Warum ist Deutschland so attraktiv für das organisierte Verbrechen? Diese Frage stellt sich nach dem bundesweiten Schlag gegen die italienische Mafia. Lockt das viele Bargeld in Deutschland kriminelle Organisationen an? Experten erklären, warum sich Mafiosi hierzulande so wohlfühlen.

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Deutschland ist ein attraktiver Wirtschaftsraum. Das gilt offensichtlich auch für das organisierte Verbrechen. Dies zeigt sich nach der EU-weiten Razzia gegen die Mafia-Organisation 'Ndrangheta.

"Deutschland ist ein Wirtschaftsraum, wo Geld investieren sich lohnt", sagte dazu der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Dabei macht er unter anderem die verbreitete Nutzung von Bargeld als Problem aus. "Geldwäsche ist leichter, wenn es viel Bargeld auszugeben gibt", so Reul.

Dem stimmt auch Strafrechtswissenschaftler Arndt Sinn zu. "Bargeld ist anonym und kriminelle Akteure mögen Anonymität", erklärt Sinn. "Sie wollen sich abschotten und im Verdeckten agieren. Dabei spielt Bargeld eine entscheidende Rolle."

Das Problem ist längst bekannt. So bestätigt ein Sprecher des Bundeskriminalamts: "Bargeld ist und bleibt als anonymes Zahlungsmittel relevant für die Geldwäsche. Durch die Stellung als gesetzliches Zahlungsmittel in Kombination mit der Tatsache, dass es aufgrund seiner Anonymität Spuren vermeidet, ist es optimal für Geldwäschezwecke geeignet." Eine Tatsache, die auch in der nationalen Risikoanalyse bestätigt wird.

50 Milliarden Euro Schwarzgeld: Ist Deutschland ein Paradies für die Mafia?

Lockt also das viele Bargeld Kriminelle regelrecht an? So weit will Sinn nicht gehen. Wohl sieht er es aber als einen von mehreren Faktoren, die attraktiv für kriminelle Strukturen sein können. "Deutschland hat durch seine geografische Lage und durch seinen Wohlstand bestimmte Faktoren, die Kriminelle anziehen. Wir sind ein sicheres Land, wo man gut lebt und wo man gut Geld ausgeben kann."

Das sieht auch das BKA ähnlich: "Deutschland ist unter anderem aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke, des stabilen Immobiliensektors und der großen italienischen Gemeinschaft attraktiv", sagt ein Sprecher. "Auch die Nähe zu Italien, die Möglichkeit der einfachen Firmengründung in Deutschland und die Tatsache, dass die Mafia in Deutschland als Phänomen nur wenig in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, ist dabei von Bedeutung."

Schätzungsweise mehr als 50 Milliarden Euro Schwarzgeld werden in Deutschland gewaschen. Das berichtet der WDR in seiner Sendung "Aktuelle Stunde". Immobilien, Gastronomie oder Tourismus sind typische Branchen, in denen Mafiosi gerne investieren. Auch weil es in Deutschland – anders als in anderen Ländern – keine Bargeldobergrenze gibt.

Geldwäsche: Ist eine Bargeldobergrenze die Lösung?

In Frankreich zum Beispiel liegt die Höchstgrenze, bis zu der man bar zahlen kann, bei 1.000 Euro für in Frankreich lebende Personen und bei 10.000 Euro für nicht dauerhaft in Frankreich Ansässige. Höhere Beträge dürfen nicht in bar bezahlt werden.

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Dabei wird die Bargeldobergrenze immer wieder als wirksames Mittel gegen Geldwäsche diskutiert. Auch Sinn spricht sich für eine solche Regelung aus. "Eine Grenze von 10.000 Euro an Bargeld hat viele Vorteile. Es gibt wenige Gründe, größere Summen in bar bezahlen zu müssen."

Polizeiliche Ermittlungen haben gezeigt, dass die unterschiedlichen Modelle in den EU-Mitgliedsstaaten dazu geführt haben, dass sich inkriminierte Gelder in Länder ohne Bargeldobergrenze verlagern. "Eine Bargeldobergrenze stellt daher aus polizeifachlicher Sicht ein sinnvolles Instrument bei der Bekämpfung der Geldwäsche dar", sagt der BKA-Sprecher.

Hat Deutschland ein Bargeldproblem? Experte fordert stärkere Finanzermittlungen

Arndt Sinn fordert stärkere Finanzermittlungen gegen die Geldwäsche. Und weist noch auf ein anderes Instrument hin, das seiner Meinung nach zu wenig diskutiert werde – die Auswertung von Seriennummern. "Jeder Bargeldschein hat eine Nummer, diese Nummer wird von Strafverfolgungsbehörden nicht hinreichend ausgewertet." Lediglich in Ausnahmefällen, wie etwa Entführungen, käme dieses Mittel zum Einsatz. Dabei gäbe es – laut Sinn – ein Konzept, mit dem man auf rechtsstaatlicher Basis Seriennummern verwerten könnte.

Wäre weniger Bargeld also eine wirksame Waffe im Kampf gegen das organisierte Verbrechen? "Fakt ist, dass durch das Zurückdrängen von Bargeld die Möglichkeiten für Geldwäsche geringer werden", sagt Sinn. Und das BKA bestätigt: "Für die polizeilichen Ermittlungen wäre dies ein hilfreicher Schritt, um neue Ermittlungsansätze zu generieren."

Eine heiße Liebe: Die Deutschen und ihr Bargeld

Doch warum lieben die Deutschen eigentlich ihr Bargeld so sehr? In vielen europäischen Ländern sind alternative Zahlmethoden wesentlich weiter verbreitet. In Frankreich ist Kartenzahlung – auch bei kleinen Beträgen – üblich. Und in Skandinavien ist es vielerorts schlicht nicht mehr möglich, bar zu zahlen.

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Die Deutschen scheinen dagegen die Anonymität des Bargeldes zu schätzen. Dies zeigt sich in einer Studie der Deutschen Bundesbank (PDF zum Download). Gemessen an der Anzahl der Transaktionen ist Bargeld demnach mit einem Anteil von 58 Prozent das am häufigsten genutzte Zahlungsmittel. Zwar ist der Anteil gegenüber vorherigen Jahren zurückgegangen. Dies liegt aber auch an der Zunahme von Internetkäufen während der Corona-Pandemie.

Die Bargeldliebe in Deutschland bleibt also ungebrochen. Eine Nachricht, über die sich auch das organisierte Verbrechen freuen wird.

Über den Experten: Professor Dr. Prof. h.c. Arndt Sinn ist Inhaber des Lehrstuhls für Deutsches und Europäisches Straf- und Strafprozessrecht, Internationales Strafrecht sowie Strafrechtsvergleichung an der Universität Osnabrück. Außerdem ist er Direktor und Gründer des Zentrums für Europäische und Internationale Strafrechtsstudien (ZEIS).

Verwendete Quellen:

  • Anfrage beim Bundeskriminalamt
  • youtube.com: Warum die italienische Mafia so gern in Deutschland Geldwäsche betreibt | Aktuelle Stunde
  • deutschlandfunk.de: Mafia-Geldwäsche - NRW-Innenminister Reul (CDU): Deutsche sollten weniger Bargeld nutzen
  • bundesfinanzministerium.de: Erste Nationale Risikoanalyse
  • Deutsche Bundesbank: Zahlungsverhalten in Deutschland 2021 (PDF zum Download)
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