Es gibt Pferde, die findet man als Reiter nur einmal im Leben. Da stimmt die Chemie ebenso wie der sportliche Erfolg. Bei Simone Blum und ihrer Alice passte es – jetzt wird die Fuchsstute beim Chio in Aachen feierlich verabschiedet.

Ein Porträt
Dieser Text enthält neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Andreas Reiners sowie ggf. von Expertinnen oder Experten. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Streng genommen ist Hansi Blum schuld, denn er hat Alice entdeckt. Er hatte das starke Gefühl, dass die Fuchsstute und seine Frau Simone zusammenpassen würden. "Ich hab‘ genau dein Pferd gefunden!", schrieb er damals, 2014, per SMS an seine Gattin: "Fuchsstute, zickig, richtig was drin, ein Kracher." Und dann trafen sich Alice und Simone Blum, "Alice und ich, das war Liebe auf den ersten Blick", schreibt Blum auf ihrer Webseite. "Sie war wild, frech und grenzenlos – und wir haben uns sofort ineinander verliebt."

Mehr News zum Thema Sport

Ein sogenanntes "Once in a lifetime Horse", wie Blum ihre Alice auch nennt. Ein Pferd also, das den eigenen Vorstellungen und Wünschen entspricht, das eine perfekte Symbiose mit dem Reiter bildet und das man wohl nur einmal im Leben trifft. Ein Traumpferd, "mein Herzenspferd. Dadurch, dass sie so speziell ist, haben wir eine ganz besondere Verbindung", sagt Blum.

Ein spezieller Charakter

Dabei ist Alice stets eine Herausforderung, ist schwierig, temperamentvoll und energiegeladen. Die Chemie stimmt, Hingabe und Geduld sind bei der Stute, die auch gerne mit großer Leidenschaft die Zicke gibt, aber auch gefragt. "Alice hat mich oft an den Rand der Verzweiflung gebracht. Sie hat so viel Energie, die ist kaum zu bändigen", sagte Blum bei "spring-reiter". Stundenlang habe sie auf Alice gesessen und versucht, sie herunterzukühlen.

Sie verrät, dass ihr Mann, der auch ihr Trainer ist, nicht nur die Stute entdeckte, sondern auch einen großen Anteil an der speziellen Partnerschaft zwischen ihr und dem Pferd hat, "weil er es immer wieder geschafft hat, uns beide herunterzufahren. Damit wir uns zusammenraufen". Man müsse es schaffen, dass die Energie des Pferdes für einen selbst arbeite, sagt Blum: "Und das hat sie dann auch irgendwann in Perfektion gemacht. Dieses Pferd hat immer abgeliefert. Es gab kaum einen Grand Prix, wo das Pferd nicht gut war." Und dann gab es die berühmte Mango für "Elsi", so der Spitzname von Alice. Oder "Else", wenn sie mal wieder zickig ist.

Erfolg stellte sich nach dem ersten Treffen recht schnell ein, schon 2016 startete das Duo durch. Bei den deutschen Meisterschaften in Balve gewannen die beiden den Titel in der separat ausgetragenen Amazonen-Konkurrenz, 2017 holten sie die Deutsche Meisterschaft in der Herrenkonkurrenz. Der folgende Aufstieg war rasant, mit dem Höhepunkt des WM-Titels 2018 in Omaha, wo es mit der Mannschaft zusätzlich Bronze gab. Das Paar war in der Weltspitze angekommen, Alice galt damals als eines der weltbesten Springpferde, als "Wunderstute".

"Die besondere Partnerschaft" sei das Erfolgsgeheimnis gewesen, betont Blum, "wir haben uns einfach sehr gut gekannt und konnten uns immer zu 100 Prozent aufeinander verlassen. Die Einstellung und der Kampfgeist von Alice waren einmalig. Auch wenn sie sehr speziell und sehr schwierig war. Ich musste mich schon sehr auf sie einstellen. Meine Reiterei hat, glaube ich, perfekt zu ihr gepasst".

Nicht mehr die Alte

Doch bei der EM 2019 in Rotterdam gewann das Duo zwar mit der Mannschaft Silber, doch Alice erlitt eine Verletzung am Bein - und fand anschließend nie mehr zu ihrer alten Form zurück. Deshalb wird sie am Donnerstag im Alter von 16 Jahren beim Chio in Aachen feierlich aus dem Sport verabschiedet. Dann wird es noch einmal emotional, wenn Blum und Alice zwischen den beiden Durchgängen des Nationenpreises letztmals gemeinsam eine Runde vor großem Publikum in der Soers drehen.

"Ohne Alice wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin", sagt Blum, die Aachen aus gutem Grund ausgewählt hat. "Die Atmosphäre in Aachen ist einzigartig", sagt sie. "Ich freue mich sehr, dass sich Alice dort noch einmal von ihrem Lieblingspublikum feiern lassen darf."

Es war keine einfache Entscheidung, Alice aus dem Sport zu nehmen, doch sie war im Grunde alternativlos. Anfang des Jahres ist Blum mit Alice noch auf Turnieren geritten, "das hat ihr auch super viel Spaß gemacht", so die 34-Jährige, "aber ich habe am Sprung das Gefühl, dass es nicht mehr 100 Prozent sind. Dass irgendetwas sie daran hindert, in den Top-Sport zurückzukommen."

Mit Ciara zu neuen Erfolgen?

Deshalb hofft Blum nun, dass Alice auf dem eigenen Pferdehof in der Zucht "irgendetwas von ihrer Genialität an ihre Nachkommen weitergibt". Eine Nachfolgerin steht aber möglicherweise schon parat. Ciara ist Blums neun Jahre alte Nachwuchshoffnung, mit der sie zuletzt bei den Deutschen Meisterschaften auf Platz sechs landete.

"Man weiß nicht, wo es am Ende hinführt. Das wusste ich bei Alice auch nie, und das war vielleicht auch das Schöne und das Gute", sagt Blum, die selbst noch einmal zurück in den Top-Sport möchte, noch einmal ein Championat für Deutschland reiten, auch Olympia ist noch ein Traum. 2028 wäre Ciara im besten Alter. "Ciara zeigt mir einfach, dass es mit ihr möglich wäre", sagt Blum. Und hinzu kommt: Auch Ciara wurde von ihrem Mann Hansi entdeckt. Ohne Frage ein gutes Omen.

Verwendete Quellen:

  • Spring-reiter.de: Simone Blum vor dem Abschied von Alice in Aachen: "Ich hoffe, dass sie etwas von ihrer Genialität an ihre Nachkommen weitergibt!"
  • Website von Simone Blum
JTI zertifiziert JTI zertifiziert

"So arbeitet die Redaktion" informiert Sie, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte stammen. Bei der Berichterstattung halten wir uns an die Richtlinien der Journalism Trust Initiative.