Eine selbstbewusste Klima-Aktivistin und eine hartnäckige Unternehmerin setzen Bundeswirtschaftsminister Altmaier zu: Bei Frank Plasberg wird unterhaltsam und anschaulich über die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie diskutiert.

Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch

Am Samstag war Sarah Stücker das letzte Mal auf dem Spargelfeld. Sechs Kilo grünen Spargel hat sie dort gestochen, obwohl die Unternehmerin eigentlich die Veranstaltungstechnik auf Messen organisiert. Wie so viele Branchen ist aber auch das Eventmanagement derzeit durch die Coronakrise zum Stillstand gekommen. Am Montagabend sitzt Sarah Stücker daher im Fernsehstudio bei "Hart aber fair" – ihre Geschichte bildet die Klammer einer ernsten, aufschlussreichen und gleichzeitig unterhaltsamen Diskussion zum Thema "Der Schock danach - wie kommt die Wirtschaft aus der Corona-Starre?".

Wer sind die Gäste bei "Hart aber fair"?

Peter Altmaier: Man müsse jetzt schnell die Wirtschaft wieder in Gang bringen, betont der CDU-Politiker mehrmals. Eine staatliche Kaufprämie für Autos will er nicht gänzlich ausschließen: "Weil ich möchte, dass Schlüsselindustrien in Deutschland auch in Zukunft Arbeitnehmer beschäftigen können", sagt der Bundeswirtschaftsminister.

Sarah Stücker: Wie soll die Autoindustrie in Zukunft ihre Modelle verkaufen, wenn es keine Messen mehr gibt, fragt die Inhaberin eines Unternehmens für Veranstaltungstechnik. Wann es für ihre Branche wieder Arbeit gibt, weiß sie nicht. "Wenn mir das Arbeiten untersagt wird, muss der Staat dafür geradestehen, dass ich diese Zeit irgendwie überbrücken kann."

Katja Kipping: Die Co-Vorsitzende der Linken kritisiert große Unternehmen wie den Online-Handelsriesen Amazon: Die würden gerade von der Krise profitieren, aber beim Infektionsschutz ihrer Mitarbeiter schlampen. "Das ist kein Kavaliersdelikt, da muss hart durchgegriffen werden", fordert Kipping.

Carla Reemtsma: Die Klima-Aktivistin der "Fridays for Future"-Bewegung gehört zu einer Generation, die mit den möglichen Staatsschulden durch die Coronakrise noch lange zu kämpfen haben wird. Konjunkturhilfen müssten sozial und nachhaltig gestaltet werden, fordert die Wirtschaftsstudentin. "Da sieht man aber noch gar nichts."

Thomas Meyer: Der Vizepräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) hält wenig davon, jetzt über Konsumgutscheine oder andere Ideen für die Unterstützung des Einzelhandels zu streiten. Die Wirkung der gerade beschlossenen Maßnahmen müsse man jetzt zunächst einmal abwarten.

Was ist der Moment des Abends?

Fünf Minuten reichen, um eine erneute staatliche "Abwrackprämie" für den Kauf eines Neuwagens zu zerreden. Mit dieser Idee war unter anderem der Chef des VW-Konzerns an die Öffentlichkeit gegangen, um die deutsche Schlüsselbranche zu unterstützen.

Für eine solche Prämie habe der Staat schon in der Finanzkrise fünf Milliarden Euro ausgegeben. Gebracht habe es aber nichts, sagt Linken-Chefin Katja Kipping: "Das war lediglich ein wirtschaftspolitisches Strohfeuer." Deutlich wird auch Klima-Aktivistin Carla Reemtsma: "Das wäre der absolute Tiefpunkt einer sowieso schon miserablen Verkehrspolitik dieser Bundesregierung." Selbst Industriefunktionär Thomas Meyer ist skeptisch: Die Nachfrage nach modernen und sauberen Autos könne man auch ausbauen, indem der Staat zum Beispiel in die Ladeinfrastruktur für Elektroautos investiere.

Bei so viel Gegenwind hat offenbar auch der Wirtschaftsminister keine Lust mehr, die Idee entschieden zu verteidigen: Es werde "keine isolierte Maßnahme" für die Autobranche geben, sagt er. "Das wäre auch mit dem Gerechtigkeitsempfinden nicht zu vereinbaren."

Was ist das Rededuell des Abends?

Die Unternehmerin Sarah Stücker knöpft sich Peter Altmaier vor. "In unserer Branche ist gerade Totalstillstand, da passiert gar nichts", sagt sie über die Veranstaltungswirtschaft. Der Minister verspricht zwar, dass es für die Unterstützungsmaßnahmen für kleine Unternehmen ein Anschlussprogramm geben soll. Stücker reicht dieses Versprechen aber nicht. Für sie klinge das so: "Wir schieben euch mal weiter beiseite, das ist gerade nicht relevant."

Peter Altmaier hält dagegen: Für kleinere Unternehmen wie das von Stücker habe man bisher schon zwölf Milliarden Euro ausgezahlt – Altmaier zufolge eine einmalige Aktion in der deutschen Geschichte. Das große Aber: "Wir können nicht ausgefallene Umsätze ersetzen. Das Geld hat kein Land der Welt."

Wie hat sich Frank Plasberg geschlagen?

Der Moderator findet eine gute Balance: Er lässt den Gästen Zeit, zu reden, geht aber entschlossen dazwischen, wenn ihm eine Antwort nicht konkret genug erscheint.

Etwas übertrieben wirkt dagegen ein Versuch, den redenden Wirtschaftsminister zum Schweigen zu bringen: Peter Altmaier ist als einziger nicht im Studio, sondern wird auf einen Bildschirm auf einem Stehtisch zugeschaltet. Die Kontaktbeschränkungen würden da nicht gelten, sagt Plasberg und neigt sich drohend zum Bildschirm, als Altmaier nicht mit dem Reden aufhören will: "Ich kann Ihnen sehr nahe kommen."

Das kann man albern finden – aber immerhin sorgt der Moderator für einen lockeren Moment in einer Sendung, in der vor allem deprimierende Zahlen im Mittelpunkt stehen.

Was ist das Ergebnis bei "Hart aber fair"?

Es geht um die großen wirtschaftlichen Probleme und Herausforderungen, ohne dass Verschwörungstheorien bemüht werden. Es wird diskutiert und trotzdem sind sich die Gäste bei einigen entscheidenden Themen mehr oder weniger einig. Peter Altmaier zum Beispiel stellt klar: "Ich werde nicht daran mitwirken, dass wir staatliche Gelder für die Rettung von Unternehmen aufwenden, die in irgendeiner Weise Dividenden zahlen."

Frank Plasberg beweist, dass man im Corona-Einerlei noch spannende Talkshows über die Bühne bringen kann. Das ist nicht zuletzt der Verdienst der drei Gäste, die keine Politiker sind: Ihre Gesichter dürften für die meisten Zuschauer neu sein – dementsprechend abwechslungsreich ist die Sendung.

Über die trüben Aussichten täuscht aber auch das nicht hinweg. Einen Ausweg aus der Wirtschaftsmisere kann niemand aufzeigen. Wenn der Bundeswirtschaftsminister verspricht, man werde sich auch die Lage von Gastronomie und Reisebranche "sehr genau anschauen müssen", dann klingt das schmerzhaft unkonkret.

Und Sarah Stücker? Die Eventmanagerin wird am Dienstag wieder auf dem Spargelfeld stehen. Zur Spätschicht.

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