Vierfach-Weltmeister Sebastian Vettel verlässt Ferrari zum Saisonende. Im Interview erklärt der ehemalige Formel-1-Pilot Marc Surer die Hintergründe von Vettels Entscheidung, für welches Team der gebürtige Heppenheimer "ein Glücksgriff“ wäre und wie es bei Ferrari nun weitergeht.

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Herr Surer, Sebastian Vettel wird Ferrari am Ende des Jahres verlassen, wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Marc Surer: Ich bin ein bisschen überrascht, weil ich dachte, dass er sicherlich noch ein Jahr dranhängen wird. Doch das Vertragsangebot war wohl nicht nach seinem Geschmack. Anders kann man es sich nicht erklären, denn er hat eine erste Ferrari-Offerte bereits als "lächerlich" bezeichnet und abgelehnt. Offensichtlich hat ihm auch beim zweiten Angebot etwas nicht gepasst. Wahrscheinlich wird der Vertrag einfach nicht einem vierfachen Weltmeister gerecht.

Sie meinen, Ferrari wollte Vettel "abspeisen" und hat klar gemacht, dass Charles Leclerc der Mann der Zukunft ist?

Ich habe so das Gefühl. Wenn er gleichgestellt gewesen wäre und der Preis gestimmt hätte, wäre es wohl anders ausgegangen. Aber Leclerc hat bis 2024 unterschrieben und wird sicherlich gute Bedingungen erhalten haben - nicht nur finanziell, sondern auch sein Status wird ein anderer sein. Ich vermute, dass keine hundertprozentige Gleichstellung im Vertrag stand. Das könnte ein großer Grund für Vettel gewesen sein.

"Vettel will kein Team mehr aufbauen"

Wie geht es nun mit Vettel weiter? Als vierfacher Weltmeister sollte er doch keine Probleme haben, ein anderes Team zu finden, oder?

Ein Team wird er schon finden, nur ist er noch bereit, nochmal ein Team aufzubauen? Man hört, McLaren und Renault sollen interessiert sein. Das sind aber beides Teams, die nächstes Jahr mit großer Wahrscheinlichkeit nicht um den Weltmeister-Titel mitfahren können, sondern da dauert es noch eine Weile. Ich habe nicht das Gefühl, dass es sein Ziel ist, noch einmal ein Team aufzubauen, sondern er will noch einmal Weltmeister werden – außerhalb von Red Bull. Da bleibt eigentlich nur Mercedes, dass die ihm ein Angebot machen.

Wo könnte es bei einem Mercedes-Angebot an Vettel Probleme geben?

Ich weiß nicht, was Lewis Hamilton darüber denkt. Mercedes wird wohl eher das machen, was Hamilton will, da sie ihn nicht verlieren wollen.

Wäre es für Sie vorstellbar, dass Hamilton und Vettel in einem Team fahren?

Ja, das kann ich mir vorstellen. Für Mercedes wäre das ein Glücksgriff. Ein vierfacher deutscher Weltmeister, der verfügbar ist, in ihr Auto zu setzen, das ist toll. Wenn Vettel in ihrem Auto noch einmal Weltmeister werden würde, wäre das aus Marketing-Sicht das Beste, was passieren kann. Aus Mercedes-Sicht würde ich sagen: "Sofort eine Offerte machen." Aber es hängt natürlich an Hamilton. Für mich ist jedoch nur diese Variante vorstellbar, oder er beendet seine Formel-1-Karriere. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er nochmal über drei Jahre ein Team aufbauen will.

Sollte Vettel seine Karriere beenden, zieht er sich dann komplett aus dem Motorsport zurück oder versucht er sich, ähnlich wie Fernando Alonso, auch in anderen Serien?

Ich habe bei Vettel nicht das Gefühl, dass er irgendetwas anderes fahren möchte. Er ist vierfacher Weltmeister, er muss nicht fahren, um Geld zu verdienen. Bei Alonso hat man immer das Gefühl, er möchte noch etwas beweisen, Vettel muss das nicht. Er hat auch genug Geld verdient, um sich den Rest des Lebens um seine Familie zu kümmern. Vielleicht kommt er irgendwann in einer anderen Funktion zurück. Es gibt verschiedene Möglichkeiten für ihn, aber er muss nicht fahren.

Vettel ist bei Ferrari angetreten mit dem Ziel, Weltmeister zu werden. Ist er nun gescheitert oder hatte er Pech?

Er hat mit Alonso einen berühmten Vorgänger, der auch nicht Weltmeister im Ferrari wurde. Irgendwie war einfach der Wurm drin. Es war wirklich immer Mercedes im Weg. Wären sie nicht gewesen, hätte es geklappt. Daher kann man es nicht Vettel ankreiden, dass es nicht geklappt hat, sondern eher dem Auto. Es war einfach der falsche Moment.

Wer besetzt in der kommenden Saison das frei werdende Cockpit von Vettel?

Die Verträge von Carlos Sainz und Daniel Ricciardo laufen aus, das sind sicher zwei heiße Kandidaten. Ansonsten sehe ich niemanden, der einspringen könnte und frei ist. Natürlich, ein Alonso will unbedingt wieder fahren, aber da ist wohl zu viel zerbrochen, sodass sie ihn nicht mehr zurückhaben wollen.

Ferrari will Mick Schumacher langsam aufbauen

Wie steht es um die Chancen von Mick Schumacher, der immer wieder mit Ferrari in Verbindung gebracht wird?

Ich glaube, dass sie ihn aufbauen wollen und ihn dann erst einmal in den Alfa-Romeo setzen werden, um ihn nicht gleich direkt gegen Leclerc antreten zu lassen. Wenn Mick in dieser Saison in der Formel 2 mithalten kann, wird er im kommenden Jahr im Alfa Romeo sitzen, um dort die Sporen für Ferrari zu verdienen.

All dies deutet aber darauf hin, dass Charles Leclerc der Mann der Zukunft bei Ferrari ist, oder?

Sie bauen auf ihn, daher hat er auch diesen Vertrag unterschrieben. Neben ihm wird es jeder schwer haben. Den Leclerc sollte man sich nicht als Teamkollegen antun. Das haben wir schon bei Vettel gesehen.

Über den Experten: Marc Surer ist ein ehemaliger Formel-1-Pilot (1979-1986), der ab 1996 lange Jahre als Experte für den deutschen Pay-TV-Sender "Sky“ die Rennen begleitete.
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