Wer sich schminkt, hat was zu verstecken – davon sind manche Menschen überzeugt. Besonders interessant wird es dann, wenn sie ihre Kritik in Schmeicheleien verpacken.

Anja Delastik
Eine Kolumne
von Anja Delastik, Journalistin, Kolumnistin

"Ich verstehe nicht, warum ihr Frauen euch nicht so akzeptiert wir ihr seid," überhörte ich im Restaurant kürzlich einen Mann zu seiner Begleitung sagen, die gerade im Handspiegel ihr Make-up checkte. Ich wurde hellhörig. "Das hast du doch nicht nötig," fuhr er fort, "diese ganze Schminkerei ist doch völlig überflüssig."

Geknutscht wird nach dem Abschminken

Zweifelhafte Komplimente wie dieses sind auch mir nicht unbekannt. Ich schminke mich gerne und oft, liebe Eyeliner und Lippenstift.

Dabei ist es mir komplett und aufrichtig egal, dass die meisten Männer knalligen Lippenstift angeblich doof finden. Meinem eigenen Mann gefällt's, geknutscht wird dann halt nach dem Abschminken. Und selbst wenn er's nicht mögen würde: Ich mag rote Lippen. An mir, aber auch an anderen Frauen.

Gerade weil sich viele deutsche Frauen nicht so gerne oder zumindest eher dezent schminken, freue ich mich jedes Mal, wenn ich toll geschminkte Münder oder einen schön geschwungenen Lidstrich sehe.

Ihr Gesicht, ihr Lippenstift, ihre Entscheidung

Zu keinem Zeitpunkt kommt mir dabei in den Sinn, dass jemand – ob Mann oder Frau – dies vor allem tut, weil er sich selbst nicht so akzeptiert oder ungeschminkt für unzumutbar hässlich hält. Im Umkehrschluss findet sich schließlich auch nicht automatisch jeder super, der gerade Mascara trägt oder?!

Die meisten Menschen schminken sich, weil sie Lust darauf haben, es ihnen Spaß macht und sie sich mit Schminke (genau wie mit einer bestimmten Frisur oder Kleidung) besser gefallen als ohne. Nicht mehr und nicht weniger.

Und in jedem Fall ganz allein ihre Sache. Ihr Gesicht, ihr Lippenstift, ihre Entscheidung. Das gilt auch für alle, die sich gegen Make-up entscheiden.

Du siehst aber heute müde aus!

Gehe ich mal ungeschminkt zur Arbeit, bleibt das nämlich auch selten unkommentiert. Während einige scherzen ("Na, wieder zu lange geschlafen?!"), bemerken andere: "Du siehst heute aber müde aus!"

Letzteres will nun auch kein Mensch hören. Zumindest keine Frau. Soviel zum Thema "Die ganze Schminkerei ist überflüssig." Offensichtlich ist sie das nicht.

Wenn ich nämlich wirklich müde bin, mich zerknautscht, verquollen oder sonst irgendwie "meh" fühle, trage ich roten Lippenstift. Immer. Denn der wirkt wie ein Frischekick, lenkt von Augenringen, fahlem Teint und Wuschelhaar ab.

Folgt man der fragwürdigen Logik des jungen Mannes aus dem Restaurant, wäre das der einzige Moment, in dem mir Schminken erlaubt ist. Weil ich's dann nötig habe.

Das kannst du dir abschminken

Doch wer darf entscheiden, ob, wann und wer es nötig ist und hat – und ob, wann und wer nicht? Die Frau aus dem Restaurant kennt die Antwort.

Auf das fragwürdige Kompliment ihres Gegenübers erwiderte sie gelassen: "Du hast Recht, das hab ich nicht nötig. Schmink du dir doch einfach das Date ab." Dann stand sie auf und ging, während die Wangen des jungen Mannes knallrot wurden. Wie mein Lieblingslippenstift.

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