"Ich muss etwas gestehen.... Ich bin süchtig nach Toren." Robert Lewandowski hatte nach dem souveränen 6:0 des FC Bayern gegen Roter Stern Belgrad die Lacher auf seiner Seite: Bei Twitter meldete sich der Torjäger mit diesem augenzwinkernden Geständnis zu Wort - und wurde dafür im Netz überschwänglich gefeiert. Nach seinem Gala-Auftritt in Belgrad mit vier Toren feierten ihn sogar die gegnerischen Fans mit Standing Ovations.

Steffen Meyer
Eine Kolumne
von Steffen Meyer, Freier Autor

Es war der nächste Höhepunkt einer bisher herausragenden Saison des polnischen Nationalhelden. Verflogen sind alle Wechselgedanken, die seine Zeit in München zuvor immer begleiteten. Lewandowski ist in München glücklich geworden. Der 31-Jährige ist in einer Phase seiner Karriere, in der er niemandem mehr etwas beweisen muss. Was ihm noch fehlt, ist der ganz große Triumph in der Champions League. Den hat er sowohl mit Dortmund als auch in der Guardiola-Ära mit den Bayern knapp verfehlt. Das treibt ihn an.

Seine bisherige Saison-Statistik ist überragend: Lewandowski traf bisher in jedem Champions-League-Spiel und in elf von zwölf Bundesliga-Partien. 16 Tore gelangen ihm in der Liga. Dazu zehn Treffer in fünf Champions-League-Partien und zwei Treffer im DFB-Pokal. Auch mit der polnischen Nationalelf traf er in der laufenden EM-Qualifikation bereits sechsmal. Mit den zehn Champions-League-Toren hat er seinen persönlichen Saison-Rekord aus dem Jahr 2012/2013 bereits vor Ende der Vorrunde (!) eingestellt. Trifft er im abschließenden Gruppenspiel gegen Tottenham ein weiteres Mal, stellt er den Vorrundenrekord von Cristiano Ronaldo ein. Auch der 17-Tore-Rekord des Portugiesen für eine gesamte CL-Saison ist dann in Reichweite.

Lewandowski zieht die Bayern mit

Lewandowskis 6,4 Torabschlüsse pro Spiel in der Champions League sind mit großem Abstand Platz eins, vor Ronaldo und Madrids Benzema. Mit 4,8 Torschüssen in der Liga schließt er pro Spiel einmal häufiger ab als der zweitplatzierte Timo Werner. Diese Zahlen sind umso bemerkenswerter, weil die Münchner erst in den letzten zwei Wochen unter Interimscoach Hansi Flick so richtig Fahrt aufgenommen haben. Davor war es meist zäh. Waren Lewandowskis Tore in der Vergangenheit häufig eine Folge der Münchner Dominanz, ist es in der bisherigen Saison genau umgekehrt: Er allein sorgte dafür, dass der Rekordmeister den Anschluss zur Tabellenspitze nicht verloren hat. Lewandowski zog die Bayern mit, war nicht nur Vollstrecker, sondern deutlicher ins Spiel eingebunden und auch nach Einzelaktionen erfolgreich.

40-Tore-Marke ist in Reichweite

Seine knapp 25 Pässe pro Spiel sind der höchste Wert, den er seit seinem Wechsel nach München erreicht hat. Und Lewandowski trifft eben nicht nur mit dem ersten Kontakt. Er windet sich mit Ball im Strafraum um Gegenspieler herum und kreiert so eigene Chancen. Oder er geht ins Dribbling. Knapp zweimal pro Partie dribbelt er einen Gegenspieler aus. Auch das ist der höchste Wert, den er in seiner Münchner Zeit erzielt hat. Beim 3:2-Erfolg der polnischen Nationalmannschaft gegen Slowenien nahm es Lewandowski vor Wochenfrist gleich mit sechs Gegenspielern auf und traf nach einem Dribbling, das kurz hinter der Mittellinie startete, in Messi-Manier ins Netz. Momentan gelingt ihm alles.

Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine wahrlich historische Marke in den Fokus rückt: Gerd Müllers 40 Bundesliga-Tore aus der Saison 1971/1972. Seit 1977 gelang es nur zwei Spielern, die 30er-Marke zu knacken: Aubameyang mit 31 (2016/2017) und Lewandowski mit 30 Treffern (2015/2016). Behält der Münchner Mittelstürmer seine Torquote von im Schnitt 1,3 Toren pro Spielen in der Liga bei, steht er am Ende bei 46 Toren. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Aber Lewandowski ist der Erste seit Jahrzehnten, der ernsthaft über den Müller-Rekord nachdenken darf, ohne dass schallendes Gelächter ausbricht.

Lewandowski geht es um mehr als Rekorde

Beobachtet man den erfahrenen Vize-Kapitän in den letzten Wochen, verfestigt sich jedoch auch der Eindruck, dass ihm persönliche Statistiken nicht mehr so wichtig sind wie in der Vergangenheit. Schon als er gegen Köln Philippe Coutinho bei einem Strafstoß den Vortritt ließ, staunten Beobachter nicht schlecht. Lewandowski hatte lange Zeit den Ruf des egoistischen Einzelgängers, der sich auf dem Platz Kabbeleien mit dem nicht minder ehrgeizigen Arjen Robben lieferte. Inzwischen strahlt Lewandowski etwas anderes aus. Er geht mit positiver Körpersprache voran, nimmt sich im Training Zeit für Nachwuchsspieler wie das Stürmertalent Jann-Fiete Arp und verschenkt wie im Fall Coutinho sogar Elfmeter.

Vielleicht ist es diese neue Reife, die Lewandowskis Spiel noch einmal auf eine neue Stufe gehoben hat. Für Bayern sind die Tor-Rekorde natürlich hilfreich auf dem Weg zu den ganz großen Saisonzielen. Viel wichtiger für den Verein ist jedoch die Weiterentwicklung Lewandowskis zu einem echten Führungsspieler.

Am Wochenende kommt Bayer Leverkusen nach München - für Lewandowski so etwas wie ein Angstgegner. Nur gegen Düsseldorf (kein Treffer in vier Spielen) ist seine Torquote noch schwächer als gegen die Werkself (drei Treffer in 14 Spielen). Doch es würde irgendwie zu Lewandowskis außergewöhnlicher Saison 2019/2020 passen, wenn sich auch diese Statistik am Wochenende zum Positiven wenden würde.

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