• IndyCar-Supertalent Colton Herta sollte zu AlphaTauri in die Formel 1 wechseln, damit Pierre Gasly zu Alpine gehen kann.
  • Der US-Amerikaner hat aber nicht genug Superlizenzpunkte, der Weltverband bleibt stur.
  • Das bringt der Formel 1 vor allem aus den USA jede Menge Kritik ein.

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Die Formel 1 verpasst ihren eigenen Hype-Train – zumindest in den USA. Drei Rennen finden 2023 in den Staaten statt. Auf einen Fahrer aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten wartet die Motorsport-Königsklasse aber nun bereits sieben Jahre. Alexander Rossi war der letzte US-Fahrer in der Formel 1, er absolvierte 2015 fünf Rennen.

Jetzt drängt ein echtes Toptalent aus Übersee in die Startaufstellung, doch Colton Herta darf nicht fahren, weil er die Superlizenz nicht hat und ihm acht Punkte fehlen. 32 hat er, 40 bräuchte er.

Der Kritikpunkt: Herta ist zwar erst 22 Jahre alt, fährt aber bereits seit 2019 in der IndyCar-Serie, der Top-Serie des US-Formelsports, holte neun Pole Positions, gewann sieben Rennen bei elf Podiumsplatzierungen, wurde 2020 Gesamtdritter, 2021 Fünfter. Allerdings ist die IndyCar-Serie bei der Vergabe der Superlizenz-Punkte eher schwach eingestuft, weshalb Herta bei nur 32 Zählern steht.

Testfahrten für McLaren

Der Hintergrund: AlphaTauri hatte sich in den vergangenen Wochen intensiv um Herta bemüht, um Pierre Gasly den Wechsel zu Alpine als Nachfolger von Fernando Alonso zu ermöglichen. Doch der Automobil-Weltverband Fia ließ sich nicht erweichen, eine Ausnahmeregelung für Herta gibt es nicht.

Dabei saß er bereits in einem Formel-1-Auto, testete im Sommer für McLaren. Doch die Fia funktioniert da wie eine deutsche Behörde und zeigt sich unbeweglich. Das Unverständnis ist groß, die Kritik laut, vor allem aus den USA. Denn dort, wo die Formel 1 seit der Netflix-Doku "Drive to Survive" einen Boom erlebt, steht ein Toptalent parat, das man nicht nur prima vermarkten könnte, sondern das auch noch etwas kann.

"Die Formel 1 ist ein elitärer Sport. Uns wollen sie nicht, das darf man nicht vergessen. Sie nehmen gerne das Geld von US-Firmen und reichen Amerikanern. Aber der Rest interessiert sie nicht. Das war schon immer so und wird auch immer so sein", wetterte zum Beispiel IndyCar-Pilot Graham Rahal auf Twitter.

Er verteidigte das Talent des 22-Jährigen gegen diejenigen, die auf die Regeln verwiesen. "Ihr seid neben der Spur. Er ist so talentiert wie der Rest, wenn nicht noch mehr. Er ist bewiesenermaßen ein Sieger. Er hat es an die Spitze geschafft und schlägt sich außergewöhnlich gut."

Geld sticht Talent aus

Auch Rossi konnte sich Kritik nicht verkneifen. Er habe seinen Mund lange genug gehalten, schrieb er in einem Statement, "aber ich bin so krank und müde von diesem ganzen Hin und Her mit den Superlizenzpunkten. Eigentlich waren die mal dazu gedacht, um zu verhindern, dass sich Leute ihren Weg in die F1 erkaufen können". Stattdessen bleibe Motorsport weltweit der Spitzensport, wo Geld Talent ausstechen könne.

"Das kostet Colton die Möglichkeit, für sich selbst zu entscheiden und den Weg in seiner Karriere einzuschlagen, um in der F1 zu fahren." Der Weg war früher fraglos weniger kompliziert. Kimi Räikkönen erhielt zum Beispiel 2001 seine Superlizenz auf Bewährung, nachdem er zuvor ganze 23 Autorennen in der Formel Renault absolviert hatte. Nach der umstrittenen Superlizenz-Vergabe an den damals noch minderjährigen Max Verstappen wurden 2016 schließlich die Kriterien verschärft.

Sicherten sich die meisten Fahrer zuvor die Lizenz durch Testfahrten (300 Kilometer unter Renngeschwindigkeit), sind heute die erwähnten Punkte vonnöten. Dabei werden die Nachwuchsserien Formel 3 und Formel 2 teilweise höher eingestuft als die IndyCar-Serie.

Irre: Herta hätte in dieser Woche an von Alpine einberufenen Testfahrten in Ungarn teilnehmen sollen, um weitere Erfahrungen zu sammeln. Daneben hätte AlphaTauri ihm in den kommenden Wochen Einsatzzeit bei den Freitagstrainings ermöglicht. Doch selbst das, was vor ein paar Jahren noch locker für die Lizenz gereicht hätte, ist nicht genug, um in Verbindung mit den 32 Punkten eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen.

"Wir müssen die Regeln respektieren", sagte Formel-1-Chef Stefano Domenicali. "Wenn wir einen Amerikaner in der Formel 1 haben, dann finde ich das wunderbar und natürlich können wir darüber beraten, ob künftig Punkte in der IndyCar-Serie anders vergeben werden sollen. Aber die heutigen Regeln müssen beachtet werden."

Mario Andretti sieht sich selbst

Dadurch entsteht eine bizarre Situation. "Wenn man zurückblickt, gibt es einige Jungs, die jetzt Weltmeister sind und sich nach heutigen Spielregeln nicht qualifiziert hätten", sagte McLaren-Boss Zak Brown. "Colton hat für uns einen tollen Job gemacht. Der Kerl ist bereit für die Formel 1."

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Meint auch der letzte US-Weltmeister. Mario Andretti, 1978 Champion, sieht in Herta seinen legitimen Nachfolger. "Wenn ich ihn sehe, dann sehe ich mich selbst", sagte er "F1-Insider". "Du kannst niemandem beibringen, schnell zu sein. Das hast du entweder in dir oder nicht. Gute Fahrer gibt es einige, großartige auch – und dann gibt es da die Racer. Das sind die, die es wirklich haben. Und er ist ein Racer."

Das sind andere allerdings auch, das Geschäft ist da wenig sentimental. AlphaTauri erwägt nun die Verpflichtung von Nyck de Vries, der zuletzt in Monza im Williams einen starken neunten Platz herausfuhr. Für Herta ist die Tür vorerst zu – und der Hype-Train fährt erst einmal ohne ihn weiter.

Verwendete Quellen:

  • f1-insider.com: "Hooligan" Herta: Das ist der US-Verstappen
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