Beim 2:2 in der Champions League ignoriert der Schiedsrichter das offensichtliche Handspiel des Arsenal-Profis Gabriel und gibt keinen Elfmeter. Wer kapiert die Regelauslegung noch?

Eine Kolumne
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Ich habe mich ja schon daran gewöhnt, dass ich ein strafwürdiges Handspiel nicht immer identifizieren kann. Vergrößerung der Körperfläche, unnatürliche Armhaltung, bewusst oder nicht, absichtlich oder nicht: Die Begriffe und Erklärungen flogen mir mit wechselnder Geschwindigkeit so um die Ohren, dass ich irgendwann ausgestiegen bin und mir kein Urteil mehr zutraue.

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Die Schiedsrichter sagen mir immer: Ist doch eindeutig! Nein, ist es nicht. Die Regelauslegung wechselte mit der Zeit, die Ausnahmen nahmen zu oder ab. Jeden Sonntag sehe ich an den Gesichtern in der Doppelpass-Runde bei Sport1, wie die Experten an den Handspiel-Entscheidungen verzweifeln. Manchmal werden ähnliche Szenen unterschiedlich ausgelegt. Ich kapiere das alles nicht mehr.

Ignoriertes Handspiel in der Champions League

Wenn aber ein Spieler mitten im Spiel den Ball im Strafraum aufhebt - also in die Hand nimmt -, darf es eigentlich keine Diskussionen geben. Das ist Hand! Beim 2:2 des FC Bayern beim FC Arsenal blieb der Elfmeterpfiff aus. Verstehe das, wer will. Mag ja sein, dass der Schiedsrichter den Abstoß angepfiffen hat, was er nicht muss, und damit den Spieler Gabriel verwirrt hat. Aber was kann Bayern dafür?

Mit Zuspiel von Torwart Raya zu Gabriel war das Spiel am Fünfmeterraum fortgesetzt. Schiedsrichter Glenn Nyberg ignorierte Gabriels Hand-lung und fand hinterher sogar Verständnis beim deutschen Schiedsrichter-Lehrwart Lutz Wagner. Der meinte, die Entscheidung sei "im Sinne des Fußballs", weil der Schiedsrichter seine pfiffige Störung quasi selbst wieder gutgemacht habe. Und das in der Champions League.

Fingerspitzengefühl vs. Regeln: Die Wut der Bayern ist verständlich

Die Begründung ist witzig. Dieselben Schiedsrichter tadeln uns Sportjournalisten immer, wenn wir von Schiedsrichtern "Fingerspitzengefühl" in bestimmten Szenen einfordern. Dann heißt es, man müsse sich dringend an die Regeln halten. Ich kenne keine Regel, die ein Handspiel nach einem regelkonformen Abstoß erlaubt. Kann aber sein, dass ich bei den Handregeln wieder was nicht mitbekommen habe.

Die Wut beim FC Bayern ist jedenfalls mehr als verständlich. Wenn das Regelwerk gelegentlich Interpretationen zulässt und meistens nicht, gewinnt die Willkür auf dem Rasen freien Raum. Einerseits wollen die Regelhüter mit dem Videobeweis Unklarheiten beseitigen, andererseits übersehen sie Verfehlungen ganz bewusst. Das nennt man wohl: Überregulierung.

Über den Autor

  • Pit Gottschalk ist Journalist, Buchautor und ehemaliger Chefredakteur von SPORT1. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit'ch erhalten Sie hier.
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