Ein umstrittener Energy-Drink soll den Briten bei den Olympischen Spielen 2012 in London zu zahlreichen Medaillen verholfen haben. Die "Wunderdroge" soll dabei ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Sportler eingesetzt worden sein.

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Als sich der erste Schock über die Enthüllungen der "Mail on Sunday" gelegt hatte, wagte der Verband UK Sport einen Gegenangriff: Kein olympischer Athlet sei als "Versuchskaninchen" benutzt worden, diese Anschuldigungen seien "irreführend und beleidigend".

Überhaupt: "UK Sport wird niemals versuchen, um jeden Preis Medaillen zu gewinnen." Das jedoch ist genau der Vorwurf, der die Organisation seit Jahren begleitet.

Und er wird lauter seit den Recherchen der britischen Boulevard-Zeitung zu einer vermeintlichen "Wunderdroge", die UK Sport vor den Olympischen Spielen 2012 in London an 91 seiner Athleten getestet haben soll. Unter strengster Geheimhaltung, mit dem Einsatz von Steuergeld und scheinbar ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Sportler, denen die Nebenwirkungen und die volle Verantwortung überlassen wurde.

"DeltaG" als "Wunderdroge"? Briten drehen bei Heim-Olympia auf

"DeltaG" hieß der Energiedrink, die "Wunderdroge" mit der synthetisch erzeugten Substanz Keton, die natürlich in der Leber produziert wird und zum Stoffwechsel beiträgt.

Als UK Sport die Substanz vor mehr als acht Jahren zum Einsatz brachte, war sie nach den Recherchen der "Mail on Sunday" zwar mit großzügiger finanzieller Hilfe des US-Militärs an der Uni Oxford erforscht, aber noch nicht unter extremen Bedingungen am Menschen getestet worden. Auch die abschließende Bewertung der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) soll noch nicht klar gewesen sein.

Dennoch sah UK Sport eine Chance. Nach dem desaströsen Abschneiden der Briten bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 (eine Goldmedaille) steigerten die Maßnahmen die Ausbeute. Bei den Heimspielen in London katapultierten schließlich 29 Goldmedaillen das Team Großbritannien auf Platz drei im Medaillenspiegel. Und so avancierte UK Sport zum Vorbild, auch für die ersten Entwürfe der Leistungssportreform in Deutschland.

Kritik aus Deutschland an UK Sport

Die Konzentration auf wenige hoffnungsvolle Sportarten, die Brutalität, mit der selbst erfolgreichen Disziplinen die finanzielle Förderung entzogen wurde und der dadurch erzeugte Druck auf junge Sportlerinnen und Sportler ließen aber auch die Kritik wachsen.

"Wenn man die Kosten-Nutzen-Effizienz immer weiter verbessert, besteht die Gefahr, dass die Gesundheit der Athleten in den Hintergrund rückt und Grenzen überschritten werden", sagt der deutsche Athletenvertreter Max Hartung. Der von Hartung mitgegründete Verein Athleten Deutschland reagiert besorgt auf die Berichte aus England.

"Der internationale Druck im Wettbewerb der Nationen um Medaillen darf nicht dazu führen, dass Athlet*innen zu Versuchsobjekten gemacht werden." Und weiter: "Es scheint, als habe die steuerfinanzierte Behörde UK Sport nicht nur wissentlich Hinweise der WADA missachtet, sondern die gesamten gesundheitlichen und rechtlichen Risiken mit Kalkül auf die Athlet*innen abgewälzt."

NADA: Doping-Mentalität wird gefördert

Auch die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) aus Bonn hat Bedenken, wenn sie an den Einsatz der offenbar experimentellen Substanz denkt. "Auch wenn es sich nicht um verbotene Substanzen handelt, so kann die grundlose Einnahme dieser Medikamente nicht nur für die Gesundheit fraglich sein, auch wird eine sogenannte Doping-Mentalität gefördert."

Es sei "fatal, wenn Sportlerinnen und Sportler früh lernen, Graubereiche auszutesten". Graubereiche, in denen sich UK Sport offensichtlich schon lange bewegt, um möglichst viele Medaillen zu gewinnen. Zu einem hohen Preis. (msc/AFP)

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