Dass sich niemand widerstandslos den Ball ins Gesicht schießen lässt, ist verständlich. Doch wer die Hand zu Hilfe nimmt, um nicht getroffen zu werden, wird bestraft, denn "Schutzhand" gibt es im Fußball nicht, wie nun auch ein Dortmunder erfahren musste. Hannovers Trainer Thomas Doll zeigt sich derweil als ganz schlechter Verlierer.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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In Berlin machte während des Spiels von Hertha BSC gegen Borussia Dortmund (2:3) ein Wort die Runde, das sonst allenfalls noch im Amateurfußball zu hören ist, nämlich "Schutzhand". Damit ist ein Handspiel gemeint, mit dem ein Spieler verhindern will, dass ein empfindlicher Körperteil getroffen wird, zum Beispiel das Gesicht oder der Unterleib.

Weil der entsprechende Reflex völlig verständlich ist, glauben manche, dass ein solches Handspiel prinzipiell nicht bestraft wird. Das aber stimmt nicht – "Schutzhand" ist kein Argument für einen Freispruch und findet sich auch nirgendwo in den Regeln.

Der Dortmunder Julian Weigl musste das am Samstagabend erfahren, als er im eigenen Strafraum seinen rechten Arm hochriss, um den Ball nicht voll ins Gesicht zu bekommen. Eine ganz natürliche Reaktion – die im Fußball allerdings als unnatürliche Armhaltung gewertet wird.

Weigl hatte seinen Arm in die Schussbahn des Balles geführt und die Kugel auf diese Weise aufgehalten. Regeltechnisch betrachtet war das ein absichtliches und damit strafbares Handspiel, Schiedsrichter Tobias Welz zögerte deshalb nicht mit dem Elfmeterpfiff. Und weil die Spieler des BVB wissen, dass es "Schutzhand" nicht gibt, hielt sich ihr Protest auch in engen Grenzen.

Warum es keinen zweiten Elfmeter für Hertha gab

Nach einer knappen Stunde hatte der BVB großes Glück, dass es keinen zweiten Strafstoß für die Hausherren gab.

Bei einem Konter der Hertha nahm Ondrej Duda einen Steilpass auf und drang mit dem Ball in den Strafraum der Gäste ein, verfolgt von Abdou Diallo. Der Dortmunder Verteidiger versuchte schließlich, mit einem Ausfallschritt den Ball zu erreichen.

Er verfehlte ihn jedoch und hinderte dadurch den Berliner, der nur noch Torwart Roman Bürki vor sich hatte, zugleich am Weiterlaufen. Parallel dazu kam es zu einer Berührung im Oberkörperbereich. Duda fiel – doch Tobias Welz ließ weiterspielen.

Wahrscheinlich führte die Tatsache, dass es keinen wirklich klaren und deutlichen Kontakt gab und der Herthaner außerdem relativ leicht zu Boden ging, zur Entscheidung des Unparteiischen, keinen weiteren Elfmeter zu verhängen.

Dagegen könnte man allerdings einwenden, dass Diallo den Ball nicht spielte und es aufgrund des hohen Tempos von Duda keines besonders starken Impulses bedurfte, um den Sturz herbeizuführen. Ein Strafstoß wäre deshalb die bessere Entscheidung gewesen.

Der Video-Assistent empfahl dennoch kein Review – wohl weil der Szene, auch unter Berücksichtigung der nicht besonders kleinlichen Spielleitung von Welz, die letzte Eindeutigkeit abging, um von einem klaren und offensichtlichen Fehler zu sprechen.

Warum Gräfe das Gespräch mit Doll suchte

Nach dem Ende der Partie zwischen dem FC Augsburg und Hannover 96 (3:1) am Samstag kam es derweil zu einem ungewöhnlichen Rollentausch.

Normalerweise kommt der Vorwurf der Arroganz von den Trainern und richtet sich gegen die Schiedsrichter, wenigstens gegen einige von ihnen. Oft heißt es dann, die Unparteiischen seien nicht richtig gesprächsbereit und kanzelten Wortmeldungen gerne herablassend ab. Diesmal war es jedoch umgekehrt.

Manuel Gräfe, der Referee des Kellerduells in Augsburg, hatte von sich aus den Dialog mit Hannovers Trainer Thomas Doll gesucht. Dieser hatte ihn zuvor mit den Worten "deinetwegen haben wir verloren" für die Niederlage seines Teams verantwortlich gemacht.

Doll brach das Gespräch mit Gräfe dem Rasen jedoch ab und empörte sich in den Katakomben des Stadions vor zahlreichen Journalisten, der Schiedsrichter habe ihn minutenlang "vollgelabert" und "vollgesabbelt". Das wiederum fand der Unparteiische "arrogant".

Den Hintergrund bildeten vor allem zwei Entscheidungen des Referees, die den Gästen nicht gepasst hatten: Zum einen ging es um den tatsächlich zu früh erfolgten Pfiff in der 51. Minute, durch den der Hannoveraner Nicolai Müller um eine sehr gute Vorteilssituation gebracht wurde.

Zum anderen kritisierte Hannover die Freistoßentscheidung für Augsburg in der 78. Minute, aus der das Führungstor für die Gastgeber zum 2:1 resultierte.

Gräfes Kritik ist nachvollziehbar

Dass der Schiedsrichter in dieser Situation nicht auf Foul an Hannovers Oliver Sorg entschied, als dieser nach einem leichten Kontakt fiel, sondern den Augsburgern einen Freistoß zusprach, weil Sorg den Ball in der Erwartung eines Pfiffs mit der Hand festgehalten hatte, war allerdings absolut nachvollziehbar.

Es spricht jedenfalls für Manuel Gräfe, dass er nach dem Schlusspfiff auf Thomas Doll zuging, um das Gespräch zu suchen.

Und es spricht, bei allem Verständnis für die Nervosität in einer sportlich schwierigen Situation, gegen Doll, dass er selbst auf der Pressekonferenz noch einmal gegen den sehr erfahrenen und geschätzten Referee nachkartete. "Mittlerweile nimmt sich der eine oder andere vielleicht ein bisschen größer, als er ist", sagte Doll.

Für Gräfe war das ein Unding: "Ich finde immer, man sollte vernünftig und respektvoll miteinander umgehen. Wenn ich mit ihm in einen Dialog treten möchte und er das als 'labern' bezeichnet, ist das schon die erste Form der Arroganz." In der Tat.

Dass Doll auch noch verlangte, der Unparteiische müsse "auch mal von seinem hohen Ross runterkommen", verdrehte die Wirklichkeit auf peinliche Weise vollends. Immerhin scheint die Angelegenheit nun aber für beide Seiten abgeschlossen zu sein: Er werde Manuel Gräfe beim nächsten Mal trotzdem die Hand geben, sagte der Coach.

Der Schiedsrichter verzichtete derweil auf einen Vermerk im Spielbericht: "Da war ja keine Beleidigung dabei, das war Emotion, die gehört zum Fußball dazu. Für mich ist es vergessen. Für mich ist es abgehakt." Das ist ein Ausdruck von Größe, den Thomas Doll hoffentlich zu schätzen weiß.