Der FDP-Generalsekretär steht plötzlich im Rampenlicht der Berliner Republik. Er könnte eine Schlüsselfigur der nahenden Ampelregierung werden. Wer ist der spröde wirkende Superjurist? Da gibt es Überraschungen im Persönlichen.

Dr. Wolfram Weimer
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Volker Wissing ist der Neue im Machtzentrum der Republik. Lindner, Habeck, Scholz, Baerbock kennt das Wahlvolk inzwischen bestens. Doch dieser neue FDP-Generalsekretär (erst seit einem Jahr im Amt und aus der tiefsten pfälzischen Provinz kommend), wer ist der eigentlich?

Äußerlich wirkt er auf seine Fans wie ein Daniel Craig mit Juraexamen, auf Kritiker eher wie der klassische FDP-Staatssekretär mit gesteiftem Hemd, der seit 70 Jahren bundesdeutsche Ministerien scharenweise bevölkert - mehr Akten-Hans also als James Bond. Einig sind sich alle - der höfliche Wissing ist ein korrekt gekleideter Mann von gepflegter Seriosität.

Das Schicksal machte Volker Wissing zum "Mister Ampel"

Wissing gilt im neuen Ampel-Ensemble der Republik schon jetzt als der "Substanzielle". Ernsthaft, kenntnisreich und hoch gebildet sucht er im Tonfall eines abwägenden Richters seit Monaten Brücken, wo andere noch lauthals Gräben ausheben. Seine Biografie hilft ihm bei dieser Rolle. Er hat nicht nur Jura studiert (in Saarbrücken und Freiburg), erstes und zweites Staatsexamen, er wurde auch zu einem (grünen!) Thema promoviert mit der Arbeit "Überlassungspflichten begründende Gemeinwohlinteressen im System des Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetzes".

Wissing trat hernach nicht - wie viele andere Politiker - in irgendeine Kanzlei ein, um rasch Geld oder Karriere zu machen. Er wurde Richter und Staatsanwalt in den Weiten von Rheinland-Pfalz, Landau und Zweibrücken waren seine Stationen. Später gründete er - jeder gute Liberale hat irgendwann irgendein Unternehmen gegründet - die auf Wirtschaftsrecht und Vermögensnachfolge ausgerichtete Kanzlei "Wissing Rechtsanwälte". Der Mann sucht den Ausgleich und bohrt gerne dicke Bretter.

Wissing ist eigentlich ein wertkonservativer Liberaler, Mitglied im Schaumburg Kreis (mehr Otto Graf Lambsdorff als Burkhard Hirsch) und Freund der Wirtschaftsliberalen. Gleichwohl hat ihn das Schicksal zum "Mister Ampel" gemacht, lange bevor die Bundesrepublik sich mit dieser Konstellation ernsthaft beschäftigt hat. So war Wissing im Mainzer Ampelkabinett von Malu Dreyer seit 2016 Minister für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau, vor allem aber stellvertretender Ministerpräsident.

Der schlaue Christian Lindner berief ihn auch wegen dieser Ampel-Erfahrung zum FDP-Generalsekretär, um der deutschen Öffentlichkeit die mittige Anschlussfähigkeit der FDP zu demonstrieren. Das Kalkül ist aufgegangen. Obwohl Wissing selber lieber in eine Jamaika-Koalition eintreten würde, ist er nun der große Brückenbauer, der einzige Bundespolitiker, der weiß, wie eine Ampelkoalition wirklich funktioniert. Dazu gehört auch, rote Linien zu ziehen, um die eigenen Positionen teuer zu verkaufen.

Wissing brach die Feindbilder von Verbots- und Kapitalistenpartei auf

Unter politischen Profis beider Parteien galt die Ampel-Koalition bis vor Kurzem noch als "exotisch". Lange Zeit klafften gerade zwischen Grünen und Liberalen tiefe politische Gräben. Für den linken Flügel der Grünen ist die FDP die Keimzelle des verhassten "Neo-Liberalismus", für den Wirtschaftsflügel der Liberalen sind die Grünen neo-sozialistische Öko-Ideologen - die Feindbilder von Verbots- und Kapitalistenpartei prallen aufeinander.

Wissing war einer der ersten, der diese Feindbilder aufbrach. Beim Ludwig-Erhard-Gipfel im Frühjahr konnte man beobachten, wie Wissing dort diskret Bande mit Lars Klingbeil (SPD) und Katrin Göring-Eckardt (Grüne) knüpfte, wie er höflich die Union und SPD auf gleiche Distanz hielt und sein liberales Programm so ernsthaft vortrug, als sei es das Grundgesetz der neuen Republik.

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Ein Mann mit vielen Facetten: Weinkenner, Christ und Organist

Im öffentlichen Bild der Berliner Polit-Szene wird er nun also mit diesen drei Etiketten abgestempelt: Ampelmann, Superjurist (prädestinierter Justizminister) und typischer FDP-Politprofi. Tatsächlich ist der private Wissing aber variantenreicher als man ahnt.

Er stammt nämlich aus einem pfälzischen Winzerbetrieb und kennt sich mit Weinen besser aus als die gesamte Toskana-Rotweinfraktion der rot-grünen Koalitionspartner. Wissing dazu im gepflegten Ton des Connaisseurs: "Für einen trockenen, mineralischen Riesling kann ich mich ebenso begeistern wie für einen eleganten Spätburgunder. Aber ich genieße Wein nicht nur im Glas, sondern habe im An- und Ausbau selbst Erfahrungen im eigenen Familienweingut gesammelt. Die Entscheidungen, die man im Wingert trifft, beeinflussen Art und Charakter des Weins. Dinge vom Ende her zu denken, ist auch in der Politik kein schlechter Ansatz."

Die zweite Überraschung entdeckt man bei ihm, wenn es um die Dinge jenseits der Politik geht. Denn Wissing ist bekennender Christ, engagiert in der evangelischen Kirche und das auch noch als aktiver Musiker: "Ich bin Organist und habe viele Jahre im Nebenamt Gottesdienste gespielt", verrät er verblüfften Berlinern, die Orgeln zuweilen seit Jahren nicht mehr gehört haben.

Und so könnte er beim Advents-Gottesdienst zur Einführung der neuen Bundesregierung entweder dankbar "Von guten Mächten wunderbar geborgen" spielen oder aber hoffnungsfroh "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" oder aber appellativ für die schwierige Ampelkoalition "Möge die Straße uns zusammenführen".

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