aus dem Weg gehen können. Denn kaum in Folge neun aufgewacht, hat die Klum einen Auftrag für ihre Schutzbefohlenen: "In dieser Woche geht es an den Strand und da möchte ich vor allem eines sehen: Spaß!" Dafür hat die Klum am Strand von Los Angeles einen überdimensionalen Greifarm-Automaten aufbauen lassen, den man sonst vom Rummelplatz kennt und auf dessen riesigem Greifarm die Models nun im Rahmen eines Fotoshootings posierender Weise Spaß haben sollen.

Heidi Klum: "Ich glaube, sie will nicht so viel Spaß haben"

Die erste Kandidatin, die Spaß haben wollen muss, ist Anya. Die hat vor, "ihre Beine in Szene zu setzen." Dagegen hat die Klum erst einmal nichts, bis auf eine Ausnahme: "Nur einfach da drin rumsitzen, ist zu langweilig. Aber langweilig sind wir ja nicht, ne?", fragt die Klum und natürlich sind wir das nicht. Wobei: Wenn jemand in einer TV-Show seit 17 Jahren ständig sagt, dass man nicht langweilig sein soll, ist das dann nicht auch irgendwie, naja, langweilig? Wie auch immer, Anya schwingt sich in den Greifarm, um nicht langweilig Spaß zu haben, aber irgendwie kommt der Spaß nicht so recht ins Rollen.

"Sie überlegt zu viel", lautet die Spontan-Analyse der Fotografin. Zu viel überlegen? Nicht mit der Klum! Also versucht sie, sofort gegenzusteuern: "Du kannst ruhig ein bisschen mehr Spaß haben auch! So richtig Spaß, meine ich!" Und genau hier begeht die Klum ihren wörterbuchlosigkeitsbedingten Denkfehler. Denn wenn Spaß doch das Vergnügen an einem bestimmten Tun ist, dann kann man das eben nicht einfach einfordern, sondern sollte dem Spaßzuhabenden eher das Spaßhaben erleichtern. We love to entertain you und so. Doch die Klum hilft Anya nicht nur nicht, mehr Spaß zu haben, sondern ergeht sich auch noch in Mutmaßungen: "Ich glaube, sie will nicht so viel Spaß haben."

Aber wie wir wissen, kann Spaß haben nicht am Wollen liegen und hat es in Anyas Fall auch nicht: "In diesem Greifarm drinzusitzen, war einfach superungemütlich und dann ist dieser Spaßfaktor so ein bisschen runtergegangen", erklärt Anya. "Gerade, wenn ich hier sitze und immer wieder sage: 'Hab mal ein bisschen mehr Spaß! Zeig mir das doch mal, vielleicht lach mal ein bisschen mehr!' Es kommt aber nicht viel", begeht die Klum den gleichen Denkfehler noch einmal. "Ich hatte keinen Spaß gehabt", wird sich Anya nach dem Shooting wohl in perfektem Plusquamperfekt, Indikativ, erste Person Singular gedacht haben werden.

"Germany’s next Topmodel" und die Suche nach einem Aufreger

Bei den anderen Kandidatinnen läuft der Spaß hingegen in Strömen, so dass die Klum, als Ina an der Reihe ist, ebenso unbewusst wie spontan eine Show in der Show eröffnet und die heißt: Sätze, die nur in diesem einen Kontext einen Sinn ergeben und einen ansonsten im Alltag merkwürdig erscheinen lassen würden:

  • "Sie versucht, schöne Beine und Füße anzubieten."
  • "Versteck dich nicht zu sehr hinter der Kralle! Und so, dass du einen Hals hast!"
  • "Wenn ich mich jetzt hier hinsetze und mich jetzt so wegdrehe, dann hast du einen Riesenhintern und du hast einen ganz kleinen Kopf."

Spaß ganz anderer Art bringt hingegen ein junger Mann, der plötzlich mit textilfreiem Oberkörper und einem Skateboard in der Hand durchs GNTM-Set spaziert. Er erkundigt sich kurz bei Klum nach dem Geschehen und als die ihm erzählt, dass man aus Deutschland sei, gibt er sich ebenfalls als Deutscher zu erkennen. Doch als die Klum nachhakt, ist sein Wortschatz lediglich auf das Wort "Scheiße" beschränkt. Ach, es herrscht so viel Unehrlichkeit. Gerade bei jungen Männern, die mit textilfreiem Oberkörper und einem Skateboard in der Hand durch ein GNTM-Set spazieren. Doch da trollt sich der junge Mann auch schon wieder.

Apropos Nonsens-Geschichte. Hier hat sich der Schnitt gemerkt, dass Ida in der vergangenen Ausgabe moniert hat, dass wohl manche Kandidatinnen eigentlich nach Hause wollen. Eine prächtige Gelegenheit für die anderen, sich zu echauffieren. "Dann bist du hier nicht richtig. Dann nimmst du Leuten ihren Platz weg, die das wollen, für ihre Zukunft. Als Karriere so", schimpft etwa Cassy und könnte damit nicht falscher liegen. Denn erstens kann sowieso nur eine Germany’s next Topmodel werden. Und zweitens hat jeder das Recht, den ganzen Zirkus hier nur als TV-Unterhaltung zu betrachten und nicht als ernsthafte Modelsuche. Macht die Klum ja auch.

Woher kommen Inas Posen?

Viel Geschnatter um nichts also, da bleibt aber noch das Geschichtchen um Nikeata Thompson. Die Choreographin soll als Posing-Lehrerin die Kandidatinnen in Klums Namen "mal richtig rannehmen" und das macht sie dann auch. Als bei besagtem Unterricht Anya ihren steifen Laufstil mit einem steifen Nacken erklärt, meint die Thompson hinterher: "Anya, der gingen die Ausreden nicht aus. […] Die Kunden haben gar keine Zeit für Ausreden. Das ist Arbeit und da geht alles sehr, sehr schnell. Und deswegen würde sie den Job natürlich nicht bekommen. Es geht darum, dass man modelt und nicht Ausreden sucht."

Sie hätte Anya natürlich auch fragen können, wie man ihr helfen kann oder ihr zeigen, wie man diese menschenverachtende Haltung im Model-Business durchbricht. Aber Thompson entscheidet sich, diese asoziale Grütze weiter zu kultivieren und an die jugendlichen Zuschauer weiterzugeben. Kann man natürlich machen, wirkt halt mega unsympathisch. Nicht wesentlich sympathischer ist die Kritik Thompsons dann am Tag des Entscheidungswalks.

"Die Posen kamen aus dem Nichts", kritisiert Thompson den Walk von Kandidatin Ina. Das ist natürlich reichlich unfair, eine Pose lediglich nach ihrer Herkunft zu beurteilen. Ist doch egal, woher eine Pose kommt, solange sie da ist. Heißen wir sie doch einfach willkommen, auch wenn sie aus dem Nichts kommt. Auch da hat’s schöne Ecken. Aber da die Klum zu Inas Nichts nicht nur nicht nichts sagen will, sondern auch noch andere Kritikpunkte findet, geht diesmal Ina mit nichts nach Hause.

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