Der neue US-Präsident Joe Biden muss ein tief verwundetes Amerika wieder aufrichten. Er ist dafür geradezu prädestiniert. Denn sein eigenes Leben ist eine unglaubliche Kette von Tragödien, die er tapfer bewältigt hat.

Wolfram Weimer
Eine Kolumne
von Wolfram Weimer
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Die letzte Ölung hat Joe Biden schon erhalten. Das war im Februar 1988 während des Wahlkampfs um die damalige Präsidentschaftskandidatur (so lange versucht er es schon).

In einem Hotelzimmer erleidet er einen Hirnschlag. Mit Mühe kann er einen letzten Notruf absetzen, wird durch einen Schneesturm ins Krankenhaus geschafft, wo die Ärzte ein Aneurysma im Gehirn feststellen.

Seine Überlebenschance ist so gering, dass für den gläubigen Katholiken ein Priester herbei gerufen wird. Der kommt noch vor der Ehefrau ans vermeintliche Sterbebett und erteilt das letzte Sakrament.

Joe Biden: Ein Mann der zweiten Chancen

Eine Notoperation wird anberaumt, doch der leitende Chirurg warnt, dass Biden - selbst wenn er überleben sollte - mindestens sein Sprachvermögen verlieren dürfte. Es folgt eine zweite Operation, ein zweites Aneurysma, jede Menge Komplikationen, Monate nur Krankenhaus und Reha. Die Präsidentschaftskandidatur ist vorbei. Das Leben kann er retten.

Es vergehen sieben Monaten, bis er wieder gehen kann. Sein Leibarzt, der die Genesung kaum für möglich gehalten hat, sagt ihm in den dunkelsten Stunden: "Sie sind ein Mann mit Glück". Und als Joe Biden das erste Mal wieder vor Publikum redet, bedankt er sich bei allen, denn das Leben habe ihm "eine zweite Chance" gegeben.

Dieses Schlüsselerlebnis wird zum Muster seines Lebens. Joe Biden hat grausame private Katastrophen erleiden müssen und zugleich immer wieder unglaubliche Comebacks erreicht. Dass in der dunkelsten Stunde der Nacht ein neuer Tag beginnt, hat Biden in seinem Leben häufig erlebt und zu einem Spezialisten für Trost, für Wiederauferstehungen, für "zweite Chancen" gemacht.

Biden ist darum ein Glücksfall für die jetzige Lage der USA. Ein tief verwundetes, gespaltenes Land mit mehr als 400.000 Corona-Toten, einer tiefen Wirtschaftskrise und der weltpolitischen Schmach des dröhnenden Trumpismus will geheilt werden.

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Als Kind war Joe Biden ein Stotterer

Schmach überwinden musste Biden schon als Kind. Er war zehn Jahre alt als sein Vater arbeitslos wurde und hernach Heizkessel reinigte und später Autos verkaufte.

Der junge Joe litt unter extremem Stottern, wurde in der Schule als "Behinderten-Joe" verschmäht. Er musste das Reden zeitlebens hart trainieren - und ist doch ein Redner auf der Weltbühne geworden.

Der Kongressabgeordnete Steve Solarz erzählte, wie er einmal spätabends den Senat besuchte und im leeren Saal einen einzelnen Mann vorfand: "Der Mann hielt eine Rede, als befände er sich im Kolosseum von Rom. Es war Joe Biden. Dieser Mann trainierte tatsächlich, er trainierte wie ein Tennisprofi."

Doch es kam noch dicker. Am Nachmittag des 18. Dezembers 1972 raste ein mit Maiskolben beladener Lastwagen in den Chevrolet-Kombi seiner Familie. Seine Frau Neilia und seine einjährige Tochter Naomi starben, seine beiden Söhne Hunter und Beau (zwei und drei Jahre alt) kamen schwerverletzt ins Krankenhaus. Biden musste seinen ersten Senatoren-Amtseid als junger Witwer am Krankenbett seiner Söhne ableisten. Seine Welt lag in Scherben, er dachte an Suizid.

Seine Schwester berichtet später: "Die Jungs hatten ihre Mutter und ihre Schwester verloren. Sie durften nicht auch noch den Vater verlieren. Und deshalb quälte er sich morgens aus dem Bett. Biden entwickelte eine Bewältigungsstrategie in der Katastrophe zur Zähmung der inneren Qual. Er legte sich Stift und Block neben sein Bett und gab jedem Tag eine Note zwischen eins und zehn, um kleine Fortschritte zu registrieren, die ihm dann wiederum Hoffnung machten. Er lernte es, großem Schmerz große Widerstandskraft entgegenzusetzen."

2015 erlitt Biden die jüngste Familientragödie. Eigentlich wollte er als Nachfolger von Obama als Präsidentschaftskandidat antreten, doch dann erkrankte sein geliebter Sohn Beau im Alter von nur 46 Jahren an einem Gehirntumor und starb einen grausamen Krebstod.

Biden schrieb am 30. Mai verzweifelt in sein Tagebuch: "Es ist passiert. Mein Gott, mein Junge. Mein wunderbarer Junge." Sein anderer Sohn Hunter versank in Drogen- und Alkoholexzessen und produzierte serienweise Skandale.

Ted Kaufman: "Joe Biden ist der glücklichste und unglücklichste Mensch, den ich kenne"

Biden überstand alles schwer verwundet, aber mit großer Würde. Und er zog aus jeder Krise auch Kraft für Neues.

Bidens alter Weggefährte Ted Kaufman (er leitet das Regierungs-Übergangsteam) beschreibt die unglaubliche Verschränkung von Tragik und Glück beim neuen Präsidenten so: "Wenn Sie mich fragen, wer der unglücklichste Mensch ist, den ich persönlich kenne und dem einfach furchtbare Dinge passieren, dann würde ich sagen, Joe Biden. Und wenn Sie mich fragen, wer der glücklichste Mensch ist, den ich persönlich kenne und dem Dinge passieren, die einfach absolut unglaublich sind, würde ich sagen, Joe Biden."

Das Politisch-Arrogante ist Biden in den blutenden Wunden seines Lebens jedenfalls völlig ausgewaschen worden. Er verkörpert die seltene, beinahe altmodische Tugend der Demut.

Würde und Demut sind zwei Kategorien, die so weit von Donald Trump entfernt sind wie Wasser und Feuer. Und so dürfte die neue Präsidentschaft vor allem in ihrem habituellen und moralischen Kern ganz anders, neu und besser werden.

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In den USA wird zuweilen geunkt, ein hochbetagter politischer Dinosaurier wie Biden könne keinen echten Neubeginn verkörpern. Tatsächlich wird er der älteste gewählte Präsident der Geschichte, er gehörte von 1973 bis 2009 als Vertreter von Delaware dem US-Senat an. Von 2009 bis 2017 war er unter Präsident Barack Obama der 47. US-Vizepräsident.

Biden hat fünf Jahrzehnte im Mahlwerk Washingtons verbracht. Kann so einer für einen Neubeginn Amerikas nach Donald Trump stehen? Der Biden-Biograf Evan Osnos kommt zum Schluss: "Joe Bidens Leben ist so volle Fehler und Reue und furchtbaren persönlichen Verlusten. Als Präsident ist er genau der richtige Mann, um ein trauerndes Volk zu trösten und zu heilen."

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