• Alle vier Jahre legt die Bundesregierung Zahlen zur finanziellen Situation der Senioren in Deutschland vor.
  • Das Fazit: Die durchschnittlichen Einkünfte steigen, sowohl die Renten als auch die Nebeneinkünfte.
  • Trotzdem gibt es immer mehr Alte, die davon wenig haben.

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Rentner in Deutschland haben es gut. Sie können stets Torte essend im Kaffeehaus sitzen, auf einem Kreuzfahrtschiff in den Urlaub fahren und ihren Enkeln beim Studium finanziell unter die Arme greifen. Die Aussage könnte man so unterschreiben, die Zahlen im neuen Alterssicherungsbericht der Bundesregierung geben dem auch recht.

In der Analyse, die alle vier Jahre erhoben wird und Ende November vom Bundeskabinett verabschiedet werden soll, steht beispielsweise, dass Seniorenpaare (über 65 Jahre) 14,3 Prozent mehr Einkommen als noch vor vier Jahren zur Verfügung haben - genau sind es im Durchschnitt 2.907 Euro netto. Auch der Single-Rentner hat im Durchschnitt zugelegt auf 1.875 Euro, Single-Rentnerinnen haben 1.617 Euro an Einkommen zur Verfügung.

Wichtig zu wissen: Bei diesen Einkünften sind auch Mieteinkünfte, Zinsen und die private Altersversorgung einberechnet. Zieht man diese Einnahmen ab und konzentriert sich auf die staatliche Rente oder Pensionen, dann sieht es ebenfalls nicht so schlecht aus. Ehepaare über 65 beziehen im Durchschnitt eine Brutto-Rente von 1.961 Euro im Monat. Bei alleinstehenden Männern sind es durchschnittlich 1.404 Euro, bei Single-Rentnerinnen 1.388 Euro.

Wo das Problem der Durchschnittswerte liegt

Die steigenden Durchschnittseinkünfte sagen allerdings wenig darüber aus, wie viele Menschen kaum von ihren Alterseinkünften leben können, warnt Professor Stefan Sell, Volkswirt und Sozialforscher an der Hochschule Koblenz. "Wir haben bereits einen überdurchschnittlichen Anstieg der Altersarmut, und die große Welle wird noch kommen. Gleichzeitig aber haben wir auch eine stark wachsende Gruppe an Älteren, die materiell auf einem hohen Wohlstandsniveau ihren Lebensabend verbringen können", erklärt er.

Im Alterssicherungsbericht der Bundesregierung gibt es zumindest eine Zahl, die Auskunft über die Altersarmut gibt: die Grundsicherung. Etwas mehr als 562.000 der über 65-Jährigen nahmen im vergangenen Jahr diese Art der Unterstützungsleistung in Anspruch, das sind etwa drei Prozent der Rentner.

Sozialverbände weisen allerdings auf eine höhere Dunkelziffer hin. Viele Senioren mit geringen Einkommen scheuen den Antrag oder kennen sich zu wenig aus. Laut einer Studie des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung würden 60 Prozent der anspruchsberechtigten Rentner (625.000 Personen) keine Grundsicherung beantragen.

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Altersmut steigt weiter an

Der Anteil der Bezieher von Grundsicherung unter den Senioren wird auch offiziell weiter steigen, nach einer von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) in Auftrag gegebenen Studie von aktuell drei auf bis zu 5,5 Prozent im Jahr 2030. "Das heißt aber auch, dass mehr als 94 Prozent der künftigen Rentnergeneration über so viel Einkommen verfügen, dass sie im Alter keine ergänzende Grundsicherung beziehen müssen", sagt eine DRV-Sprecherin.

Sabine Zimmermann, Sozialpolitikerin der Linken im Bundestag, hat noch eine andere Zahl, um die Altersarmut zu bewerten: die Armutsgefährdungsquote. Diese Quote gibt an, wie viele Menschen weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung haben und deshalb relativ arm sind. Bei einer alleinstehenden Person liegt dieser Wert bei 1.061 Euro aller verfügbaren Einkünfte. Seit dem Jahr 2005 ist die Quote bei den über 65-Jährigen von 10,7 Prozent auf 17,1 Prozent im Jahr 2019 gestiegen. Damit wären aktuell etwa 2,6 Millionen Rentner von Armut bedroht.

Was sind die Ursachen für die wachsende Altersarmut?

Für Sabine Zimmermann liegt ein wesentlicher Grund für Altersarmut an der Arbeitspolitik der vergangenen 20 Jahre. "Niedriglöhne ziehen niedrige Renten nach sich, und die Folgen sehen wir jetzt zunehmend", sagt die Bundestagsabgeordnete.

Ähnlich argumentiert Professor Sell: "Man muss möglichst ohne rentenschädliche Unterbrechungen sein Leben lang Vollzeit gearbeitet und mindestens durchschnittlich verdient haben", sagt der Wissenschaftler. Doch die Realität sieht anders aus. Von den knapp 32 Millionen Versicherten verdienen etwa 20 Millionen weniger als das sozialversicherungspflichtige Durchschnittsjahresgehalt von seinerzeit knapp 37.900 Euro. Das sind etwa 63 Prozent. Dramatischer sind diese Zahlen: Etwa 6,4 Millionen Beschäftigte kamen 2018 auf einen Jahresverdienst von unter 15.000 Euro und können damit weniger als die Hälfte der durchschnittlichen Rentenansprüche erarbeiten.

Neben der Expansion des Niedriglohnsektors kommt es zu einer Zunahme von in Teilzeit arbeitenden Menschen in Kombination mit eher unterdurchschnittlichen Verdiensten, vor allem bei Frauen. "Zugespitzt formuliert: Teilzeit ist in der Rentenformel nicht vorgesehen, da man kaum Stundenlöhne erzielen wird, die den Vollzeitbezug der Rentenformel kompensieren könnten", erklärt Wissenschaftler Sell.

Lösungen gegen Altersarmut

Für eine Lösung muss die Politik laut Sabine Zimmermann beim Arbeitsmarkt ansetzen. "Tarifverträge müssen leichter für allgemeinverbindlich erklärt werden können, der Mindestlohn muss auf 12 Euro pro Stunde erhöht und weiter zügig angepasst werden. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse wie Leiharbeit und Minijobs müssen in reguläre, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze umgewandelt werden", sind einige Forderungen.

Zudem erfolgt die Rentenentwicklung nicht mehr eins zu eins der Lohnentwicklung. "Über den sogenannten Nachhaltigkeitsfaktor wird die Rentenentwicklung nach unten gedrückt. Das hat das Rentenniveau, also das Verhältnis von Renten zu Löhnen, stark sinken lassen", sagt Sabine Zimmermann.

Aus Sicht der Deutschen Rentenversicherung liegt ein Teil der Lösung für die Altersarmut ebenfalls im Arbeitsmarkt: "Man sollte sich sorgfältig anschauen, (…) mehr Langzeitarbeitslosen den Einstieg in den Arbeitsmarkt und damit den Erwerb von Einkommen zu ermöglichen", so die DRV-Sprecherin.

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Was gegen Altersarmut unternommen wird

Mit Beginn des kommenden Jahres wird nach langer Diskussion die Grundrente in Deutschland eingeführt. Die Bezüge von Menschen, die 33 Jahre gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt haben, werden aufgestockt, falls sie aufgrund ihres Verdienstes zu wenig Geld im Alter ausgezahlt bekommen. Laut Bundesregierung werden davon 1,3 Millionen Menschen profitieren. Grundrenten-Berechtigte werden zu rund 70 Prozent Frauen sein und überdurchschnittlich viele Ostdeutsche.

Außerdem weist die DRV-Sprecherin darauf hin, dass mit der Einführung des Mindestlohns und der Versicherungspflicht für Minijobs bereits Schritte gegen Altersarmut unternommen wurden. Für Selbstständige mit oft unstetigen Erwerbsbiografien soll eine verpflichtende Altersvorsorge eingeführt werden. Das steht zumindest im Koalitionsvertrag der jetzigen Bundesregierung, ein Gesetz liegt allerdings noch nicht vor.

Die wichtigsten Zahlen im Überblick:

Einkommen insgesamt: Laut Alterssicherungsbericht der Bundesregierung für 2020 hat ein durchschnittliches Seniorenehepaar ein Einkommen von 2.907 Euro netto, 14,3 Prozent mehr als beim vorherigen Bericht im Jahr 2016. Im Osten Deutschlands sind es 370 Euro weniger, also 2.577 Euro. Auch die Single-Rentner haben im Durchschnitt zugelegt auf 1.875 Euro (im Osten 1.563 Euro), Single-Rentnerinnen 1.617 Euro (im Osten 1.567 Euro).

Renten: Zieht man diese Zusatzeinnahmen wie Mieten und Zinseinkünfte ab und konzentriert sich auf die Zahlungen der Deutschen Rentenversicherung, dann beziehen Ehepaare gemeinsam im Durchschnitt 1.961 Euro Rente brutto im Monat. Bei alleinstehenden Männern sind es 1.404 Euro, bei Single-Rentnerinnen 1.388 Euro.

Pensionen: Ruhestandsbeamte erhalten zwischen 2.370 Euro (Postbeamte) und 3.490 Euro (Landesbeamte) Pension brutto im Monat. Bei Ex-Beamtinnen liegen die Beträge zwischen 2.100 Euro (Post) und 3.590 Euro (Soldatinnen).

Zusatzeinkünfte: Viele Senioren beziehen Zusatzeinkünfte wie Zinsen oder Mieteinnahmen. 61 Prozent der Ehepaare im Westen haben im Schnitt 1.539 Euro neben der Rente oder Pension. Im Osten beziehen 49 Prozent der Paare Zusatzeinkünfte von durchschnittlich 1.080 Euro.

Grundsicherung: Ob ein Anspruch auf Grundsicherungsleistung besteht, stellt das zuständige Grundsicherungsamt des jeweiligen Wohnorts fest. Im Bundesdurchschnitt gilt ein Betrag für eine alleinstehende Person von etwa 810 Euro im Jahr 2019. Wer inklusive aller sonstigen Einnahmen weniger Geld zur Verfügung hat, kann bis zu diesem Betrag aufgestockt werden, um seine Wohnung und Lebenserhaltungskosten zu finanzieren.

Verwendete Quellen:

  • Vorläufige Version des Alterssicherungsberichts der Bundesregierung
  • Stefan Sell, Professur für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz
  • Sabine Zimmermann, Bundestagsabgeordnete der Linken
  • Studie über die Nicht-Inanspruchnahme der Grundsicherung
  • Deutsche Rentenversicherung
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