Die Behauptung, Frauen hätten in Deutschland vor 1970 nicht Fußball spielen dürfen, lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Damit wird Verantwortung abgeschoben und Spielerinnen werden samt ihrer Geschichte unsichtbar gemacht. Das muss aufhören.

Mara Pfeiffer - FRÜF/Frauen reden über Fußball
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Zwar ist die WM (m) in diesem Jahr auf den Winter verschoben worden, ein Fußballturnier findet im Sommer aber sehr wohl statt: die EM (f). Bevor die Frauen in England ab dem 6. Juli gegen den Ball kicken, wird eine Behauptung wieder sehr häufig zu lesen sein: Fußball sei für Frauen in Deutschland vor 1970 verboten gewesen. Das ist natürlich kompletter Unsinn.

Eigentlich müsste das auch auf den ersten Blick klar sein: Wie sollte es denn bitte funktioniert haben, etwa der Hälfte der Bevölkerung bis vor gut 50 Jahren die wohl beliebteste Sportart des Landes zu verbieten? Frauen haben immer gekickt. Sie haben weniger Beachtung erfahren als Männer, dafür mehr Spott abbekommen und ja, es hat Versuche gegeben, sie am Spielen zu hindern. Sie haben sich durch diese Widrigkeiten aber nicht abhalten lassen.

Frauen ließen sich nie das Kicken verbieten

Was damit gemeint ist, wenn es immer wieder heißt, Frauen hätten vor 1970 nicht Fußball spielen dürfen, lässt sich vom Ende her aufschlüsseln: 1970 ist das Jahr, in dem der DFB sein Verbot von 1955 aufhob. In diesen 15 Jahren durften Frauen nicht in Vereinen Fußball spielen, die innerhalb des DFB organisiert waren. Den Clubs wurde verboten, Abteilungen für Frauen zu führen oder gründen, Spielerinnen ihre Plätze zu überlassen oder ihr Spiel zu unterstützen. Ihren Schieds- und Linienrichtern war es untersagt, Spiele der Frauen zu leiten.

Verbieten ließen sich die Kickerinnen ihren Sport natürlich nicht: Sie suchten neue Wege, um zu spielen, unter anderem in eigenen Verbänden. Ab Mitte der 1950er-Jahre gab es derer gleich zwei: die Deutsche Damen-Fußballvereinigung unter der Leitung von Josef Floritz sowie den Westdeutschen Damen-Fußball-Verband, geleitet von Willi Ruppert. Gegen eine Auswahl der Niederlande gewannen die deutschen Frauen am 23. September 1956 im Mathias-Stinnes-Stadion in Essen das erste von rund 220 Länderspielen der beiden Verbände mit 2:1. Rund 18.000 Zuschauende ließen sich an diesem Tag für das Spektakel anlocken.

Historische Leistungen der Frauen bleiben zu oft ungewürdigt

Lotti Beckmann schoss dabei das erste Tor für die Frauen – aber wem sagt der Name heute noch etwas, selbst bei Interesse an diesem Sport? Die Geschichten der Spielerinnen sind kaum bekannt, und das ist die eigentliche Niederlage dabei, das falsche Framing zu erhalten, wonach es vor 1970 keine Frauen gegeben habe, die Fußball spielten: All ihre Geschichten, Triumphe und Biografien werden vergessen. Dabei wären diese es ebenso wert, erinnert zu werden, wie jene ihrer männlichen Kollegen. Während aber der Bremer Herbert Burdenski, der für die DFB-Auswahl per Elfmeter das erste Länderspieltor nach dem Krieg schoss, auf der Homepage des Verbandes einen ausführlichen Beitrag hat, ist Lotti Beckmann dort nicht zu finden.

Ebenso wenig wie Lotte Specht, die 1930 in Frankfurt einen der ersten Vereine gründete, in denen Frauen spielten, oder Helga Nell, die als Kind mit ihren fünf Brüdern kickte und bei der Ausbildung in einer Brauerei in einem Frauenteam spielte, bevor sie an jenem Tag in Essen als 16-Jährige an der Seite von Beckmann auflief. All diese Frauen werden unsichtbar gemacht in der Behauptung, vor 1970 hätten nur Männer Fußball gespielt. Das muss aufhören.

Hinzu kommt, dass sich der DFB mit dieser Erzählung einen schmalen Fuß macht: Der Verband trägt durch das Verbot eine Mitverantwortung dafür, wie schwer der Frauenfußball sich immer wieder in der Entwicklung tut. Und das gleich in doppeltem Sinne. Das Verbot innerhalb des Verbandes aufzuheben war nämlich keinesfalls ein Akt der Überzeugung. Dem DFB war die positive Entwicklung der kickenden Frauen vielmehr ein Dorn im Auge. Indem sie unters Verbandsdach geholt wurden, konnte man ihre Entwicklung per Auflagen regulieren, zu denen eine monatelange Winterpause, ein spezieller Ball, das Verbot von Stollenschuhen und eine verkürzte Spielzeit gehörten. So wurden die Frauen im Fußball ein zweites Mal ausgebremst.

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