Aachens Gesundheitsdezernent Michael Ziemons warnt bei Maybrit Illner davor, Corona-Patienten zu stigmatisieren. "Wenn plötzlich ein Nachbar betroffen ist, ändert sich die Stimmung." Kanzleramtsminister Helge Braun warnt nochmals eindrücklich davor, mit den Verwandten Ostern zu feiern.

Eine Kritik
von Frank Heindl

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"Testen, Tracken, Impfen – Wettlauf gegen die Zeit": Bei Maybrit Illner wurde am Donnerstagabend eine Abschätzung versucht, wie und wann wir bei der Corona-Bekämpfung Ergebnisse sehen werden.

Dazu machten die Studiogäste gewissermaßen Inventur: Welche Instrumente haben wir, welche brauchen wir, was nützen sie. Und wo stehen wir eigentlich momentan?

Der Moderatorin Maybrit Illner saßen – natürlich in gehörigem Sicherheitsabstand – fünf Gäste gegenüber.

Das sind die Gäste bei Maybrit Illner

  • Die Virologin Melanie Brinkmann leitet eine Forschungsgruppe am Braunschweiger Zentrum für Infektionsforschung.
  • Kanzleramtsminister Helge Braun strahlt Ruhe aus und hat sich sichtlich vorgenommen, durch besonnenes Auftreten für Vertrauen in die Krisenbewältigung der Regierung zu sorgen. Das gelingt ihm.
  • Michael Ziemons ist ein "Macher vor Ort". Der Aachener Gesundheitsdezernent hat bisher mit 1.100 Infizierten zu tun.
  • Dirk Brockmann leitet eine Forschungsgruppe am Robert-Koch-Institut, die sich mit der "Modellierung" der Corona-Krise befasst – es geht dabei um die Auswertung von Daten und die Abschätzung des Verlaufs der Infektions- und Krankheitsverbreitung.
  • Christiane Woopen ist Vorsitzende des Europäischen Ethikrats.

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Das sind die Kern-Aussagen der Gäste

Melanie Brinkmann

"Man kann noch nichts sagen" und "Es ist viel in Bewegung." Brinkmann plädiert für geduldige Erforschung des Virus und gibt zu, dass das Zeit braucht.

Von den etwa 50 Ansätzen, die derzeit nach Impfstoffen gegen das Virus suchen, werde "hoffentlich einer funktionieren".

Wohl erst in zwei Monaten könne man sagen, "wie die Studien laufen". Und auch bis zum Herbst, fürchtet sie, werde es eher noch keinen Impfstoff gegen Corona geben.

Und dann fällt ein mutiger Satz: "Nach Absprache mit unseren Experten", so Brinkmann, würde sie sich auch selbst als Versuchsperson zur Verfügung stellen, wenn ein neuer Impfstoff testreif sei.

Helge Braun

"Verlangsamung geht langsam". Braun plädiert für geduldiges Aussitzen der verhängten Kontaktbeschränkungen, bis die Ansteckungsraten sinken – bitte noch keine Verwandtenbesuche an den Osterfeiertagen!

Ein zweiter Kernsatz: "Man kann nicht das Tragen von Masken vorschreiben, wenn man keine hat." Die vorrätigen Mund-Nasen-Masken der Qualität FFP2 und FFP3 müssten denjenigen vorbehalten sein, die mit Infizierten, Kranken und Risikogruppen arbeiten.

Statt staatlicher Vorschriften findet Braun auch Selbernähen okay. Er empfiehlt Erklärvideos im Internet für die Eigenproduktion und dafür, wie man Masken richtig trägt.

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Michael Ziemons

"Aus Zahlen werden Gesichter". Nach 21 Todesfällen in seinem Bereich geht Ziemons davon aus, dass Corona "in den Köpfen angekommen" sei: "Jeder in der Region" kenne jetzt einen Betroffenen – "die Stimmung ändert sich, wenn ein Nachbar infiziert ist."

Zentrale Anliegen von Ziemons: Transparentes öffentliches Handeln, die Bevölkerung zu jedem Zeitpunkt ehrlich zu informieren. Nur so könne man erreichen, dass die Menschen in einen Impfstoff vertrauen, der hoffentlich bald zur Verfügung stehe. Und mehr Personal für die Gesundheitsämter.

Ziemons macht sich Sorgen, dass demnächst von einer Handy-App oder per SMS erfahren könnten, dass sie mit einem Infizierten Kontakt hatten. "Wir dürfen Infizierte nicht behandeln, als hätten sie Aussatz."

Auf eine elektronische Information müsse unbedingt sehr schnell ein telefonisches, persönliches Gespräch folgen, man müsse mit den Betroffenen "vorsichtig und sensibel" umgehen.

Dirk Brockmann

Sein zentraler Satz fällt auf die Frage von Maybrit Illner, ob er beziffern könne, was die bisherigen Maßnahmen gebracht hätten: "Schön wär's", antwortet Brockmann trocken. Sein Problem ist dasselbe, das momentan alle Corona-Forscher bedrückt: sie wissen zu wenig.

Brockmann setzt Hoffnungen auf mehr Tests, auf repräsentative Untersuchungen und auf das so genannte "Contact Tracing" per Handy-App, das mehr Aufschluss darüber bringen könnte, wie viele Menschen sich bei welchen Kontakten anstecken. "Alles, was Daten liefert, ist gut", sagt Brockmann.

Er konstatiert, dass sich in vielen Ländern und auch in Deutschland die Ansteckungszahlen momentan möglicherweise auf einem "Plateau" befänden. Allerdings wisse man nicht, ob es nach diesem Plateau wieder nach unten oder doch noch weiter nach oben gehen werde.

Christiane Woopen

Ihr zentraler Satz fällt auf die merkwürdige Frage der Moderatorin, ob sie den Menschen eine öffentliche Debatte über die freiheitsbeschränkenden Maßnahmen gegen Corona "zutraue". "Sie brauchen das!", antwortet Woopen entschieden.

Anschließend drängt sie aber nicht auf eine schnelle Aufhebung von Kontaktsperre-Maßnahmen und Ausgehverboten. Stattdessen fordert sie transparente Verfahren und Kriterien, die dabei helfen, die Maßnahmen der Regierung zu verstehen und auf deren Wirksamkeit zu vertrauen.

Die Einschränkung des wichtigsten Gutes, nämlich der Freiheit, könne man vorübergehend hinnehmen, weil es um eine Abwägung gehe zwischen Sicherheit und Freiheit, zwischen Gesundheit und Existenzgefährdung.

Wichtig sei es auch, die jeweilige gesellschaftliche Situation nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Kontaktverbote haben nicht nur die positive Wirkung, die Corona-Ausbreitung einzudämmen – sie können beispielsweise auch zu Suizidgefährdung oder zu familiärer Gewalt führen. Es müsse aber jederzeit sicher sein, dass alle Freiheiten so bald wie möglich reaktiviert würden.

Das ist das Ergebnis

Illners Inventur fiel angemessen differenziert, aber auch ernüchternd aus. Es fehlt bei der Corona-Bekämpfung an allem: An Daten und Personal, an Masken, Impfstoffen, verlässlichen Tests.

Gut, dass die Gäste trotzdem sehr lösungsorientiert argumentierten und vom Willen zum Krisenmanagement im Konsens getragen wurden.

Schade allerdings, dass es in den 60 Talkminuten zu keinem einzigen Gespräch zwischen den Gästen kam – Illner veranstaltete eine reine Frage-und-Antwort-Stunde, beendete regelmäßig Gästeantworten mit "ja, klar" und hetzte zur nächsten Frage. Ein bisschen mehr Kommunikationsbereitschaft hätte gerade im Angesicht des Themas gutgetan.

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