Der Hamburger SV etabliert in der Bundesliga eine neue Tradition. Warum diese den Rest der Welt in den Wahnsinn treibt, erklären wir in unseren - wie immer nicht ganz ernst gemeinten - Lehren des Spieltags.

Fabian Teichmann
Eine Glosse
von Fabian Teichmann, Redakteur Social Media

Wenn Sie als aufmerksamer Leser unsere Lehren des Spieltags bereits die gesamte Saison verfolgt haben, durften Sie immer mit mindestens drei (mehr oder weniger) bahnbrechenden Erkenntnissen zur jeweiligen Spielrunde rechnen.

Aus aktuellem Anlass muss mit dieser Tradition allerdings gebrochen werden. Der Grund trägt rote Hosen, eine Raute auf der Brust - und den Glauben an einen gerechten Fußballgott endgültig zu Grabe.

Die letzte Lehre: Der HSV nervt krass!

Zunächst mal zu den nüchternen Eckdaten: Der Hamburger Sportverein hat sich durch einen 2:1-Erfolg über den VfL Wolfsburg den Klassenerhalt gesichert. Zum gefeierten Helden wurde Gian-Luca Waldschmidt dank seines Siegtreffers in der 88. Spielminute.

Stimmen Sie ab! Gönnen Sie dem Hamburger SV den Klassenerhalt?
  • A
    Klar, ich stehe immer zu Hamburg, meiner Perle.
  • B
    Ja schon, so ein traditionsreicher Klub gehört einfach in die Bundesliga.
  • C
    Eher nicht, wäre nicht traurig über einen Abstieg gewesen.
  • D
    Nein, nein, nein!

So weit, so gut. Problem bei der Sache: Eigentlich waren sämtliche Fans, die es nicht mit den Hamburgern halten, vor dem Saisonfinale sicher, dass die Rothosen ihr Glück in den letzten Jahren mehr als überstrapaziert hatten. Das konnte doch diese Saison nicht schon wieder passieren!

Zur Erinnerung: Bereits vor drei Jahren musste der HSV die emotionalen Höllenqualen der Relegation über sich ergehen lassen. Nur dank der Auswärtstor-Regelung und Sturmtank Pierre-Michel Lasogga behielt man gegen Greuther Fürth die Oberhand.

Noch dramatischer verlief die Relegation im darauffolgenden Jahr gegen den Karlsruher SC. Dort hatte Marcelo Diaz' Freistoß nach umstrittenem Handspiel in der 90. Minute die Glückspilze von der Elbe überhaupt erst in die Verlängerung gerettet.

Nach einer geradezu sensationellen Saison 2015/16 mit Tabellenplatz 10 (in Worten: ZEHN!) war es nun wieder so weit. Der unabsteigbare Bundesliga-Dino steckte wieder tief drin im Abstiegssumpf.

Schlecht gespielt, knapp gewonnen

Zum Showdown um den direkten Klassenerhalt reisten die Wölfe ins Volksparkstadion. Und der VfL zeigte von Beginn an den unbedingten Willen, die legendäre und immer noch tickende Stadionuhr des HSV endlich zum Stillstand zu bringen.

Wolfsburg versuchte Fußball zu spielen, Wolfsburg hatte die Chancen. Hamburg stolperte vor sich hin, Hamburgs Spiel war nervös und fahrig. Der Halbzeitstand? 1:1 - ein schlechter Scherz.

Dennoch hätte dem VfL das Remis zum Klassenerhalt gereicht. Doch der Fußballgott hatte natürlich mal wieder andere Pläne. Er MUSS ganz furchtbar verliebt sein in diesen HSV!

In der 86. Minute wechselte Markus Gisdol seine bis zu diesem Zeitpunkt sehr geheime, man könnte fast sagen die geheimste aller Geheimwaffen, Gian-Luca Waldschmidt ein. Die Torausbeute des Offensivspezialisten in der Bundesliga bis dahin: NULL!

Doch sobald es Richtung Relegation geht, wird alles, was der HSV anfasst, zu klassenerhaltendem Gold. Dabei hätte euch Fußball-Deutschland den Abstieg dieses Mal von ganzem Herzen gegönnt. Ehrlich!

So - jetzt wurde aber genug auf den armen Hanseaten rumgehackt. Zeit für positive Aspekte!

Glückwunsch lieber HSV, du bist ein einziges Drama

Liebe Hamburger, ihr habt in den vergangenen Jahren eine unvergleichliche und einmalige Entwicklung hingelegt.

Während es dem deutschen Durchschnittsfan noch vor wenigen Jahren gelinde gesagt vollkommen am Allerwertesten vorbeiging, ob oder wie euer Verein spielte, ist nun jeder emotional dabei.

Von einer grauen Maus, die durchs Mittelfeld und ab und zu durch die Europa League dümpelte, entwickelte sich euer Klub zu einer Hochburg für Emotionen und Dramen.

Plötzlich hat jeder Fußballfan Interesse an euren Partien.

Das Doofe aus HSV-Sicht: Außer den eigenen Anhängern will sie jeder verlieren und endlich den verdienten Lohn der langjährigen Murkserei einfahren sehen: den Abstieg.

Aus objektiver Sicht wollen wir dich, lieber HSV, gerne zu dieser sensationellen Entwicklung beglückwünschen.

Selbst nach detaillierter Recherche konnten wir in der Historie der Bundesliga keine vergleichbare "Erfolgs"-Geschichte finden - und auch nicht so viel Drama wie bei Dir.

Was bleibt, ist Hoffnung

Und damit verabschieden wir uns für diese Saison. Was für die kommende Spielzeit bleibt, ist in erster Linie Hoffnung. Hoffnung auf ein endlich wieder spannendes Meisterrennen, Hoffnung auf den erstmaligen HSV-Abstieg.

Und - zu guter Letzt - der Hoffnung, dass HSV-Fans dieser Lehre des Spieltags - oder eher der Saison oder eher der letzten Saisons - mit einer ordentlichen Portion Humor begegnen.