Bundestrainer Julian Nagelsmann und Direktor Rudi Völler kündigen nach dem peinlichen 0:2 in Österreich eine harte Hand bei der Nationalmannschaft an. Doch die eigenen Zitate entlarven ihre Halbherzigkeit.

Eine Kolumne
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Die Hilflosigkeit beim DFB erschöpft sich in Platitüden, die beim ersten Hinhören sinnvoll und öffentlichkeitswirksam klingen, beim zweiten Hinhören aber Bullshit sind.

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Nehmen wir folgende Stellungnahme von Bundestrainer Julian Nagelsmann:

"Dann musst du vielleicht mal die Faust ballen und sagen: Ein Top-Talent weniger, einen Worker mehr. Vielleicht müssen wir auf zwei Prozentpunkte Talent verzichten und zwei Prozentpunkte mehr Worker reintun."

Julian Nagelsmann, Bundestrainer der DFB-Nationalmannschaft

Mathematisch ist diese Aufgabe so nicht lösbar. Zwei Prozent einer Mannschaft: Das wäre 0,2 Feldspieler. Bei einem 25-Mann-Kader 0,5 Nationalspieler. Wie will Nagelsmann ein Fünftel Spieler einwechseln? Scheibchenweise?

Verpasste Chancen

Er hat nach dem 0:2 gegen Österreich die Chance verpasst, Ross und Reiter zu nennen, Mann für Mann. Zum Beispiel Julian Brandt: Totalausfall. Oder Antonio Rüdiger: Sicherheitsrisiko. Oder Mats Hummels: kein Tempo.

Stattdessen bemüht er die Relativitätstheorie, um Probleme anzusprechen, ohne jemanden konkret wehzutun. Ihm ist dann zwar eine "Bild"-Schlagzeile sicher ("rechnet mit seinen Stars ab"), die Stärke und Handlungswillen suggeriert.

Aber in seinen Zitaten taucht nicht ein einziger Name auf. Niemand fühlt sich angesprochen. So eine Kritik im Ungefähren geht bei den Spielern in das eine Ohr rein und aus dem anderen ungefiltert raus. Es bleibt nichts hängen.

Denn Prozentrechnen hat die unangenehme Nebenwirkung, dass alles, was Mist ist, relativiert und damit abgeschwächt wird. Dabei stinkt ein Bruchteil von Mist genauso wie der Misthaufen selbst. Nehmen wir DFB-Direktor Rudi Völler:

"Diese fünf, zehn Prozent an Leidenschaft haben gefehlt. Es ist eine generelle Frage. Ich weiß nicht, ob es an den Spielertypen liegt, da müssen wir dran arbeiten."

Rudi Völler, DFB-Direktor

"Das können wir uns nicht gefallen lassen"

Was will Völler mit dieser scheinbar knallharten Analyse sagen? Dass 90 bis 95 Prozent in Ordnung sind und die letzten Prozente nicht zu erreichen sind, weil die Mentalität nicht mehr hergibt? Seit wann kann man an Leidenschaft arbeiten?

Nun stellen wir uns einen Nationalspieler vor, der den Völler-Satz bei "Bild" liest: "Das können wir uns nicht gefallen lassen". Wird er anschließend eine Runde extra durch den Wald laufen oder ans Kopfballpendel gehen? Wohl kaum.

Nein, die Spieler kehren in ihre Klubs zurück und gehen zum Alltagsbetrieb über. Die Nationalmannschaft ist dann weit weg und bis zur nächsten Zusammenkunft im März kein Thema mehr. Das Wehklagen beim DFB verhallt ungehört.

Nagelsmann sollte darum genau das Gegenteil tun

Spieltag für Spieltag Druck ausüben - Namen nennen, Leistungen beurteilen, Konsequenzen aufzeigen, Verbesserungen einfordern. Wir brauchen mehr Absolutismus statt Relativität.

Die Zahl der Plätze im EM-Kader ist begrenzt. Nagelsmann versteht noch nicht, welche Macht ihm die Hoheit bei der Nominierung wirklich gibt. Er muss die Leistung der Nationalspieler wieder 1,0 zu 1,0 messen und nicht 0,2 zu 0,5.

Er wird sich nicht darauf verlassen können, dass die Generation Weichspüler über Nacht ein Erweckungserlebnis feiert und Leistungen bietet, die eines Nationalspielers würdig sind. Er sollte sich dringend Gehör verschaffen.

Über den Autor

  • Pit Gottschalk ist Journalist, Buchautor und Chefredakteur von SPORT1. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit'ch erhalten Sie hier.
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