• Ruhiger Analyst, eloquenter Redner, integrer Mensch: Bernd Neuendorf bewegte sich bislang im Hintergrund.
  • Nun ist der 60-Jährige neuer DFB-Präsident - und steht plötzlich im Rampenlicht.

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Im vergangenen Herbst rätselte selbst Oliver Bierhoff. Wer dieser Bernd Neuendorf wohl sein könnte, der damals noch als Kandidat für die DFB-Spitzenposition gehandelt wurde? Er jedenfalls, beteuerte der DFB-Direktor, kenne ihn nicht. Den allermeisten, selbst anerkannten Experten in der Fußballwelt dürfte es genauso ergangen sein.

Doch nun, ein halbes Jahr, etliche Interviews und eine Wahl später, steht der weitgehend unbekannte Neuendorf im Rampenlicht. Als neuer DFB-Präsident, als neuer starker Mann an der Spitze eines Verbandes, der seit Jahren mit sich selbst ringt. Plötzlich ruhen die Hoffnungen auf einen Neuanfang beim Deutschen Fußball-Bund auf den Schultern eines Späteinsteigers.

Vertreter der Amateurfußballer

Der 60-Jährige setzte sich bei der Wahl auf dem DFB-Bundestag am Freitag in Bonn mit 193:50 Stimmen gegen Peter Peters (59) durch. Neuendorf war als Kandidat der einflussreichen Amateurvertreter angereist, Peters wurde durch den Profifußball unterstützt. Die Wahl im World Conference Center war nötig geworden, nachdem Fritz Keller im Mai 2021 von seinem Amt zurückgetreten war.

"Ich möchte alles dafür tun, dass dieser Verband wieder zur Ruhe kommt", sagte Neuendorf in seiner Bewerbungsrede unmittelbar vor der Wahl. "Dass wir in ein paar Jahren sagen können, die Arbeit hat sich gelohnt". Seine Kernbotschaft sei: "Der Fußball muss wieder im Mittelpunkt stehen, nicht die Querelen an der Spitze des Verbandes."

Die Menschen seien es "einfach leid", immer wieder von Skandalen und Hausdurchsuchungen zu lesen. "Sie wenden sich ab, sie sind genervt, sie fühlen sich nicht mehr vertreten", sagte Neuendorf. "Wir brauchen eine neue Kultur des Miteinanders. Und ich bin optimistisch, dass uns das gelingen kann."

Bestens vernetzt - auch mit dem Kanzler

Nach mehreren Stationen im Journalismus wechselte Neuendorf (60) 2003 zunächst in die Politik. Er arbeitete unter anderem als Sprecher für die SPD unter dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder, war ab 2012 fünf Jahre Staatssekretär im Familienministerium von Nordrhein-Westfalen. Seither ist er bestens vernetzt, besitzt enge Verbindungen ins politische Berlin.

Daraus macht Neuendorf keinen Hehl, ebenso wenig wie aus seinem Verhältnis zu Bundeskanzler Olaf Scholz ("Wir kennen uns"). An dessen vorsichtiger, zurückhaltender Kommunikation könnte sich der neue DFB-Boss orientieren. "Sorgfältig abzuwägen, bevor man sich öffentlich äußert", sagte Neuendorf der Frankfurter Rundschau, das sei "immer ratsam".

Fan von Alemannia Aachen

Dass nicht nur das Image des Verbandes ramponiert ist, dass sich auch seine Vorgänger zum Großteil ihren Ruf zerstörten, weiß er ganz genau. Er habe aber einen Stil, "der etwas anders ist als bisher", sagte Neuendorf der Sportschau: "Ich bin jemand, der zurückhaltender ist, der sich sehr gerne mit vielen Menschen unterhält, bevor er sich eine Meinung bildet."

Den Weg in die Verbandswelt fand der Fan von Alemannia Aachen erst spät, die Chefrolle im Fußball-Verband Mittelrhein übernahm er 2019. In Verbandskreisen gilt der gebürtige Dürener als integer, wird immer wieder als ruhiger Analyst beschrieben. Der Vater zweier Kinder tritt eloquent auf, in Interviews trägt er seine markante Lesebrille meist auf der Stirn.

Wenig Distanz in der "Causa Koch"

Bislang ist Neuendorf nicht als Lautsprecher aufgefallen, im Gegensatz zu vielen anderen hat er sich noch nicht in DFB-Machtkämpfen aufgerieben. Seine Schwachstelle? Anders als Peter Peters hatte er sich im Vorfeld der Wahl kaum vom umstrittenen Dauerfunktionär Rainer Koch distanziert.

Koch gehört nach 15 Jahren nicht mehr dem Präsidium des DFB an. Der bisherige Interimspräsident verlor in einer Abstimmung auf dem Bundestag überraschend deutlich gegen die Sportwissenschaftsprofessorin Silke Sinning.

Für das Amt des ersten Vizepräsidenten Amateure hatte er sich nicht mehr zur Wahl gestellt. Koch (63) werden von seinen Kritikern zahlreiche Verfehlungen und Verstrickungen in dubiose Machenschaften vorgeworfen. Zuletzt hatten die ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, Reinhard Grindel und Fritz Keller dazu aufgefordert, das "System Koch" zu beenden. Koch sitzt allerdings noch im DFB-Vorstand. (afp/dpa/fab)

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