Olaf Scholz wird ein Bundeskanzler hanseatischer Sachlichkeit. Wo bleiben Charisma und Gefühl, Fantasie und Humor, fragen seine Kritiker. Doch Scholz hat ein anderes, heimliches Repertoire an Stärken, das man nicht unterschätzen sollte.

Dr. Wolfram Weimer
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Olaf Scholz ist der neunte Kanzler der Bundesrepublik. Doch keiner der acht zuvor kam so spröde daher wie er. Nicht einmal Angela Merkel, jenes aus dem protestantischen Klinkerbau erwachsene Naturell norddeutscher Kühle, Rationalität und Bescheidenheit.

Scholz übertrifft seine Vorgängerin noch an Nüchternheit, sein technokratisches Sprechen hat ihn sogar zum viel zitierten "Scholzomaten" werden lassen, die "New York Times" brachte gar das böse Etikett vom "größten Langeweiler" in Umlauf und ließ einen Diplomaten verkünden, es sei "aufregender, einem Topf kochendem Wasser zuzuschauen" als ihm.

Medien sehen Olaf Scholz' Aufbruchstimmung kritisch

Der 63 Jahre alte gebürtige Osnabrücker wirkt tatsächlich zuweilen wie ein Anästhesist der Macht. In seiner eigenen Partei, deren vierter Kanzler er nun nach Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder wird, haben sie ihn darum zwar respektiert, aber nie geliebt. Lange wurde er vom linken Flügel seiner Partei sogar "Schrödermann", "Agenda-Freund" (was im SPD-Sprech so viel heißt wie: kalter Kapitalist) und als "die zu Fleisch gewordene Große Koalition" verhöhnt.

Und auch jetzt, da er der Sozialdemokratie auf wundersame Weise die nicht mehr für möglich gehaltene Rückkehr ins Kanzleramt ermöglicht, näselt das linke Milieu an seiner neuen FDP-Kumpanei und fehlenden Sozi-Leidenschaft herum. Die ansonsten SPD-freundliche "Frankfurter Rundschau" kritisiert: "Olaf Scholz vermittelt keine Aufbruchsstimmung. Seine Rhetorik ist alles andere als ein guter Einstieg in die Zukunft." Die linke "taz" findet ihn "graustichig", "unauffällig" und prophezeit ihm schon mal: "Kein souveräner Start."

Ich sehe das anders und habe Scholz bereits vor zwei Jahren die Kanzlerschaft vorausgesagt - nicht obwohl, sondern gerade weil er so spröde-seriös-mittig ist. Scholz hat drei latente Stärken, die seine linken wie rechten Kritiker gerne unterschätzen.

Drei Stärken, die Olaf Scholz als Kanzler erfolgreich machen können

Erstens verfügt Scholz über enorme Steher- und Nehmerqualitäten. Er wurde immer wieder politisch abgeschrieben, gedemütigt und abgewählt, und doch blieb er stolz stehen und verteidigte zäh seine Positionen, machtpolitisch wie inhaltlich. Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen, scheint die Devise seines Durchhaltevermögens zu sein. Die eigene Partei wollte ihn nicht als Vorsitzenden, die Umfragen verwiesen ihn monatelang ins Abseits, Medien verhöhnten ihn, Skandale erschütterten sein Image, vor Jahresfrist noch schien er der Absteiger des Jahres 2021 zu werden. Doch Olaf Scholz ist einer, der sich nicht beirren lässt, ganz nach der Humboldt'schen Losung: Man darf das Ziel auch am Rande des Abgrunds nicht aufgeben. Kurzum: Olaf Scholz ist ein Meister der Resilienz.

Zweitens nutzt Scholz die scheinbare Schwäche seines fehlenden Temperaments clever aus. Er lässt seine Gegner mit seiner trockenen Grundruhe gerne ins Leere laufen. Scholz ist Stoiker und folgt dem Rat Marc Aurels: "Die beste Reaktion auf Wut ist Schweigen". Scholz braucht Drama und Rampenlicht weniger als viele andere Spitzenpolitiker. Er kann gut aus dem Hintergrund heraus agieren. Mit seiner hanseatischen Zurückhaltung verkörpert er damit ein unterschätztes Gut politischer Wirkmacht: Ruhe und Gelassenheit. Gerade in aufgeregten Zeiten wird das diskret Balancierte zu einer Qualität. Je lauter das Geschrei der gesellschaftlichen Polarisierung erschallt, desto eher wird leise Souveränität zur autonomen Kraft. Sein buddhistisches Lächeln ist daher durchaus eine politische Waffe. Anders gesagt: In der Ruhe liegt seine Kraft.

Drittens verfügt Scholz über einen guten Instinkt für die politische Mitte. Er hat schon vor Jahren als Erster Bürgermeister erkannt, dass erfolgreiche Politiker die gesellschaftliche Mitte verkörpern sollten. Er hat von Helmut Schmidt und Angela Merkel gelernt, dass Mitte Macht bedeutet - diese Macht aber auf Ausgleich basiert. Die Mitteneigung wird ihm helfen, die heikle Koalition mit Grünen und FDP auszubalancieren. Scholz arbeitet wie ein Makler des Machbaren und setzt auf pragmatische, seriöse Lösungswege. Politische Seriosität ist eine unterschätzte Kategorie, von der schon Wolfgang Schäuble jahrelang zehrte. Olaf Scholz macht es ihm nun nach. Er ist ein Ingenieur der Macht, verspricht keine blühenden Landschaften, sondern sucht lieber nach einem Handwerker für die Beregnungsanlage.

Die drei Tugenden Resilienz, Ruhe und Macherpragmatismus wird Scholz als Kanzler dringend brauchen. Denn diese Ampelregierung erfordert gerade keinen Basta-Kanzler wie Gerhard Schröder, keine zentrale Wucht-Autorität wie Helmut Kohl und auch keine Machtautonome wie Angela Merkel.

Scholz muss sich viel mehr zurücknehmen als seine Vorgänger, er muss die erste Dreierkoalition balancieren, er muss mit Robert Habeck und Christian Lindner zwei Charismatiker aushalten, die ihn in den Schatten stellen können. Nie war die Kanzlerpartei so klein, die Koalitionäre so stark. Obendrein startet seine Kanzlerschaft mitten in einer Pandemie. Scholz wird seine drei heimlichen Stärken also unheimlich stark nutzen müssen.

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