Die ukrainische Armee gewinnt eine Schlacht nach der anderen. Dahinter steht ein Oberkommandeur, der zum Nationalheld der Ukraine heranwächst. Er trickst die russischen Invasoren immer wieder aus und treibt mit seiner verblüffenden Gegenoffensive die russischen Invasoren vor sich her.

Dr. Wolfram Weimer
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Wolfram Weimer dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Vor drei Wochen der Ballungsraum Charkiw, vor zwei Wochen Kupjansk, letzte Woche Isjum, diese Woche Lyman. Die Gegenoffensive der ukrainischen Armee meldet eine Eroberung nach der anderen. Binnen vier Wochen ist eine Fläche von der doppelten Größe des Saarlandes befreit worden.

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"Unsere Truppen bleiben in Bewegung", kündigt Präsident Wolodymyr Selenskyj nun selbstbewusst an. Die Ukrainer wollen so schnell wie möglich so viel Land wie irgend geht zurückerobern, bevor die Massenmobilisierung der Russen an der Front spürbar wird. An mehreren Frontabschnitten im Osten überraschen die Ukrainer daher die russischen Invasoren, die eigentlich den Gegenangriff im Süden erwartet hatten.

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Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj avanciert zum Volkshelden

Hinter dem Coup der ukrainischen Armee steht ein schlauer General, der die Russen mit allerlei Bluffs nun schon seit Monaten zur Verzweiflung treibt. Der 49-jährige Walerij Saluschnyj ist Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee und avanciert zusehends zum Volkshelden in der Ukraine.

Saluschnyj war es schon zu Beginn des Krieges, der die russischen Invasionstruppen nicht direkt an der Grenze stoppen wollte, sondern sie - wie weiland General Kutusow bei Napoleons Russlandinvasion - erst einmal ins Land vorstoßen ließ, die Nachschublinien strecken ließ und sie dann gezielt attackierte. In einem Interview mit der "Time" berichtet der General nun, wie die Ukraine mit einem geschickten Ablenkungsmanöver damals die entscheidende Wende vollziehen konnte.

So isolierte er die russischen Panzerverbände und zermürbte sie dann mit massenhaften Guerilla-Angriffen und Drohnengeschwadern. Als Russland auf heftigen Widerstand stieß oder sich nicht mehr mit Nachschub versorgen konnte, habe Putin stur seine Strategie beibehalten: "Sie haben ihre Soldaten einfach ins Gemetzel getrieben", sagt Saluschnyj im "Time"- Interview. Putins starre Strategie sei den Ukrainern zugutegekommen.

Auch dem jetzigen Gegenangriff bei Charkiw ging ein Bluff voraus, da Saluschnyj die Russen glauben machte, man werde vor allem im Süden bei Cherson angreifen und sie so zu Umgruppierungen lockte. Tatsächlich wählte er dann den Angriff an der Flanke, die nun entblößt war und in deren Rücken der breite Fluss Oskil keinen russischen Nachschub ermöglichte.

Saluschnyj nutzt gezielt die westlichen Geheimdienstinformationen für seine Überraschungsangriffe. Er wählt dabei genaue jene Stellen aus, die von den Russen gerade unterbesetzt sind. Ihm helfen insbesondere die Satelliten-Aufklärungsdaten der Amerikaner. Moderne westliche Waffensysteme hat er schon früh in seine Kampfführung integriert.

Vor allem hat er auf massenhafte Panzerabwehrraketen gesetzt und die Ausbildung daran zu einem zentralen Stück seiner Kriegsvorbereitung gemacht. Das sollte sich im Moment der russischen Panzer-Invasion auszahlen. "Der Feind muss auch gut verstehen: Wir haben genug Panzerabwehrwaffen," warnte er die Russen schon zu Jahresbeginn ebenso lakonisch wie selbstbewusst.

Ukrainische Truppen beherrschen inzwischen mehr als 300 Nato-Standards

Saluschnyj hat die ukrainische Armee vor Kriegsausbruch immer wieder in Manöver mit Nato-Partnern geschickt, er hält zu britischen und amerikanischen Generälen persönlich engen Kontakt. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur "ukrinform" sagte er stolz, seine Soldaten beherrschten inzwischen mehr als 300 Nato-Standards. "Ich möchte niemanden kritisieren, aber meines Wissens beherrschten eine solche Menge an Standards nicht alle Streitkräfte der europäischen Länder, die bereits Mitglieder des Bündnisses sind."

Im Januar wurde Saluschnyj in Brüssel gefragt, ob er angesichts der russischen Übermacht nicht besorgt sei. Saluschnyj antwortete, dass er schon besorgt war, "aber nur einmal, im Jahr 2014, als ich zum ersten Mal ein Maschinengewehr und eine kugelsichere Weste erhielt und nach der Annexion der Krim in den Krieg zog". Danach "war nur noch Arbeit".

Kurz vor Kriegsausbruch ließ er aufhorchen. Man werde die Russen empfangen, sagte er, "nicht mit Blumen, sondern mit Panzer- und Flugabwehrraketen". Und fügte knapp hinzu: "Willkommen in der Hölle." Sein zur Schau getragenes Selbstbewusstsein klang anfangs wie Propaganda, inzwischen unterschätzt ihn niemand mehr.

Dass die ukrainischen Truppen nicht nur eine heldenhafte Kampfmoral zeigen, sondern - anders als die schwerfällige russische Armee - auch taktisch flink-flexibel reagieren und westliche Waffen geschickt einsetzen, ist Saluschnyjs Werk. Der General ist der erste ukrainische Oberbefehlshaber, der nicht mehr in der Sowjetunion ausgebildet wurde. Er verkörpert die tiefgreifende Reform des ukrainischen Militärs seit 2014.

Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, den Offizieren im Feld mehr Autonomie zuzugestehen, er ordnete gewissermaßen eine Demokratisierung an und erlaubte Soldaten an der Front ohne Rücksprache mit der obersten Führung, das Feuer erwidern können. Saluschnyj entwickelte zugleich ein Partisanenkonzept, das flexiblen Widerstand auch hinter den feindlichen Linien organisiert, das die Zivilbevölkerung im Widerstand mit einbezieht, das den modernen Drohneneinsatz systematisch betreibt.

"Der General hat aus einer alten Sowjetblockarmee eine quirlige, dezentrale, digital gerüstete Überraschungstruppe formiert. Es ist, als ob eine Telefonzelle gegen moderne Handys antritt", analysieren Militärexperten. In einem Interview sagte Saluschnyj einmal: "Wir wollen weg von Landkarten und dem Schreiben von Schlachtbefehlen wie 1943." Die Ironie der Geschichte besteht nun darin, dass er jetzt gegen einen Feind kämpft, der mehr nach 1943 aussieht als nach 2022.

Abschluss mit Auszeichnung an der Militärakademie in Odessa

Als Saluschnyj 1989 in der Kleinstadt Nowohrad-Wolynskyj westlich von Kiew die Schule beendete, gehörte die Ukraine noch zur Sowjetunion. In dieser Zeit des Umbruches trat er in die Fußstapfen seines Vaters, ebenfalls ein Berufsoffizier. Er besuchte die prestigeträchtige Militärakademie in Odessa und schloss 1997 die Offiziersausbildung der Bodentruppen mit Auszeichnung ab.

Ab 2014 diente Saluschnyj fast ohne Unterbrechung in der umkämpften Region Donezk. Er befehligte eine Brigade, die bei Debalzewe einige der blutigsten Gefechte des Krieges mit vielen ukrainischen Gefallenen erleiden musste.

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Als er 2017 zum Generalmajor befördert wurde, blieb er bewusst an der ostukrainischen Front. Er kennt dort jeden Wassergraben und genießt, gerade weil er selbst furchtlos und kampferprobt ist, höchstes Ansehen in der Truppe. "Ich bin stolz und dankbar für jeden ukrainischen Soldaten. Es ist eine Ehre für mich, Seite an Seite mit Ihnen zu kämpfen", schreibt Saluschnyj nun über die sozialen Medien.

Mittlerweile ist Saluschnyj nicht nur aus Sicht der Soldaten ein Vorbild, sondern auch für die Mehrheit der Ukrainer ein nationaler Held. Viele trauen dem populären General sogar zu, auf den derzeitigen Regierungschef Wolodymyr Selenskyj irgendwann nach Ende des Kriegs zu folgen - vor allem, falls die Gegenoffensive am Ende sogar in einem Sieg über Russland gipfeln sollte.

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