• In Stuttgart herrscht Alarm in Sachen Verkehr.
  • Häufige Staus und dreckige Luft stressen die Autofahrer in der Großstadt.
  • Steffen Eisinger ist beruflich jeden Tag stundenlang auf Stuttgarts Straßen unterwegs und berichtet aus dem Stau- und Baustellenalltag.
Eine Analyse

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Schon zum dritten Mal springt die Ampel auf Grün und noch immer kein richtiges Vorankommen: Im Stop-and-Go-Modus schieben sich die Autos Stück für Stück durch die Innenstadt vorwärts. Hier hupt ein genervter Autofahrer, da verschiebt das nächste Navi die Ankunftszeit nach hinten.

Szenen wie diese – jeder Autofahrer in Deutschland dürfte sie kennen. Steffen Eisinger erlebt solche Verkehrssituationen besonders häufig. Der 51-Jährige lebt und arbeitet im Großraum Stuttgart. Auf 1.000 Einwohner kommen hier 608 Pkw – deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt, wo 569 Autos pro 1.000 Einwohner gezählt werden.

Immer mehr Autos

Seit 2008 wächst der KfZ-Bestand in Stuttgart beständig an, etwa 3.000 Autos kommen jährlich dazu. Der Trend besteht bundesweit: In den zehn Jahren von 2009 bis 2019 ist der Pkw-Bestand um 12 Prozent auf 47,1 Millionen Fahrzeuge gestiegen.

Die Folgen: Verkehrsüberlastung, Stau, Stress. "Wenn ich Stuttgart und Verkehr höre, dann schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen", sagt Eisinger. Die Fahrt in die Innenstadt sei jedes Mal ein Chaos.

Stau sorgt für Stress

Als Vertriebsleiter beim Verlag "Sutter Local Media" sitzt er oft mehrere Stunden im Auto, sammelt im Jahr zehntausende Kilometer auf den Straßen Baden-Württembergs. Dass er für Kundentermine stets einen ausreichend großen Puffer einbauen muss, daran ist Eisinger längst gewöhnt.

"Mir geht oft eine halbe Stunde verloren, einfach, weil ich im Stau stehe", sagt er. Wenn dann noch ein Unfall am Autobahndreieck Leonberg oder auf der A81 passiere, sei der gesamte Speckgürtel um Stuttgart dicht. Zwar kann der Vertriebsleiter die Fahrtzeit für Telefonate nutzen, von Stress klagt er trotzdem: "Das ist einfach anstrengend", so der 51-Jährige.

Kritik an Stuttgart21

Überall seien Baustellen, ständig werde die Straßenführung geändert. "Durch Stuttgart 21 ist das noch schlimmer geworden", klagt Eisinger. Bei dem Verkehrsprojekt soll der Eisenbahnknoten Stuttgarts neu geordnet werden, es entstehen elf größtenteils unterirdische Strecken, außerdem ein neuer Hauptbahnhof.

Baubeginn war bereits 2010, das Ziel einer Fertigstellung im Jahr 2019 konnte nicht eingehalten werden. Auch die Kosten sind explodiert: Die ursprünglichen 4,5 Milliarden Euro sind auf über 8 Milliarden gestiegen. Die Proteste gegen das Projekt halten noch immer an.

Keine Alternative zum Auto

Und all das in der deutschen Autohauptstadt, wo im Daimler-Konzern vor über 130 Jahren das erste vierrädrige Automobil erfunden wurde. Auch Porsche hat seinen Sitz hier. Heute zählt Stuttgart zu den zehn deutschen Städten mit dem meisten Stauaufkommen, noch schlimmer ist es etwa in München, Nürnberg und Hannover.

Auch wenn Eisinger es gerne würde: Stehenlassen kann er das Auto nicht. "Ich bin darauf angewiesen, wenn ich Kunden vor Ort besuche", sagt er. Ein Umstieg auf Bus und Bahn kommt für ihn nicht infrage.

Klagen auch von Pendlern

"Einige aus unserem Verlag pendeln zur Arbeit mit Bus und Bahn – und selbst hier höre ich Beschwerden über unpünktliche S-Bahnen und schlechte Anbindungen", gibt Eisinger zu Bedenken. Der öffentliche Nahverkehr als attraktive Alternative? "Aktuell wohl kaum", sagt Eisinger.

Auch die Optionen, Fahrgemeinschaften zu bilden oder Park-and-Ride-Parkplätze zu nutzen, sind für Eisinger vom Tisch. "Zu den Stoßzeiten sind die Parkplätze oft schon voll, teilweise sind sie auch kostenpflichtig", sagt Eisinger. Von Fahrten in anderen Bundesländern weiß der Stuttgarter: Der Verkehr macht nicht nur in seiner Heimat Probleme. "Auch im Ruhrgebiet herrschen oft chaotische Zustände", weiß er.

Ländliche Regionen abgehängt

Deutschlandweit sind die Rufe nach einem attraktiveren öffentlichen Nahverkehr laut – besonders die ländlichen Regionen fühlen sich abgehängt. Hier herrscht besonders häufig eine Dezentralisierung: Verbrauchermärkte mit großen Parkplätzen haben sich am Ortsrand angesiedelt und sind mit ÖPNV nicht erreichbar, während im Ortszentrum teilweise nur noch geringwertiger Einzelhandel, Frisöre, Banken und Leerstand dominieren.

Noch immer ist das Straßennetz fast sechsmal so dicht wie das Schienennetz – mit einem Minus an 200 Kilometern in den westlichen Bundesländern zwischen 2005 und 2019.

Feinstaub-Problem in Stuttgart

Doch Stuttgart hat noch mehr Probleme: Die Stadt erstickt nicht nur an Stau, sondern auch an Abgasen. Dieselfahrverbote gelten bereits, streckenbezogene Fahrverbote gibt es außerdem in Mainz, Berlin und Hamburg.

Wird bei der Messstation am Stuttgarter Neckartor der Schwellenwert von 30 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter überschritten und sagen die Meteorologen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen eine Wetterlage voraus, bei der die verschmutzte Luft nicht abziehen kann, herrscht Feinstaubalarm.

Verschärfte Auflagen

Die Anforderungen für die Umweltzone wurden in den vergangenen Jahren immer weiter verschärft, nur mit grüner Plakette darf man die Zone befahren. Auf mehreren Strecken gelten Tempolimits, erhöhte Parkgebühren sollen Pendlerautos fernhalten.

Eisingers Auto erfüllt die Normen, doch aus dem Bekanntenkreis weiß er nur zu gut, was es bedeutet, sein Auto stehen lassen zu müssen. "Dann ist zwei Wochen wieder Feinstaubalarm und man muss umsteigen", sagt er. Entweder auf Bus, Bahn oder Fahrrad oder auf ein ganz anderes Automodell – leisten kann sich das aber nicht jeder.

Appell an Politik

Der Stuttgarter hat deshalb Wünsche an die Politik: "Die Baustellen sollten logischer geplant werden, dafür könnte man geschickter die Ferienzeiten nutzen", fordert er. Auch glaubt er, dass E-Autos noch deutlich attraktiver werden müssen. "Die Ladeinfrastruktur ist einfach unzureichend ausgebaut", kritisiert er.

In vielen Tiefgaragen gäbe es keine Lademöglichkeiten - eine nervige Suche nach Stromsäulen sei die Folge. Auch der Nahverkehr müsse sich verbessern. Dass sich ein attraktiver Nahverkehr direkt auf die Straßenbelastung auswirkt, zeigen die Zahlen jedenfalls: In Berlin kommen auf 1.000 Einwohner nur 335 Autos, weil dort die Infrastruktur von Bus und Bahn deutlich besser ausgebaut ist.

Quellen:

  • Statistisches Bundesamt: Pkw-Dichte in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um 12 % gestiegen
  • SWR.de: Chronologie der Kostenexplosion bei Stuttgart 21
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