"Illner intensiv" hätte ein gutes, weil informatives Format werden können: Drei Politiker, die in 30 Minuten zu einem Thema Tacheles reden. Das funktionierte manchmal tatsächlich sehr gut, aber vor allem die gestrige Finalausgabe zum Thema innere Sicherheit zeigte, was bei "Illner intensiv" schiefgelaufen ist.

Christian Vock.
Eine Kritik
von Christian Vock

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"Schläger, Diebe, Terroristen – wie wird Deutschland sicherer?" Mit diesem tendenziösen Titel ging Maybrit Illner in die letzte Runde ihrer Express-Talkshow.

Warum tendenziös? Weil das alles Verbrechen sind, mit denen rechte Parteien versuchen, stereotyp Stimmung gegen Ausländer zu machen.

Wahrscheinlich aber passierte die Titelwahl völlig unbewusst, was fast noch erschreckender ist.

Übertriebene Aufregung? Entscheiden Sie selbst, wenn Sie sich gleichzeitig fragen, warum man bei innerer Sicherheit nicht zum Beispiel Steuerhinterziehung oder Alkohol im Straßenverkehr als Beispielthemen genommen hat. Immerhin zwei Vergehen, die einmal den Staat Milliarden und beim anderen Mal viele Menschen das Leben kosten.

Innere Sicherheit - da fällt Maybritt Illner nur wenig ein

Warum die Einschätzung als tendenziös nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt sich dann auch gleich von Beginn an: Die Silvesterübergriffe in Köln, das Attentat von Anis Amri und die G20-Krawalle, so beginnt Maybrit Illner das Thema innere Sicherheit und gibt ihrem ersten Gast, Thomas de Maizière, gleich die Gelegenheit zu erzählen, was er in der Zwischenzeit beim Ausweisungs- und Abschieberecht nicht alles verschärft hat.

Inhaltlich wird es in den folgenden 30 Minuten relativ belanglos, weil sich auch die anderen beiden Gäste, nämlich Katrin Göring-Eckardt von den Grünen und Thomas Oppermann von der SPD, in fast allen Punkten einig sind. Tenor: Wir brauchen mehr Polizisten.

Maybrit Illner hält das nicht davon ab, ihren Schwerpunkt auf Kriminalität durch Ausländer bis zum Ende durchziehen: Sexuelle Übergriffe, Kriminalität in Flüchtlingsunterkünften, Terror, Zuwanderung und Kriminalität, osteuropäische Clans und Banden – da wirkt es fast wie Hohn, wenn Illner Thomas Oppermann fragt, wie man denn Vorurteile verhindern könne.

Dass Illner, wenn sie schon diesen Schwerpunkt setzt, mit keinem Wort auch nach fremdenfeindlich motivierten Straftaten im Generellen und nach Angriffen gegen Flüchtlingsunterkünfte, Drohungen gegen Politiker und Ehrenamtliche im Speziellen fragt, ist dann nicht mehr zu erklären.

Es geht nicht ums Verschweigen

Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich sind die Übergriffe in Köln oder der Anschlag in Berlin wichtige Themen, die die Bürger zu Recht bewegen.

Und natürlich muss man darüber reden, müssen sich die Verantwortlichen unbequeme Fragen gefallen lassen, wie so etwas passieren konnte. Aber genau das passiert ja schon seit Monaten.

Hört denn innere Sicherheit für Maybrit Illner wirklich bei diesem einen Themenkomplex auf? Wo waren gestern Abend Fragen zu Steuerhinterziehung, zu Cybercrime, zu Korruption, zu Gewalt in Partnerschaften oder vor allem zu Wirtschaftskriminalität, deren Schäden sich laut Bundeskriminalamt "auf über 50 Prozent des Gesamtschadensvolumens aller in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Straftaten" belaufen?

Was beim Thema innere Sicherheit im Kleinen schieflief, gilt im Großen auch für die anderen Themen von "Illner intensiv": Einwanderung, Rente, Arbeitsmarkt, globale Krisen und zum Abschluss innere Sicherheit.

lles wichtige Themen, gar keine Frage. Aber sind das wirklich alle zentralen Probleme?

Warum geht es beim Klimaschutz, der eigentlich Menschenschutz ist, in Deutschland nicht voran? Was tun wir gegen das massenhafte Artensterben mit seinen desaströsen Folgen? Was war noch einmal mit der Agrarwende? Und was ist mit der Bildung, die bei den Bürgern in Umfragen immer ganz oben auf dem Zettel steht, im Wahlkampf der Parteien aber offenbar nicht?

Warum unseren Kindern "Illner intensiv" nicht gefallen hätte

Und auch hier: Es geht nicht darum, Themen, die die Bürger richtigerweise bewegen, zu verschweigen. Natürlich muss man über Verbrechen wie die Übergriffe in Köln und über die Rente reden. Aber eben nicht nur.

Es geht auch darum, dem Zuschauer einmal eine Risikoeinschätzung zu liefern, welche drängenden Probleme ebenso ernsthaft diskutiert werden müssten – wenn es die Parteien im Wahlkampf schon selbst nicht wollen.

Wenn uns unsere Kinder und Enkel irgendwann, nachdem sie der Klimawandel Milliarden gekostet hat und weiter kosten wird und sie sich ernsthaft um ihre Ernährungssicherung sorgen müssen, fragen: Was habt ihr eigentlich damals dagegen getan? Wollen wir dann antworten, dass wir über Bodycams diskutiert haben?

Wie kann es sein, dass die größte Herausforderung, vor der die Menschheit steht, nämlich der Klimawandel, bei "Illner intensiv" überhaupt keine Rolle spielt? Das ist leider kein übertriebener Pathos – es wäre schön, wenn es so wäre.

Illners Pflicht, und die ihrer Redaktion, wäre es gewesen, nicht den Themen, die die Parteien im Wahlkampf setzen, hinterher zu laufen und diese zum x-ten Mal durchzukauen.

Ganz im Gegenteil: Illner und ihr Team hätten genau nach den Themen fragen müssen, die die Parteien bewusst ausgelassen haben, die aber nicht weniger wichtig, manche sogar noch viel wichtiger sind.

Wenn Parteien die bedeutenden Zukunftsthemen im Wahlkampf ignorieren, dann ist das dumm. Wenn eine Polittalkshow wie "Illner intensiv" den Parteien so etwas durchgehen lässt, dann ist das fahrlässig.