Thomas Tuchel krempelt Borussia Dortmund gehörig um, der neue Trainer setzt dabei viele Trennlinien zur Arbeit seines Vorgängers Jürgen Klopp. Auf dem Platz hat sich schon fast alles verändert. Wir nehmen die ersten Wochen unter dem neuen BVB-Coach unter die Lupe.

Thomas Tuchel ist schlau genug, einen großen Fehler nicht gleich zu Beginn zu machen: Der neue Trainer von Borussia Dortmund gibt sich in den ersten Wochen seiner Amtszeit betont locker und auskunftsfreudig, die Mär vom gerne vergrätzten Motzki soll gar nicht erst entstehen und einen kolossalen Kontrapunkt zu seinem Vorgänger Jürgen Klopp setzen.

Der 41 Jahre alte Neu-Borusse hat ja immer noch mit jeder Menge Vorurteilen zu kämpfen, etwa mit dem, dass seine teils verkopfte Rhetorik und sein wissenschaftlicher Ansatz im krassen Gegensatz zu Klopps Bauchfußball stünden, zu den Vollgas-Veranstaltungen und emotionalen Ausbrüchen an der Seitenlinie.

Tuchel weiß um die Macht der Bilder und Worte, also tritt er in diesem Segment seines Jobs bisher sehr bedacht auf. Ganz anders sieht das aus, wenn sich der Trainer mit seiner Mannschaft umgibt. Bereits nach wenigen Tagen hatte Tuchel seiner Truppe angedeutet, was in Zukunft verlangt und worauf besonders Wert gelegt wird.

Neven Subotic hat das bereits Anfang Juli in ein paar erstaunlich offene Worte gepackt. "Bei Thomas Tuchel lernen wir sehr viel über Ballbesitz, es geht wirklich um Details. Mit welchem Fuß man den Ball annimmt, wie man den Ball passen soll", sagte er da "Sky Sport News HD" und zog sogleich die Trennlinie zu seinem ehemaligen Trainer und Mentor. "Bei Jürgen Klopp ging es hauptsächlich um die Vollgas-Veranstaltung und um die Defensive, wie wir stehen und wie wir attackieren. Das ist der größte Unterschied."

Borussia Dortmund - alles ganz anders

Schaut man sich die arbeitsreichen Tage im Trainingslager im schweizerischen Bad Ragaz an, könnte man zu dem Schluss kommen, dass da eine völlig neu ausgerichtete Mannschaft auf dem Platz steht, die komplett anders funktioniert - obwohl die ausführenden Akteure immer noch fast die selben sind.

Wie akribisch und penibel Tuchel jede einzelne Einheit aufbaut und seziert, wie versessen er auf Kleinigkeiten achtet, wie lange und dauerhaft er Passübungen wiederholen lässt, Spieler um ein paar Zentimeter verschiebt, die Parameter Raum und Zeit in den Übungen immer noch strenger limitiert und seine Spieler in Einheiten von teilweise deutlich über zwei Stunden körperlich und geistig fordert, mag für den einen oder anderen Spieler wie ein kleiner Kulturschock wirken.

Bei Klopp waren nach sieben Jahren BVB viele Dinge eingefahren. Die Abläufe waren bekannt, die Trainingsstunden verliefen immer nach demselben Schema. Klopp ließ seine Co-Trainer die Parcours aufbauen und seinen taktischen Mastermind Zeljko Buvac als "Drill Instructor" auf seine Spieler los. Gefilmt wurde die Einheiten nur vereinzelt.

Tuchel ist stets eine halbe Stunde vor Trainingsstart auf dem Platz, schreitet jedes Hütchen nochmals ab und korrigiert. Unterm Dach sitzt mit Benjamin Weber sein Videoanalyst, der jede Einheit auszeichnet, aufbereitet und am Abend mit Tuchel und dessen fast gleichberechtigem Co-Trainer Arno Michels nach Fehlern durchforstet.

Mit dem Ball statt gegen den Ball

Im Training liegt der große Augenmerk auf passen, passen und nochmals passen. Tuchel präferiert ein 4-1-4-1-System, will aber auch das alte Klopp-4-2-3-1 oder ein 4-4-2 in der Hinterhand behalten. Getüftelt wird am sauberen Ballvortrag, prägende Elemente der Klopp-Ära wie das Gegenpressing sind auch Bestandteil, aber weit weniger akzentuiert als in den Jahren davor.

Die Spieler nehmen die Veränderungen wissbegierig und lernbereit auf, einige wie Ilkay Gündogan sind regelrecht neugierig auf das, was der neue Trainer alles vermitteln will. Dass Tuchel dabei aber eine Nähe aufbaut wie Klopp, der oft als Kumpeltyp fungiert hat und seine Jungs auch mal in den Arm genommen hat, ist bisher nicht zu beobachten. Tuchel hält seine Distanz - aber er baut auf alle seine Akteure. Im Test gegen Luzern (4:1) setzte er 21 Spieler ein, er habe "einige Systeme im Kopf", letztlich seien diese aber auch unerheblich.

Es gehe darum rauszufinden, welche Spieler sich in welchen Räumen auf dem Spielfeld am wohlsten fühlen und am besten miteinander harmonieren. Der neue Trainer hat bereits angekündigt, dass er ähnlich wie in seiner Zeit in Mainz auch vor größeren Personalrochaden in der jeweiligen Startformation nicht zurückschrecken wird.

Die Pärchenbildung ist ein zentrales Element seiner Arbeit und des Auftretens der Mannschaft. Wo Klopp immer den schnellsten Weg zum Tor gesucht hat, auch mit einfachen Mittel wie dem Gewinn der zweiten Bälle oder hohen Zuspielen in die Spitze, tickt Tuchel anders. Aufgebaut wird übers Zentrum und von dort dann auf die Halbpositionen verlagert, um am Ende zum Durchbruch über die Flügel zu kommen.

Das ist das grundlegende Rezept, mit dem Borussia Dortmund in Zukunft erfolgreich sein will. Dass da auch immer noch Elemente aus der Klopp-Ära miteinfließen, ist klar. Im Grundsatz erfindet Tuchel den BVB aber gerade neu. Aber: Der Trainer weiß auch, dass es am Ende die Ergebnisse sind, die stimmen müssen.

"Wir sind noch lange nicht da, wo wir sein wollen. Es gibt noch viel zu tun", sagt Tuchel. In gut zwei Wochen startet die Pflichtspielsaison für seine Mannschaft. Im DFB-Pokal beim Chemnitzer FC wird sich dann herausstellen, was der neuen BVB-Fußball schon taugt.