Sprachveränderung für mehr Gleichberechtigung: Seit ARD-Moderatorin Anne Will in ihrer Talkshow Reiner Holznagel als "Präsident des Bundes der Steuerzahler (Pause) Innen" vorstellt, geht der Streit um eine geschlechtergerechte Sprache in die nächste Runde.

Anja Delastik
Eine Kolumne
von Anja Delastik

"Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker." Fällt Ihnen was auf? Der Arzt ist männlich, der Apotheker auch. Unverschämt! Befürworter und Befürworterinnen des sogenannten "Genderns" sehen darin eine versteckte Diskriminierung und fordern eine sprachliche Gleichstellung der Geschlechter. "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Ihre Ärztin oder Ihren Apotheker oder Ihre Apothekerin." So weit, so gut, so umständlich.

Strengt man sich ein bisschen an, geht es charmanter: "Zu Risiken und Nebenwirkungen holen Sie sich ärztlichen Rat oder erkundigen Sie sich in Ihrer Apotheke." Auch wenn der letzte Teil nicht ganz korrekt ist: Man versteht, was gemeint ist.

Das Beispiel zeigt jedoch auch: Gender-Sprache ist gar nicht so einfach. Deshalb trägt sie bisweilen kuriose Blüten.

Das grammatische Geschlecht beeinflusst den Blick auf die Welt

Am Sonntagabend sorgte ARD-Moderatorin Anne Will mal wieder für Aufsehen, als sie ihren Talkshow-Gast Reiner Holznagel als "Präsident des Bundes der SteuerzahlerInnen", mit Sprechpause vor dem geschlechtsneutralen "Innen" willkommen hieß und den Begriff gleich nochmal wiederholte. "Da staunen Sie," sagte sie anschließend zu ihrem Gast. Doch der reagierte gelassen, Steuern müssten schließlich alle zahlen.

Andere nahmen es weniger gelassen, reagierten genervt auf Anne Wills notorisches Gendern oder spotten, wenn sie übers Ziel hinausschießt: Vor zwei Jahren hatte sie in ihrer Sendung von "Mitgliedern und Mitgliederinnen" gesprochen – das Wort Mitglied ist jedoch weder männlich noch weiblich, sondern neutral und kann selbst nach Gender-Sprachregeln nicht verändert werden.

Auch "der Bund der Steuerzahler", so kritisieren manche, beziehe sich gar nicht auf "den Steuerzahler" (generisches Maskulinum), sondern auf "die Steuerzahler" (Plural). Denen ein "Innen" anzuhängen, sei Unsinn und mache unsere Sprache kaputt.

Verfechter und Verfechterinnen einer geschlechtergerechten Sprache indes applaudieren Anne Will: Das grammatische Geschlecht beeinflusse unseren Blick auf die Welt, generische Maskulina (zum Beispiel der Steuerzahler, der Bürger, der Kunde, der Mitarbeiter) bedienten nur allzu oft Vorurteile, Klischees, Stereotype.

Sprache kann Menschen manipulieren und diskriminieren

Sprache kann Menschen manipulieren und diskriminieren, Chancen-Gleichheit behindern oder fördern. Wird nur die männliche Form genannt, spiegelt sich das in unseren gedanklichen Vorstellungen wider – und letztlich auch in unserem Handeln.

Doch sind das große Binnen-I (SteuerzahlerInnen), das Gender-Sternchen (Steuerzahler*innen) oder der Gender Gap (Steuerzahler_innen) die Lösung? Sie sollen Frauen und nicht-binäre Geschlechter in geschriebenen Texten sichtbar machen. Bei Anne Will auch in gesprochenen.

Kritiker und Kritikerinnen sehen darin eine ideologisch motivierte Verhunzung der deutschen Sprache. Man müsse zwischen grammatischem Geschlecht (Genus) und biologischem Geschlecht (Sexus) unterscheiden. Immerhin sei sogar "der Mensch", die allgemeinste Beschreibung unserer Spezies, maskulin, meine aber alle Menschen. Das generische Maskulinum sei folglich geschlechtsneutral.

Im Übrigen würden Frauen auch in Kulturen benachteiligt, deren Sprachen kein generisches Maskulinum kennen. Ist Gender-Sprache also doch doof? Dürfen Bemühungen zur sprachlichen Gleichbehandlung deswegen trivialisiert oder ignoriert werden?

Eine Gewohnheit, die wir ändern können – und es bereits tun

Sprache ist lebendig, verändert sich ständig. Von 1994 bis 2004 verdoppelte sich etwa die Verwendung von Anglizismen bei Substantiven. Weshalb soll sich Sprache nicht verändern dürfen, wenn es der Gleichstellung der Geschlechter dient? Sicher, manche Neu-Formulierungen sind schwerfällig – aber manche von uns sind es auch.

Ob es uns gefällt oder nicht: Der Wandel im schriftsprachlichen Umgang mit dem Geschlecht hat längst begonnen. Besser also, daran teilzuhaben oder?

Kein Diktat, keine Normierung, kein Belehren, sondern ein kreatives Ausprobieren, was funktioniert und was nicht. Mit dem Bewusstsein, dass unsere Art, Dinge zu formulieren, lediglich eine Gewohnheit ist, die wir ändern können – und es bereits tun.

Schon seit den 1980er Jahren nimmt der Gebrauch des generischen Maskulinums ab, insbesondere bei substantivierten Verben oder Berufsbezeichnungen. Weil Menschen irgendwann angefangen haben, darüber nachzudenken. Genau deshalb ist Anne Wills gesprochenes Binnen-I vielleicht nicht immer ganz richtig, aber trotzdem wichtig. So ungewohnt es auch noch klingt.

Mehr Panoramathemen finden Sie hier

Teaserbild: © NDR/Wolfgang Borrs